Locarno 16: Die Preise

Goldener Leopard für Ralitza Petrova, Bulgarien
Goldener Leopard für Ralitza Petrova, Bulgarien

Der goldene Leopard von Locarno geht dieses Jahr nach Bulgarien, an die Filmemacherin Ralitza Petrova für ihre ungebremst niederschmetternde Bestandesaufnahme Godless (Gottlos). Auch wenn der Titel die Vermutung aufkommen lässt, geht es in dem Film keineswegs um die Abwesenheit religiöser Werte, sondern eigentlich um den Verlust jeglicher menschlichen Orientierung.

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In einem Land voller Korruption schlägt sich die Hauptfigur, eine Altenpflegerin, einigermassen durch, indem sie die ihr Anvertrauten gewissenlos ausnimmt, ihre Identitätskarten stiehlt und sie für illegale Geschäfte weiterverkauft. Ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, in welches Elend das ihre zum Teil bereits dementen Patienten stürzen wird.

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Sandra Bullock akzeptiert die goldene Himbeere persönlich


Sandra Bullock, die gleichzeitig, aber nicht für die gleiche Rolle, auch für einen Oscar nominiert ist, hat gestern überaus souverän die goldene Himbeere als schlechteste Schauspielerin entgegen genommen. Dazu ist sie gleich mit einem Zugwägelchen voller DVD auf die Bühne gekommen, weil, wie sie sagt, wenn die Mehrheit von rund 700 Razzie-Mitgliedern, also wahrscheinlich 352, für, bzw. gegen sie gestimmt hätten, dann liege das vielleicht auch daran, dass die den Film gar nicht gesehen hätten – richtig gesehen. Darum, so Bullock, sei sie bereit, nächstes Jahr auf Verlangen der Razzie-Academy die Himbeere auch wieder zurück zu geben. Persönlich. Seit dem ähnlich souveränen Razzie-Acceptance-Speech (siehe unten) von Halle Berry scheint sich die Einsicht durchzusetzen, dass die Art vom Promotion durchaus effektvoll sein kann – wenn man nicht gerade vom Pech geschlagen ist, Paris Hilton zu sein.

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Cannes 09: Air Doll – Kuki Ningyo

Air Doll Hirokazu Kore-Eda

Der Japaner Hirokazu Kore-eda ist einer meiner Lieblingsregisseure, seit seinem Meisterwerk Maboroshi no hikari. Mit Dokumentarfilmen hat er angefangen und dann mit seinen Spielfilmen immer mehr jene Ecken der japanischen Gesellschaft erforscht, die auf den ersten Blick am unzugänglichsten erscheinen – und gerade darum die universellsten Filmerlebnisse bieten. Der Tod, der Abschied und das mögliche Leben nach dem Abschied gehören zu seinen Themen, am originellsten umgesetzt in After Life. Und jetzt soll der stille Regisseur einen Film über eine aufblasbare Sexpuppe gemacht haben?

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Diagonale 09: Zweimal Glawogger ‚Das Vaterspiel‘ und ‚Contact High‘

Das Vaterspiel Sabine Timoteo Michael Glawogger
Sabine Timoteo ist Mimi in Michael Glawoggers ‚Das Vaterspiel‘

Michael Glawogger war schon ein monumentaler Exportschlager des Filmlandes Österreich, bevor das hiesige ‚Filmwunder‘ so richtig eingesetzt hatte. 1998 wurde sein spektakulärer Dokfilm Megacities (eine Art Slumdog Millionaires in Realität) zu einem Festivalhit. Glawogger hat seit 1984 mindestens 14 Filme gemacht, der nächste Spielfilm ist bereits in Arbeit. Und an der diesjährigen Diagonale ist er mit gleich zwei Spielfilmen präsent (wie sein Kollege Andreas Prochaska übrigens auch): Das Vaterspiel und Contact High. Dass beide Filme vom gleichen Regisseur sind, ist dabei nicht minder verblüffend als ihre jeweilige Radikaliät in ihren Genres (so man sie überhaupt zuordnen will). Eine Literaturverfilmung einerseits, eine Komödie andererseits.

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Diagonale 09: Experimentalfilme

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'FILM IST. a girl & a gun' von Gustav Deutsch

Keine Kunst überlebt ohne Experimente. Und bei keiner Kunst ist die Technik entscheidender als beim Film. Dabei haben wir uns fatalerweise daran gewöhnt, unsichtbare Technik und möglichst perfekte Illusionen als Gipfel des Genusses zu erleben, zumindest im Spielfilm. Wenn nun die Filmkünstler für sich und im kleinen (das heisst ausserhalb der Zulieferdienste des grossen Verwertungsapparates Hollywood) mit der Technik experimentieren, dann entstehen diese meist kurzen, oft aber doch viel zu langen kleinen Filme, die fast ausschliesslich an Festivals und in Galerien zu sehen sind. Ganz grob kann man sie in drei Gruppen einteilen:

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Diagonale 09: Liebe und andere Verbrechen

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In der Reihe „Spektrum“, einer Art Sammelbecken für koproduzierte Perlen, zeigt die Diagonale Filme, die schon anderswo zu entdecken gewesen wären, es aber nicht in allen Fällen wirklich geschafft haben. Eines dieser Kleinode ist Ljubav i drugi zlocini (Liebe und andere Verbrechen) von Stefan Arsenijevic aus Belgrad. Die wunderbar spröde Anica Dobra spielt Anica, die Geliebte von Milutin, einem alternden Quartiergangster in Neu-Belgrad. Sie will ein neues Leben beginnen und am Abend des vom Film erzählten Tages in ein Flugzeug steigen. Heimlich nimmt sie Abschied, von der dementen Grossmutter im Altersheim, von der autistischen Tochter des Milutin. Aber da ist noch Stanislav, die rechte Hand von Milutin, ein schüchterner Träumer, heimlich in Anica verliebt seit zwölf Jahren.

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Diagonale 09: Kleine Fische

Kleine Fische Sabrina Reiter Michael Steinocher

Es ist in Österreich nicht anders als in der Schweiz: Wenn sich der Film feiert, sind auch die zugewandten Orte dabei, die Politiker, die Seiten-, Neben- und die Rundum-Künstler. Zur Eröffnung der 12. Diagonale in Graz (der ersten unter der neuen Leitung von Barbara Pichler) war die List-Halle hinter den sieben Geleisen wieder dicht gefüllt mit tout Graz und halb Wien. Schliesslich ist der österreichische Film wieder wer, die Ausländer habens schon gemerkt, und allmählich fällt es auch den Österreichern auf, spottete Josef Hader, der zur Eröffnung den Schauspielerpreis der Diagonale bekommen hat – für alle seine Rollen, nicht nur für den Knochenmann. Für ihre Rolle im Knochenmann hat den Preis aber Birgit Minichmayr gekriegt (und ihn eben so kurz und herzlich dankend entgegen genommen wie letzten Monat ihren Berlinale-Bären).

So richtig eröffnet wurde das diesjährige Festival des österreichischen Films dann aber mit Kleine Fische, dem charmanten Spielfilmdebut von Marco Antoniazzi. Der Film spielt in einem Wiener Quartier, in einem kleinen Fischladen. Gleich zu Beginn stirbt der Ladeninhaber, seine beiden unterschiedlichen Söhne versuchen zusammen mit der Mutter das Geschäft am laufen zu halten. Der jüngere ernsthaft und mit einem gewissen Groll gegen den älteren, der als 13jähriger die Familie verlassen hatte und jetzt eigentlich nur gekommen ist, um allenfalls etwas zu erben.

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So ein Quartz! Immerhin: Alles ist Home, was glänzt

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Es war eine Mischung aus Charme und kleineren Peinlichkeiten, die wir heute Abend im KKL in Luzern erlebt haben. Zum einen ist jede derart geraffte Preisverleihung einfach eine Reihung des Immergleichen. Zum anderen werden sich die Veranstalter im nächsten Jahr wohl gut überlegen, ob sie wieder stolz auf prominente Präsentatoren verweisen sollen, wenn sie die dann am Abend selber wieder entschuldigen müssen. Luc Bondy war verhindert, Geraldine Chaplin hat abgesagt, aufgrund des Todes ihres Bruders, und Maurice Jarre ist gar selber im Spital gelandet. Dass Präsentatorin Kunz diese Gäste immer ab- und dann den Ersatz ansagen musste, trug etliches zur gemischten Heiterkeit bei.

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The Curious Case of Benjamin Button – eine Nachlese

Brad Pitt Old in The Curious Case of Benjamin Button Foto Warner Bros

Manchmal bringt es etwas, einen Film erst sehr spät zu sehen. Im Fall von David Finchers F. Scott-Fitzgerald-Verfilmung The Curious Case of Benjamin Button habe ich einen ganzen Monat gebraucht, einen Monat, in dem ich diverse Besprechungen gehört und gelesen habe, und gesehen habe, wie der Film von dreizehn Oscar-Nominationen ganze drei einlösen konnte, alle drei für seine Oberflächengestaltung (Makeup, Art Direction, Visual Effects). Tatsächlich, so scheint mir, hat David Fincher diese sehr oberflächlich geschriebene, auf einem einzigen Einfall ruhende Geschichte Fitzgeralds sozusagen flächendeckend ausgebreitet. Entsprechend anregend funktioniert diese mit Gold- und Silberfäden durchwirkte filmische Webarbeit, und nach jeder sorgfältig eingeflochtenen Anregung zur gedanklichen Vertiefung blitzt Fincher die mit einem kleinen szenischen Gag weg: Da ist der Altersheimbewohner, der – als running Gag – immer wieder erzählt, wie er sieben Mal in seinem Leben vom Blitz gegtroffen worden sei. Und jedes Mal zeigt Fincher einen dieser Blitzschläge, auf liebevoll gealtertem Filmmaterial.

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