Abbitte bei Alain Tanner

Messidor von Alain Tanner

Alain Tanner hat Geburtstag, und ich habe mich zur vielleicht perversesten, sicher aber ungewöhnlichsten Hommage meiner journalistischen Laufbahn entschlossen. Am Sonntag wird er 80 Jahre alt, die Verkörperung des international erfolgreichen Schweizer Autorenfilms, das Aushängeschild der siebziger Jahre, der Mann, der sich mit Charles mort ou vif (1969) und La salamandre (1971) eigentlich schon unsterblich gemacht hatte. Sein Jonas qui aura 25 ans en l’an 2000 von 1976 ist einer der Lieblingsfilme einer ganzen Generation, und ich habe ihn geliebt für Messidor von 1979, seine urschweizerische Vorwegnahme von Thelma & Louise.

Alain Tanner

Seit 1991 aber bin ich Alain Tanner nach Möglichkeit aus dem Weg gegangen, selbst zu den Zeiten, in denen ich ihm als Redaktor der Branchenzeitschrift Cinébulletin gelegentlich hätte begegnen müssen. Der Grund dafür war ein permanent schlechtes Gewissen, denn Tanners Film L’homme qui a perdu son ombre von 1991 hatte mich zu einem der giftigsten Verrisse meiner Laufbahn provoziert. Ich stehe noch heute dazu, dass der Film verunglückt ist, aber die Häme des Textes kann ich heute nur noch mit enttäuschter Liebe erklären: Ich hatte Tanner verehrt, und ich mochte nicht miterleben, wie er sich im Alter verlor. Damit nun auch andere das Ausmass meiner Enttäuschung nachvollziehen können, und als Vertreibung alter Geister, habe ich den Text aus der Zeitung von 1991 abgetippt (das Original liegt irgendwo auf einer ATARI 3.5 Zoll Diskette in einem antiken Format) und stelle ihn hier in den Blog.

Ich gratuliere Alain Tanner ganz herzlich zum Geburtstag und hoffe, er lese heute weder Deutsch noch Internet. Falls aber doch: Bitte nehmen Sie die fast zwanzig Jahre alte jugendliche Tirade als Ausdruck enttäuschter Liebe und damit als verkappte Liebeserklärung an!

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Die Unverpassbaren, Woche 50

Katie Jarvis und Michael Fassbender in 'Fish Tank' von Andrea Arnold © Pathefilms
Katie Jarvis und Michael Fassbender in 'Fish Tank' von Andrea Arnold © Pathéfilms

Der letzte Monat des Jahres ist bereits ein wenig angebraucht, die Weihnachtsfilme zucken in leiser Erwartung auf ihren Rollen. Bevor es aber los geht, übernächste Woche, mit Avatar und Where the Wild Things Are, hier die fünf Filme im aktuellen Angebot, die niemand verpassen sollte:

  1. Fish Tank von Andrea Arnold. Die harte Pubertät einer 15jährigen ohne Luxusprobleme, zwischen warmer Wut und kalter Hoffnung.
  2. Tannöd von Bettina Oberli. Die stimmungsvolle und rasant geschnittene Verfilmung des Bestsellers..
  3. Die Frau mit den fünf Elefanten von Vadim Jendreyko. Ein schönes Portrait einer wunderbaren alten Frau.
  4. Mary & Max berührend schönes, tabufreies und rotzfreches Plastillinkino aus Australien.
  5. Looking for Eric von Ken Loach. Eine wunderbare Tragikomödie mit Steilpass von Fussballstar Cantona.

Nicht ganz geglückt ist leider, seinem Titel zum Trotz, Woody Allens Whatever Works. Mehr dazu morgen im Filmpodcast.

Die Unverpassbaren, Woche 49

Gefällt ohne ganz zu überzeugen: 'Novemberkind' von Christian Schwochow
Gefällt, ohne ganz zu überzeugen: ‚Novemberkind‘ von Christian Schwochow

Hier also wieder die fünf Filme im aktuellen Kinoangebot der Deutschschweiz, die Sie meiner Meinung nach nicht verpassen sollten. Da Novemberkind zwar gefällt, aber nicht völlig überzeugt, und weil New Moon zwar unüberseh- aber ganz bestimmt nicht unverpassbar ist, bleibt die Liste die gleiche wie vor einer Woche:

  1. Tannöd von Bettina Oberli. Die stimmungsvolle und rasant geschnittene Verfilmung des Bestsellers..
  2. Die Frau mit den fünf Elefanten von Vadim Jendreyko. Ein schönes Portrait einer wunderbaren alten Frau.
  3. Mary & Max berührend schönes, tabufreies und rotzfreches Plastillinkino aus Australien.
  4. Looking for Eric von Ken Loach. Eine wunderbare Tragikomödie mit Steilpass von Fussballstar Cantona.
  5. Das Weisse Band von Michael Haneke. Ein präziser Entwurf zur Jugend jener Generation, die später Hitler wählte – und das altersweise (und alterssture) Gegenstück zu Bettina Oberlis Tannöd.

The Twilight Saga: NEW MOON

Wahre Liebe wartet. Robert Pattinson und Kristen Stewart © ascot elite
Wahre Liebe wartet. Robert Pattinson und Kristen Stewart © ascot-elite

Schon überraschend, wenn in einem Vampirfilm nur von den Werwölfen richtig zugebissen wird. Mit diesem zweiten Film ist die Saga bei der Buchreihe (und der Harry-Potter-Franchise) angekommen, und all die schmachtend konservativen Werte von Stephenie Meyers Romanen sind auf dem besten Weg, zur Formel zu erstarren. Ist es Catherine Hardwicke mit dem ersten Film noch erstaunlich gut gelungen, Romantik, Frauentraum und Teenager-Angstlust in ansprechender Schwebe zu halten, spielt Auftragsregisseur Chris Weitz die vom Studio zweifellos analysierten Attraktionselemente bereits in serieller Reihung aus: „Wahre Liebe wartet“ ist das zentrale Motto, auch wenn es im Film nie so ausgesprochen wird.

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Die Unverpassbaren, Woche 48

Swetlana Geier: 'Die Frau mit den fünf Elefanten' © cineworx
Swetlana Geier: 'Die Frau mit den fünf Elefanten' © cineworx

Hier sind sie, die fünf Filme im aktuellen Kinoangebot der Deutschschweiz, die Sie meiner Meinung nach nicht verpassen sollten:

  1. Tannöd von Bettina Oberli. Die stimmungsvolle und rasant geschnittene Verfilmung des Bestsellers..
  2. Die Frau mit den fünf Elefanten von Vadim Jendreyko. Ein schönes Portrait einer wunderbaren alten Frau.
  3. Mary & Max berührend schönes, tabufreies und rotzfreches Plastillinkino aus Australien.
  4. Looking for Eric von Ken Loach. Eine wunderbare Tragikomödie mit Steilpass von Fussballstar Cantona.
  5. Das Weisse Band von Michael Haneke. Ein präziser Entwurf zur Jugend jener Generation, die später Hitler wählte – und das altersweise Gegenstück zu Bettina Oberlis Tannöd.

Die Unverpassbaren, Woche 47

Steve Evets und Eric Cantona in 'Looking for Eric' © filmcoopi
Steve Evets und Eric Cantona in 'Looking for Eric' © filmcoopi

Dies sind die donnerstäglichen fünf Filme aus dem aktuellen Deutschschweizer Angebot, welche meiner Meinung nach niemand verpassen sollte:

  1. Looking for Eric für einmal ist Ken Loach nicht nur engagiert und gut und eindrücklich, sondern auch noch richtig populär.
  2. Mary & Max berührend schönes, tabufreies und rotzfreches Plastillinkino aus Australien.
  3. The Informant Irrwitziges Verwirrspiel in Kreisen des FBI und der Wirtschaftskriminalität. Mit einem einmal mehr perfekt unscheinbaren Matt Damon.
  4. El nido vacio von Daniel Burman aus Argentinien. Der Film ist ein kleine Schule des Sehens.
  5. Das Weisse Band von Michael Haneke. Ein präziser Entwurf zur Jugend jener Generation, die später Hitler wählte.

Duisburg 09: SOUNDS AND SILENCE von Norbert Wiedmer und Peter Guyer

Manfred Eicher und Arvo Pärt in Sounds and Silence
Manfred Eicher und Arvo Pärt in 'Sounds and Silence'

Filme reagieren auf ihre Umgebung, das ist eine klassische Festivalerkenntnis. Am Filmfestival von Locarno, letzten Sommer im August, konnten sich die Schweizer Dokumentarfilmer Norbert Wiedmer und Peter Guyer anlässlich der Uraufführung von Sounds & Silence feiern lassen. An der Viennale vor einer Woche wurde die Vorführung zu einem kleinen Triumph – nicht zuletzt dank der der Anwesenheit etlicher Musiker aus dem Film rund um den renommierten Produzenten Manfred Eicher. Hier in Duisburg heute morgen gab es neben der Begeisterung aber auch kritische Stimmen – und gerade dies spricht paradoxerweise wieder für den Film: Die Duisburger Filmwoche, bekannt, beliebt und berüchtigt für ihre Diskussionskultur und die ideologischen Grabenkämpfe im Publikum ist in den letzten Jahren zahmer geworden. Das heisst: Das Publikum ist jünger und zahmer geworden, Ideologie, politische Grundsätze, theoretische Vorgaben sind ihm zunehmend fremd geworden, und insofern waren die Diskussionen in diesem Jahr (wie immer in den wunderbaren Protokollen nachzulesen) weitgehend einem Konsens verpflichtet. Anders bei Sounds and Silence:

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Duisburg 09: BESPRECHUNG von Stefan Landorf

Besprechung von Stefan Landorf

Es sind die abstrakten Arbeitswelten, mit denen sich die Künstler in aller Regel am wenigsten gerne auseinandersetzen. Filme über Handwerker und Arbeiter gibt es jede Menge, aber mit dem, was die Tage des grossen westlichen Mittelstandes ausfüllt, weiss mit Ausnahme von Harun Farocki kaum jemand etwas anzufangen. Warum nicht? Eine Antwort wäre: Weil da nichts passiert, weil da nur geredet wird, besprochen, geplant. Stefan Landorf ist damit nicht einverstanden. Der ehemalige Arzt, der, wie er selber sagt, seinem Fachgebiet und dessen Fachsprache nur knapp entronnen ist, isoliert mit Besprechung das menschliche Ritual, das institutionalisierte Drama der gewöhnlichen „Sitzung“. Er hat Sitzungen gefilmt, in grossen und kleinen Firmen, bei der Bundeswehr, der Kinderhilfe, in einem selbstverwalteten Internat, bei einer Bank. Von diesen Sitzungen zeigt er grosse Ausschnitte, einzelne Phrasen hat er herausgelöst und lässt sie von den Protagonisten isoliert noch einmal einsprechen. Und er lässt die gleichen Phrasen von jungen Schauspielern nachsprechen, während diese farbige Trennwände durch einen Raum schieben. So bekommen diese Formulierungen, Sprachhülsen, Wendungen plötzlich eine Gravitas, ein mitunter komisches, oft aber auch ein trauriges Gewicht.

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Die Unverpassbaren, Woche 46

Matt Damon ist 'The Informant' © Warner Bros
Matt Damon ist 'The Informant' © Warner Bros

Und hier wieder – aus der Ferne gebloggt – die donnerstäglichen fünf Filme aus dem aktuellen Deutschschweizer Angebot, welche meiner Meinung nach niemand verpassen sollte:

  1. Mary & Max berührend schönes, tabufreies und rotzfreches Plastillinkino aus Australien.
  2. The Informant Irrwitziges Verwirrspiel in Kreisen des FBI und der Wirtschaftskriminalität. Mit einem einmal mehr perfekt unscheinbaren Matt Damon.
  3. El nido vacio von Daniel Burman aus Argentinien. Der Film ist ein kleine Schule des Sehens.
  4. Das Weisse Band von Michael Haneke. Ein präziser Entwurf zur Jugend jener Generation, die später Hitler wählte.
  5. Gigante von Adrián Biniez. Ein überraschender Film aus Uruguay mit einem wunderbaren, massigen Hauptdarsteller.

Duisburg 09: OCEANUL MARE von Katharina Copony

oceanul mare von Katharina Copony

Wenn ich gestern im Blogeintrag zu Lost Town von Jörg Adolph behauptet habe, dass die besten Dokumentarfilme jene seien, welche die Geschichte ihrer Entstehung miterzählen, so ist es nicht mehr als folgerichtig, wenn mich heute eine österreichische Filmemacherin mit ihrem Film daran erinnert hat, dass das gar nicht immer nötig ist: Oceanul mare von Katharina Copony braucht sie gar nicht, diese unterschwelligen Strukturen der Blicklenkung, weil der Film nie behauptet, eine gewonnene Erkenntnis weitergeben zu wollen. So wie Copony drei Protagonisten der chinesischstämmigen Einwandererschaft in Bukarest filmt, ermöglicht sie einen Erkenntnisprozess, der sich mit dem ihren nicht zu decken braucht. Natürlich hat sie mit Dolmetscherinnen gearbeitet (gleich mit zweien, eine für Mandarin und eine für Rumänisch) natürlich stellt sie uns Untertitel zur Verfügung und natürlich hat sie gezielt ausgewählt, welche Erzählungen der Einwanderer sie auf welche Weise montiert und mit ergänzenden Bildern unterlegt. Aber was es für mich dabei zu gewinnen gibt, muss ich schon selber entscheiden.

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