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    Diagonale 09: Liebe und andere Verbrechen

    Von Michael Sennhauser | 19. März 2009 - 10:14

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    In der Reihe „Spektrum“, einer Art Sammelbecken für koproduzierte Perlen, zeigt die Diagonale Filme, die schon anderswo zu entdecken gewesen wären, es aber nicht in allen Fällen wirklich geschafft haben. Eines dieser Kleinode ist Ljubav i drugi zlocini (Liebe und andere Verbrechen) von Stefan Arsenijevic aus Belgrad. Die wunderbar spröde Anica Dobra spielt Anica, die Geliebte von Milutin, einem alternden Quartiergangster in Neu-Belgrad. Sie will ein neues Leben beginnen und am Abend des vom Film erzählten Tages in ein Flugzeug steigen. Heimlich nimmt sie Abschied, von der dementen Grossmutter im Altersheim, von der autistischen Tochter des Milutin. Aber da ist noch Stanislav, die rechte Hand von Milutin, ein schüchterner Träumer, heimlich in Anica verliebt seit zwölf Jahren.

    Autor und Regisseur Arsenijevic nutzt die Spielanlage seiner Figurenkonstellation für ein Maximum an Lokalkolorit auf minimaler Fläche. Der grösste Teil des Films spielt innerhalb einer unglaublich tristen Beton-Wohnturmmaschine, zwischen kleinen Wohnungen und ‚Bisnesses‘ wie Solarium, Würstelbude oder Pornovideothek. Um so stärker dann die Bilder, welche den Raum öffnen. Wenn etwa Milutin, aus Rache für seinen vergifteten Hund, veranlasst, dass einer seiner Schergen dafür den geliebten Papagei des Konkurrenten aus dem Käfig lassen soll, und dieser farbige, exotische Vogel dann minutenlang zwischen den Wohntürmen durch den fallenden Schnee fliegt, seltsam kreischend und unfähig, die tödliche Freiheit wirklich zu mehr als einer Endlosschleife zu nutzen.

    Die Gegenüberstellung von brutalem Kleingangstertum und einer familiären Fürsorglichkeit zwischen den Figuren wirkt so deprimierend wie anheimelnd. Man glaubt selbst Milutin zu verstehen, wenn er gegen Ende seufzt, immer hätte er geglaubt, dass es einmal besser werde, aber nie werde es wirklich besser. Da klingt zwar auch ein wenig die britische Macho-Gangster-Romantik eines Guy Ritchie an, aber Arsenijevic überlässt die seinen Figuren, der Film macht unmmisstverständlich klar, dass das Wesentliche im „trotzdem“ liegt. Denn jede Figur sorgt für eine andere, Milutin für seine stumme Tochter, Stanislav für seine alte Mutter, der er abendliche Gesangsauftritte organisiert und den Veranstalter nicht nur dafür bezahlt, sondern ihm auch noch abgezählt die Gage für die Sängerin in die Hand drückt.

    Liebe und andere Verbrechen Stefan Arsenijevic

    Nicht wenig zur Stimmung des Films trägt die minimalistische Musik der niederösterreichischen Gruppe Naked Lunch bei. Ihre instrumentellen Klangmalereien erinnern an die Genfer Dead Brothers, die zum Beispiel den Soundtrack zum Tatoo-Film Flammend‘ Herz geliefert hatten. Beide Bands kokettieren passenderweise damit, dass sie eigentlich tot seien, inexistent, was sie nur um so lebendiger klingen lässt. Und im Fall von Ljubav i drugi zlocini perfekt passt. Denn auch hier geht es um Menschen, die in ihrer tristen Umgebung fast abgestorben sind – und auch darum wissen.

    Der Film ist eine romantische Tragikomödie ohne Inkonsequenzen und Konzessionen. Ein harter Brocken, der weich im Magen liegt, oder auch genau umgekehrt. Steht zu hoffen, dass er auch eine Kinoauswertung im einen oder anderen Land erfährt. Weltvertrieb hat The Match Factory.

    Liebe und andere Verbrechen Poster

    Topics: Autor / Drehbuchautorin, Film, Filmbesprechung, Filmfestival, Regisseur/in, Schauspieler/in | Kommentare deaktiviert für Diagonale 09: Liebe und andere Verbrechen

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