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    ENDE DER ERINNERUNG? von Peter Scheiner

    Von Michael Sennhauser | 16. Januar 2017 - 11:02

    Am Beginn dieses Dokumentarfilms steht ein berührendes Bekenntnis des Filmemachers. Er habe ein schlechtes Gewissen. Als er 1978 mit seinem Vater das Konzentrationslager Mauthausen besucht habe, habe er dessen Geschichte nicht die gebührende Aufmerksamkeit gewidmet. Mit diesem Film holt der Sohn sein Versäumnis nach. Er setzt einem Schweizer Verein ein Denkmal, der sich vor fünf Jahren schon aufgelöst hat, weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit.

    Christa Markovits

    Als 2011, zum 66. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz die «Kontaktstelle für Überlebende des Holocaust in der Schweiz» aufgelöst wurde, erfuhren viele zum ersten Mal von der Existenz dieses Vereins. Gegründet hatte ihn der Auschwitz-Überlebende Gábor Hirsch 1995, mit über 65 Jahren. Die Kontaktstelle sollte den Schicksalsgenossen in der Schweiz endlich eine gemeinsame Basis bieten für das Aufarbeiten von Erinnerungen, für das Finden einer Möglichkeit, darüber zu sprechen und Zeugnis abzulegen. Die Vereinsauflösung 2011 war auch eine Folge des Umstands, dass Alter und Tod immer weniger aktive Mitglieder zurückliessen.

    Peter Scheiner ist 1947 in der Slowakei zur Welt gekommen, rund zwei Jahre nach der Befreiung seines Vaters aus Mauthausen. 1983 ist Scheiners Vater gestorben, fünf Jahre nach der Reise mit dem Sohn und zwölf Jahre vor der Gründung der Kontaktstelle. Peter Scheiner nahm den Festakt zur Vereinsauflösung im Bundeshaus zum Anlass, sich mit den Mitgliedern und ihrer Tätigkeit auseinander zu setzen.

    Manfred Rosner

    Er drehte am eigentlichen Festakt im Bundeshaus, aber auch an einer Jahresversammlung und anderen Anlässen. Er liess einzelne Mitglieder vor der Kamera erzählen und er begleitete Eduard Kornfeld zu einer jener Informationsveranstaltungen für Schülerinnen und Schüler, welche die Kontaktstelle über die Jahre vermittelt hatte.

    Eduard Kornfeld

    Dazu kommt die filmische Auseinandersetzung mit der kleinen Buchreihe, welche der Chemiker Ivan Lefkovits mit dem Verein über die Jahre herausgegeben hat. Fünfzehn Bände persönlicher Erinnerungen und Zeugnisse.

    Nachdem sich der deutsche Maler Gerhard Richter bereit erklärt hatte, für die Umschläge grossformatige Bilder zu gestalten, wurde daraus eine ganze Kassette, erschienen im Suhrkamp-Verlag.

    Scheiner hat gedreht, wenn er konnte, er hat die Menschen erzählen lassen, und schliesslich sass er da, mit viel Material, wenig davon auf Anschluss und Kontinuität gedreht, ohne Geld und Produktionspartner. Aber mit der festen Absicht, seine späte persönliche Auseinandersetzung mit der Geschichte seines Vaters und seiner Schicksalsgenossinnen und Schicksalsgenossen zu einem Film zusammen zu fügen.

    Dass die meisten angefragten Produzenten bis hin zum Fernsehen eher zurückhaltend reagierten, ist verständlich. Einerseits war da dieses Sammelsurium an Material, dass sich nur widerstrebend organisieren lassen würde. Und andererseits das Thema und sein eigentlicher Anlass, eine Vereinsauflösung, die mittlerweile auch schon sechs Jahre zurück liegt.

    Um so erstaunlicher nun das Resultat von Peter Scheiners Beharrlichkeit. Aus einem Rohschnitt, der schon klare Strukturen erkennen liess, hat er schliesslich mit Hilfe eines Cutters einen dichten, einstündigen Film geschaffen, der überraschend viel vermittelt. Dabei setzen sich die Männer und Frauen vor Scheiners Kamera nicht nur mit ihrer eigenen Familien-Vergangenheit auseinander, sondern auch mit ihren Erfahrungen in und mit der Schweiz.

    Man erfährt so fast nebenbei, dass ausgerechnet der Gründer der Kontaktstelle, Gábor Hirsch, seinerzeit vom damaligen Taskforce-Leiter Thomas Borer abschlägigen Bescheid erhielt auf sein Angebot, sich in der Arbeitsgruppe zu den „nachrichtenlosen Vermögen“ zu engagieren. Man erfährt aber auch, dass viele Holocaust-Überlebende sich bis heute davor scheuen, ihr öffentliches Zeugnis, etwa in NZZ-Artikeln, mit ihrem tatsächlichen Namen abzulegen, eine Folge der Stigmatisierung, welche auf den Horror und die Traumatisierung folgte.

    Vieles wird nur angetippt, anderes, wie die Vereinsmechanik mit Protokoll und Rechnungs-Offenlegung, zeigt einen Schweizer Alltag, der im grösseren Zusammenhang der Geschichte wohlbekannt und fast ironisch ordentlich wirkt.

    Peter Scheiners Ende der Erinnerung? kommt nun genau richtig zum Beginn dieses Jahres 2017, in dem die Schweiz den Vorsitz der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) übernimmt.

    Premiere mit Diskussion

    Topics: CH Film, Dokumentarfilm, Filmbesprechung | Kommentare deaktiviert für ENDE DER ERINNERUNG? von Peter Scheiner

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