Diagonale 10: DIRTY DAYS von Helmut Berger

Dirty Days Helmut Berger

Ein Schauspieler, der einen Dokumentarfilm macht über die ursprünglichste Form seines Berufes, das Tingeln, das hat schon grundsätzlich etwas Reizvolles. Im Falle von Dirty Days kommen aber noch etliche Reize dazu und am Ende steht ein überaus reizender Film. Helmut Berger, den man in der Schweiz auch von seiner Zeit in Basel kennt, hat sich überreden lassen, mit einer bunt zusammengewürftelten kleinen Truppe auf eine Theatertournee durch die deutsch-österreichisch-schweizerische Provinz zu gehen. ein Monat, 9000 Kilometer, billige Hotels und ein chaotisches Management, bei dem zu allem Elend am Ende auch noch die Impresaria mit der Kasse verschwindet. Und als ob das nicht alles schon schrecklich genug wäre, gibt die Truppe ausgerechnet Ödön von Horváths bittere Komödie Zur schönen Aussicht, ein Stück, mit dem die unerschrockene Truppe es in manchen Provinztheatern schon vor der Pause schafft, den halben Saal zu leeren – weil es ein böses Stück ist, ein giftiges, ein österreichisches, sozusagen.

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Die Unverpassbaren, Woche 12

Jeff Bridges in 'Crazy Heart' ©Fox
Jeff Bridges in 'Crazy Heart' ©Fox

Erst diese fünf Filme sehen. Dann alle anderen.

  1. Crazy Heart von Scott Cooper. Jeff „The Dude“ Bridges in Oscar-Mode. ’nuff said, already, damn.
  2. Air Doll – Kûki ningyô von Hirokazu Kore-eda. Der japanische Meister verwandelt die Geschichte einer Sexpuppe in pure Poesie. (Reflexe mit dem Regisseur am Montag, 22. März)
  3. The Men Who Stare at Goats von Grant Heslov. Eine Armee-Satire die sich gleichermassen über Esoteriker wie über Kriegsgurgeln lustig macht – und einem unglaublichen Sachbuch entspringt.
  4. Shutter Island von Martin Scorsese. Die Filme des Meisters drehen sich eigentlich nur noch um das Kino als schizophrene Erlebniswelt. Das aber gründlich und grossartig.
  5. Lourdes von Jessica Hausner. Niemand sonst blickt so sanft und doch gnadenlos auf Gnadesuchende wie diese Österreicherin. Erlösend anders.

Ausserdem zeigt das Zürcher Filmpodium den kommerziell nicht auswertbaren, aber wahrhaft erschütternden Hunger von Steve McQueen. Und Precious läuft an, der Film, der in den USA nicht nur Begeisterung ausgelöst hat, sondern auch den Vorwurf, er zementiere rassistische Klischees. Mehr dazu morgen im Filmpodcast.

Diagonale 10: KOMA

'Koma' von Ludwig Wüst © Klemens Koscher

Niemand in Europa hat den cineastischen Selbsthass, den gnadenlosen Blick auf die menschliche Unzulänglichkeit weiter entwickelt als die Österreicher. Michael Hanekes strukturelle Gewalt, seine erfolgreiche Methode, sein Publikum zum ecce homo zu vergewaltigen, steht neben Ulrich Seidls dokumentarischer Methode. Ludwig Wüst stammt aus Bayern, er lebt aber seit vielen Jahren in Wien. Und Wüsts Spielfilm Koma schliesst nun sozusagen die Lücke zwischen Haneke und Seidl. Wie beim Diagonale-Eröffnungsfilm Der Kameramörder bildet ein Gewaltvideo den Reaktorkern.

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Diagonale 10: Lust rennt

Andreas Lust ist 'Der Räuber' bei Benjamin Heisenberg
Andreas Lust ist 'Der Räuber' bei Benjamin Heisenberg

Nach der leisen Enttäuschung über den Eröffnungsfilm Der Kameramörder von gestern, war die Freude heute doppelt gross über Benjamin Heisenbergs Berlinale-Kandidat Der Räuber. Das Verbindende Element zwischen den beiden Filmen ist natürlich Andreas Lust, der gestern mit dem Diagonale-Schauspielerpreis ausgezeichnet wurde, eben so wie seine Partnerin in Der Räuber, Franziska Weisz. Dabei haben die beiden Filme nicht nur Lust gemeinsam, sondern etliche Züge, welche beim Räuber zu Stärken werden, im Kameramörder aber Schwächen bleiben. Bevor ich dazu komme, aber einfach ein augenzwinkernder Bildvergleich. Oben Lust als Räuber, unten, ebenfalls rennend, in Der Kameramörder:

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Diagonale 10: DER KAMERAMÖRDER

Ursina Lardi, Dorka Gryllus, Andreas Lust, Merab Ninidze in 'Der Kameramörder'
Ursina Lardi, Dorka Gryllus, Andreas Lust, Merab Ninidze in 'Der Kameramörder'

Es ist ein Kreuz mit den Eröffnungsfilmen. Schliesslich müssen die neben den Hardcore-Cinephilen auch noch die Frau des stellvertretenden Bürgermeisters ansprechen, den Staatsratsvorsitzenden und seine Enkelin, und seine Exzellenz, den Botschafter des koproduzierenden Nachbarlandes. Mit der Verfilmung eines erfolgreichen Buches ist man wohl schon mal einen Schritt näher beim Publikumskino. Aber was Robert Adrian Pejo mit seinem Team da aus dem gleichnamigen Buch von Thomas Glavinic gebastelt hat, ist eher ein Showreel für talentierte Leute, ein bunter Strauss dramatischer Andeutungen, aber ohne psychologische Entwicklung, dramatische Logik und vor allem ohne zwingenden Bogen.

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Die Unverpassbaren, Woche 11

'Air Doll - Kuki Ningyo' von Hirokazu Kore-eda ©trigon
'Air Doll - Kuki Ningyo' von Hirokazu Kore-eda ©trigon

Erst diese fünf Filme sehen. Dann alle anderen.

  1. Air Doll – Kûki ningyô von Hirokazu Kore-eda. Der japanische Meister verwandelt die Geschichte einer Sexpuppe in pure Poesie. (vorerst in Zürich, ab 18. März auch an anderen Orten)
  2. The Men Who Stare at Goats von Grant Heslov. Eine Armee-Satire die sich gleichermassen über Esoteriker wie über Kriegsgurgeln lustig macht – und einem unglaublichen Sachbuch entspringt.
  3. Shutter Island von Martin Scorsese. Die Filme des Meisters drehen sich eigentlich nur noch um das Kino als schizophrene Erlebniswelt. Das aber gründlich und grossartig.
  4. Lourdes von Jessica Hausner. Niemand sonst blickt so sanft und doch gnadenlos auf Gnadesuchende wie diese Österreicherin. Erlösend anders.
  5. An Education von Lone Scherfig. Schulmädchen wird wild. Das Drehbuch von Nick Hornby mag brav sein – die Inszenierung der Dänin hat Power und Herz.

Dann wäre da noch Sturm von Hans Christian Schmid, ein durchaus eindrücklicher, wenn auch gezielt didaktischer Film über die politische Verhinderung gerechter Rechtssprechung am Menschengerichtshof. Und J’ai tué ma mère , ein beeindruckender Erstling. Mehr morgen im Filmpodcast .

Variety feuert Chefkritiker Todd McCarthy

Variety logo

Variety, das Branchentraditionsblatt Hollywoods, hat offenbar seinen langjährigen Chefkritiker Todd McCarthy auf die Strasse gestellt, in der Hoffnung, den Mann als freien Kritiker billiger beschäftigen zu können. Für viele von uns, gerade hier in Europa, war McCarthy der Hauptgrund, Variety zu lesen, online und auf Papier. Seine bedächtige Art, Filme als kommerzielle Vehikel und als Kunstwerke unter die Lupe zu nehmen, war über dreissig Jahre lang sehr eindrücklich. Roger Ebert hat eine Art Protest-„Nachruf“ zusammengestellt.

Nachtrag 20:40 Uhr: Wenn diese Behauptung von defamer stimmt, dann geht Variety wirklich vor die Hunde.

Die Unverpassbaren, Woche 10

Mark Ruffalo, Leonardo di Caprio in 'Shutter Island' ©UPI
Mark Ruffalo, Leonardo di Caprio in 'Shutter Island' ©UPI

Erst diese fünf Filme sehen. Dann alle anderen.

  1. Shutter Island von Martin Scorsese. Die Filme des Meisters drehen sich eigentlich nur noch um das Kino als schizophrene Erlebniswelt. Das aber gründlich und grossartig.
  2. Lourdes von Jessica Hausner. Niemand sonst blickt so sanft und doch gnadenlos auf Gnadesuchende wie diese Österreicherin. Erlösend anders.
  3. An Education von Lone Scherfig. Schulmädchen wird wild. Das Drehbuch von Nick Hornby mag brav sein – die Inszenierung der Dänin hat Power und Herz.
  4. The Ghostwriter von Roman Polanski. Unter normalen Umständen ein solider Thriller. Aber mit Polanski unter Hausarrest und Tony Blair unter Beschuss gewinnt der Film an Aktualität, Witz und Biss.
  5. A Single Man von Tom Ford. Ein stilsicherer Erstling vom Modeschöpfer. Aber vor allem eine Glanzleistung von Schauspieler Colin Firth.

Tim Burtons Alice in Wonderland leidet darunter, dass Disney gewonnen hat. Ist halt lange her seit Dumbo , fast siebzig Jahre, um genau zu sein. Mehr zu beiden morgen im Filmpodcast .

Die Unverpassbaren, Woche 9

Elina Löwensohn in 'Lourdes' von Jessica Hausner ©xenix
Elina Löwensohn in 'Lourdes' von Jessica Hausner ©xenix

Erst diese fünf Filme sehen. Dann alle anderen.

  1. Lourdes von Jessica Hausner. Niemand sonst blickt so sanft und doch gnadenlos auf Gnadesuchende wie diese Österreicherin. Erlösend anders.
  2. An Education von Lone Scherfig. Schulmädchen wird wild. Das Drehbuch von Nick Hornby mag brav sein – die Inszenierung der Dänin hat Power und Herz.
  3. The Ghostwriter von Roman Polanski. Unter normalen Umständen ein solider Thriller. Aber mit Polanski unter Hausarrest und Tony Blair unter Beschuss gewinnt der Film an Aktualität, Witz und Biss.
  4. A Single Man von Tom Ford. Ein stilsicherer Erstling vom Modeschöpfer. Aber vor allem eine Glanzleistung von Schauspieler Colin Firth.
  5. Up in the Air von Jason Reitman. George Clooney als vielfliegender Entlasser, a single serious man zwischen Grounding und Durchstarten.

Finger weg von Nine, das ist allenfalls als Trailer geniessbar. Dafür macht Gitta Gsells Bödälä im Kino Vergnügen, auch wenn der Film nicht absolut unumgänglich ist. Warum, das erkläre ich morgen im Filmpodcast .

Die Unverpassbaren, Woche 8

Kim Catrall, Olivia Williams, Pierce Brosnan in: 'The Ghost Writer' ©pathe films
Kim Catrall, Olivia Williams, Pierce Brosnan in: 'The Ghost Writer' ©pathéfilms

Erst diese fünf Filme sehen. Dann alle anderen.

  1. The Ghostwriter von Roman Polanski. Unter normalen Umständen ein solider Thriller. Aber mit Polanski unter Hausarrest und Tony Blair unter Beschuss gewinnt der Film an Aktualität, Witz und Biss.
  2. A Single Man von Tom Ford. Ein stilsicherer Erstling vom Modeschöpfer. Aber vor allem eine Glanzleistung von Schauspieler Colin Firth.
  3. Up in the Air von Jason Reitman. George Clooney als vielfliegender Entlasser, a single serious man zwischen Grounding und Durchstarten.
  4. Troubled Water von Erik Poppe. Niemand bleibt allein mit seiner Vergangenheit – ein raffiniertes Verwirrspiel.
  5. A Serious Man von Joel und Ethan Coen. Die tiefgefühlte, todtraurige und sterbenslustige Tragikomödie der filmwütigen jüdischen Agnostiker aus Minnesota.

Im Filmpodcast von morgen Freitag folgt dann noch die Erklärung, warum Peter Jacksons The Lovely Bones ziemlich verpassbar geworden ist und warum auch Invictus von Routinier Clint Eastwood niemanden ins Kino zwingen sollte.