Locarno 09: ‚Frontier Blues‘ von Babak Jalali

Frontier Blues Turkmen

Da haben wir erst den dritten Film im aktuellen Wettbewerb von Locarno, der sich als wenigstens einigermassen würdig erweist (die anderen beiden sind der und vor allem der) – auch wenn er gleichzeitig alle Referenz-Klischees erfüllt, um hier die Nebenpreise abzuräumen. Gedreht von einem Iraner unter vierzig (Babak Jalali hat Jahrgang 1978), entwickelt mit einem Stipendium der Cinéfondation Cannes, gewidmet der Geburtststadt des Regisseurs und auch dort angesiedelt: In Gorgan, einem Dorf an der Grenze zwischen Iran und Turkmenistan, bevölkert von mehrheitlich schweigenden, einsamen Männern in aberwitziger Perspektivenlosigkeit.

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Locarno 09: First Squad: ‚The Moment of Truth‘ von Yoshiharu Ashino, Aljoscha Klimov, Misha Shprits

first squad photo

First Squad: The Moment of Truth ist ein Filmhybride in mehrfacher Hinsicht. Die russisch-japanisch-kanadische Gemeinschaftsarbeit vereinigt populäre russische Kriegs- und Widerstandsmythen mit japanischer Anime-Technik auf hohem Niveau. Im Zentrum der Geschichte steht eine Gruppe toter Teenager-Agenten, also eigentlich Geister, welche von der einzigen Überlebenden der einst eingeschworenen Spezialeinheit Jugendlicher mit paranormalen Fähigkeiten zum Kampf gegen eine Horde germanischer Zombies aus dem frühen Mittelalter geholt werden. Diese Zombies unter der Führung des ruchlosen Barons von Wolff wurden von der geheimen SS-Einheit „Ahnenerbe“ reaktiviert im Kampf gegen die rote Armee im Winter 1942. – Ja, ich weiss. Aber tatsächlich ist es diese überbordende Fantastik, welche diesem Film eine spezielle Aura verleiht.

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Locarno 09: ‚Les derniers jours du monde‘ von Arnaud & Jean-Marie Larrieu

Mathieu Amalric les-derniers-jours

Meistens ist es kein gutes Zeichen, wenn man in Versuchung kommt, einen Film als „eine Mischung aus…“ zu bezeichnen. Aber diesem skurrilen Monster lässt sich so am leichtesten eine Rampe bauen. Die verrückten Larrieus haben keine Mühe und keinen Aufwand gescheut, die letzten Tage der Welt so absurd, überbordend und gaga-kafkaesk ins Bild zu rücken, dass ich nun frohgemut behaupte, da treffe das Location- und Gadget-Konzept der James-Bond-Filme auf die dekorative Dekadenz von Fellinis Satyricon und alle bisherigen Endzeitfilme. Und als ob das nicht genüge, stolpert Mathieu Amalric von einer überdrehten Frauenfigur zur nächsten, wie ein Woody Allen, der eine Überdosis Luis de Funès abbekommen hat.

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Locarno 09: ‚Os famosos e os duendes da morte‘ von Esmir Filhó

os famosos e os duendes da morte

Manchmal beeindruckt einen ein Film, ohne dass man ihn im Detail dafür zur Verantwortung ziehen könnte. Und manchmal ist einfach zu spüren, was gemeint war, wo die Reise hätte hingehen sollen, selbst dann, wenn das nicht ganz aufgeht, wie in diesem Erstling des Brasilianers Esmir Filhó. Es ist die YouTube-Generation, welche hier im Zentrum steht, Teenager, die mit Mobiltelefon, flickr, chat, Instantfilmchen und sofort-illustrierter Teenager-Poesie und -Angst eine Welt um sich herum gebaut haben, die kaum mehr in Verbindung steht mit dem kleinen Städtchen in Brasilien, in dem sie leben.

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Locarno 09: ‚Giulias Verschwinden‘ von Christoph Schaub

Bruno Ganz und Corinna Harfouch in 'Giulias Verschwinden'
Bruno Ganz und Corinna Harfouch in 'Giulias Verschwinden'

Schön ist er geworden, Christoph Schaubs neuer Film, nach einem Drehbuch von Martin Suter, das dieser ursprünglich für den verstorbenen Daniel Schmid geschrieben hatte. Es ist ein Ensemble-Film in episodischer Gleichzeitigkeit. Giulia (Corinna Harfouch) ist auf dem Weg zu einem Essen zur Feier ihres fünfzigsten Geburtstages, als ihr in der Strassenbahn eine alte Frau erklärt, das Alter mache unsichtbar. Und tatsächlich verschwindet nicht nur Giulias Spiegelbild im Fenster, sondern auch sie selber fühlt sich plötzlich unsichtbar, als sie in einer eigentlichen Panikattacke auf die Strasse hinausstürzt. Zum Glück trifft sie wenig später auf den charmanten John (Bruno Ganz), mit dem sie den Abend verbringt, während ihre Freunde, im Restaurant auf sie wartend, immer heftiger über das Älterwerden diskutieren.

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Locarno 09: ‚Buben, Baraban‘ von Alexei Mizgirev

Natalia Negoda, Dimitry Kulichkov in: Buben, Baraban

Der bisher eindrücklichste Film im diesjährigen Wettbewerb von Locarno kommt aus Russland. Buben, Baraban von Alexei Mizgirev ist brodelnde Disziplin, messerscharfe Zurückhaltung, kochende Stille, ein filmischer Feuerwerkskörper, dessen Lunte unter dem Tisch zischend brennt. Das gilt für den Film, aber auch für die Hauptfigur, die 45jährige Katya (Natalia Negoda), Bibliotheksverwalterin in einer russischen Minenstadt gegen Ende der 90er Jahre. Sie ist eine Frau mit einem „geballten Herzen“, wie ihr vorübergehender Liebhaber feststellt, in Analogie zur geballten Faust. Wie ihre ganze vordergründig so aufrechte Umgebung verdient sich auch die strenge Bibliothekarin etwas mit Mischeln dazu, indem sie heimlich Bücher aus den Bibliotheksbeständen an Zugsreisende verhökert – gedeckt vom Bahnhofspolizisten, der ihr dafür 50% der Einnahmen abknöpft.

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Locarno 09: ‚My Sister’s Keeper‘ von Nick Cassavetes

Cameron Diaz Sofia Vassilieva in: My Sister's Keeper
Cameron Diaz und Sofia Vassilieva in: 'My Sister's Keeper'

Keiner sülzt feiner! Nick Cassavetes, Sohn von John Cassavetes und Gena Rowlands, versenkte die Piazza Grande heute nicht zum ersten Mal ins Rührungstränenmeer. Mit The Notebook von 2004 hatte er nicht nur eine mächtig rührselige Liebesgeschichte inszeniert, sondern auch gleich noch seine Mutter als Schauspielerin. Und nun My Sister’s Keeper – eine ziemlich verrückte Familiengeschichte: Im Zentrum steht die von Abigail Breslin (Little Miss Sunshine) gespielte 11jährige Anna Fitzgerald, die ihre Eltern verklagt, weil sie als Retortenbaby von ihnen in die Welt gebracht wurde, um ihrer krebskranken älteren Schwester als Spenderin diverser Körperprodukte von Nabelschnurblut bis Knochenmark zu dienen. So aberwitzig wie in dieser Beschreibung lässt sich das allerdings nicht an, denn die Familie wird alles in allem als typisch amerikanische, liebevolle Eltern-Geschwister-Konstellation gezeichnet.

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Locarno 09: ‚La donation‘ von Bernard Emond

la donation

Landarzt trifft Landärztin. Ganz so simpel ist Bernard Émonds La donation nicht. Aber beinahe. Der Film, durchaus filmisch erzählt und in schöne Bilder gehüllt, wirkt wie der Pilot zu einer neuen TV-Ärzte-Serie. Da sucht ein alter Landarzt eine Vertretung für einen Monat, mit dem Hinweis, dass damit auch eine Nachfolge verbunden sein könnte – vorausgesetzt, die Vertretung erklärt sich bereit, Hausbesuche zu machen. Die Frau Doktor Dion, die sich darauf hin meldet, merkt bald, dass der alte Arzt ein aufopferungsvoller Vater für seine Patienten war und ist, und sie versucht nach Kräften, dem gerecht zu werden.

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Locarno 09: ‚Unter Bauern‘ von Ludi Boeken

Veronica Ferres Martin Horn in: Unter Bauern

Die heute 95jährige Marga Spiegel ist eine Jüdin, die in Westfalen die Nazizeit überlebt hat. 1965 hat sie unter dem Titel „Retter in der Nacht“ ihre Überlebensgeschichte veröffentlicht, und das Buch wurde zunächst ziemlich kontrovers aufgenommen. Denn noch erschien die Suche nach den „guten Deutschen“, welche keine Nazis waren, oder gar aktiv den Verfolgten geholfen hatten, vielen pauschal als weiterer Versuch, die deutsche Vergangenheit zu verharmlosen. Nachdem aber Steven Spielberg mit Schindler’s List sozusagen „von aussen“ die Suche eröffnet hatte, wurde das Thema auch im deutschen Film salonfähig. Hitler als zerbrechlicher Mensch in Der Untergang war ein weiterer Schritt für das deutsche Kino, sich vom pauschalen Mea Culpa zu lösen. Und jetzt eben Unter Bauern. Denn das ist der Titel der Verfilmung von „Retter in der Nacht“, mit Veronica Ferres in der Rolle der Marga Spiegel. Heute Abend hatte der Film von Ludi Boeken am Filmfestival von Locarno seine Premiere.

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Locarno 09: ‚Wakaranai‘ von Masahiro Kobayashi

Yuto Kobayashi in Wakaranai Street

Vom Sieger des vorletztjährigen Goldenen Leoparden von Locarno kommt dieser ebenso strenge, aber längst nicht so herausfordernde Film über einen Jungen, der völlig aus der Bahn geworfen wurde. Seine Mutter liegt sterbend im Spital, der Vater ist längst auf und davon, und er lebt ohne Wasser, Strom und Gas, weil er kein Geld mehr hat, irgendetwas zu bezahlen. Sein kleiner Verdienst als Supermarktkassier geht für die Spitalrechnungen drauf, und als er seinen Job wegen Mundraub (er verrechnet heimlich sein eigenes Essen einzelnen unaufmerksamen Kunden) verliert, bleibt ihm nur noch die Verzweiflung.

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