Ben ist 17 Jahre alt, Lehrling in einem Basler Modegeschäft, Gelegenheitskiffer, und ziemlich unsicher hinsichtlich seiner sexuellen Orientierung. Die 16jährige Momo dagegen ist überzeugt, dass Protestieren, Demos und Aufbegehren wichtiger sind, als ein Schulabschluss. Ihre Freundin Zoe wiederum steht recht solide im Leben, bis sie an einer Party einen sexuellen Übergriff erlebt, und ihr Freund Sam von Neonazis spitalreif geprügelt wird. „WYLD von Ralph Etter“ weiterlesen
Warum so bieder? Die Geschichte, wie die Zürcher Werbetexterin Emmi Creola-Maag 1956 die perfekte Schweizer Hausfrau «Betty Bossi» erfunden und gegen alle Widerstände im Markt etabliert hat, die hat alles, was es für eine furiose Schweizer Mad Men-Kinokiste gebraucht hätte. Stattdessen bekommen wir von Drehbuchautor André Küttel und Regisseur Pierre Monnard zunächst einmal fast schon Papa Moll geliefert.
Vielleicht haben die Produzenten Angst vor dem doppelbödigen Potential ihrer Idee bekommen. Schliesslich lag das Genie von Emmi Creolas Erfindung ja tatsächlich darin, dass diese superadrette, liebenswürdig gut aufgestellte Werbefigur so vertrauenserweckend gut an die reale Lebenswelt der durchschnittlichen Schweizer Hausfrau angelehnt war. Allzu gross sollte demnach wohl der Kontrast zwischen der Lebenswelt der Kunstfigur und ihrer Erfinderin in der ersten Filmhälfte nicht ausfallen. Eine brodelnd gefährliche Undurchschaubarkeit und zweifelhafte Herkunft, wie sie Mad Men-Star Don Draper auszeichnete, wäre doch etwas unschweizerisch gewesen, gälletsi?
Dabei dürfte die ungebrochene Popularität der Marke Betty Bossi einen Deutschschweizer Kinoerfolg eigentlich so oder so garantieren. „HALLO BETTY von Pierre Monnard“ weiterlesen
Zehn Jahre nachdem sie gemeinsam den Kurzfilm Paradox gemacht hatten, erreichte Moris Freiburghaus eine SMS von seinem Jugendfreund Dino Brandão: «Es wird Zeit für Teil 2». Der Musiker schickte sie aus der psychiatrischen Klinik, in der er wegen einer weiteren manischen Phase gelandet war.
Eine der Grundregeln des Dokumentarfilms verlangt, dass über das Medium dokumentiert wird, nicht interveniert. Was gerade dann besonders wichtig scheint, wenn sich der fertige Film in seiner Wirkung als wahrhaftige Dokumentation nicht angreifbar machen soll. Dazu kommt, dass ein Ziel vieler Dokumentarfilme letztlich dann eben doch die Intervention sein dürfte, das Herbeiführen einer veränderten Perspektive auf ein Phänomen, ein Unrecht, ein Unglück.
I love you, I leave you lässt sich und seinem Publikum zunächst nicht viel Zeit zur Reflexion solcher Fragen, unter anderem, weil er sie dauernd paradox beantwortet. Oder mit anderen Worten: Weil er in seiner Verzweiflung mitreisst. „I LOVE YOU, I LEAVE YOU von Moris Freiburghaus“ weiterlesen
Nein, dieser Stiller – der Film – ist nicht das Monument, zu dem der Roman von Max Frisch geworden ist. Die filmische Adaption von Stefan Haupt ist keine zeitgenössische Neuinterpretation, kein Meisterwerk, kein Film für die Ewigkeit. Aber Stiller ist ein gutes Stück Kino, eine vergnügliche Erinnerung an die einstige Lektüre – oder ein Fingerzeig darauf, dass sich diese durchaus lohnen könnte.
Dabei hat Max Frischs Geschichte des Mannes, der nach seiner Verhaftung immer wieder versichert, er sei nicht der gesuchte Anatol Stiller, sondern ein Amerikaner namens James Larkin White, auch heute relevantes Identifikationsverwirrungspotential. Spätestens dann, wenn der Inhaftierte verzweifelt fragt, wie man denn beweisen solle, jemand NICHT zu sein.
Der neue Leinwand-«Stiller» ist ein schön gefilmtes Reader’s Digest des Romans, das sich wohltuend auf den linearen Plot der Filmeinstiegszeit konzentriert – versetzt mit sparsam gesetzten Rückblenden, die das Geflecht aus Identität und Vergangenheit gerade so weit auffächern wie unbedingt nötig. „STILLER von Stefan Haupt“ weiterlesen
Biel. Bienne. Eine Hochburg der mediterranen Architektur? Im Prinzip ja, wenn es nach dem Stadtwanderer geht, dem Architekten, Schreiber und Redner Benedikt Loderer: «Hier haben wir die Kathedrale mit dem Campanile. Und gegenüber, auf der anderen Seite des Platzes, das Baptisterium.» „ASPHALTE PUBLIC von Jan Buchholz“ weiterlesen
«Sechzig Jahre alte Traditionen lassen sich nicht einfach innerhalb eines Jahrgangs verändern.» Das sagt einer der Erstsemestrigen im Studentenwohnheim «Eendrag» der Universität von Stellenbosch in Südafrika. Dabei hat sich das Empfangskomitee aus gewählten älteren Kommilitonen schon am ersten Tag bemüht, den Neuankömmlingen zu zeigen, dass sie an dieser Elite-Universität nicht einfach in starre Konventionen gezwungen werden würden.
Sechzig Jahre alte Traditionen? Das klingt erst einmal nach lächerlich wenig für jemanden, der sich, zum Beispiel, mit den jahrhundertealten Gepflogenheiten der Universität Basel (gegründet 1460) konfrontiert sah, mit Traditionen wie dem dies academicus, oder den teilweise skurrilen, zum Teil aber auch absurd antiquierten Ritualen der Basler Studentenverbindungen. „FITTING IN von Fabienne Steiner“ weiterlesen
Diese Frau ist ihr eigener Film. Ein kämpfendes Drehbuch auf der Suche nach einem Spiegel.
«Ich bin kein Fall!» Sozialfall zu sein, finanzielle Hilfe vom Staat anzunehmen, das kommt für Nathalie nicht in Frage. Genauso wenig wie ein langweiliger Job an einer Ladenkasse: «Ich bin stark. Ich tues Läbe no läbe. Ich probieres.»
Ein Berg von Schulden, allein mit zwei erwachsenen Kindern, mit der Tochter, die im Film nicht auftaucht, und mit dem Sohn, der so charmant und bereitwillig überall mithilft, dass man sich kaum vorstellen kann, dass Nathalie wegen ihm und seinen Schwierigkeiten den Wohnort gewechselt hat.
Bald nach den ersten Filmminuten stellt sich das Gefühl ein: Dokumentarfilmerin Tamara Milošević musste bloss noch die richtigen Bilder finden, um Nathalies klar umrissene Situationsanalysen zu illustrieren. Was natürlich Quatsch ist. „NATHALIE von Tamara Milošević“ weiterlesen
Das ist die zentrale These von Schlafforscherin Mikka (Jeanne Werner). Die Idee kommt nicht so gut an im Parallax-Verlag, dessen Geschäftsmodell eher auf Verschwörungstheorien basiert. Aber Lektorin Norma (Marina Guerrini) fährt der Thesentitel «Dormir sans dormir» ein wie ein Blitz. Denn Norma kann zwischen Wachsein und Traum kaum mehr unterscheiden, seit der Vater ihres Sohnes verschwunden ist.
Am Kühlschrank hat er einen Zettel hinterlassen: Bin nicht weg. Komme wieder. H.
«Öppis schtimmt nit mit däre Wält», hält Norma wiederholt fest. Und: «Sit ich Muetter bin, isch nüt meh normal».
Wohin darf sich eine Mutter flüchten, wenn die Realität zu viel wird? Oder zu wenig? Dürfen wir uns in Schönheit verlieren, in der Schönheit eines Traumes? Oder wird er dann zum Alptraum?
Norma dorma ist ein traumhaft schöner Film. Für die Augen sowieso, die klare, rotstichige, satte Farbpalette macht aus bekannten Zürcher Orten wie den Sugus-Häusern, aber auch aus dem Origens Ospizio, dem roten Turm auf dem Julierpass, oder dem Erdhaus Villa Vals flirrend reale Traumorte. „NORMA DORMA von Lorenz Suter“ weiterlesen
Dominique Othenin-Girard ist einer der wenigen Schweizer Regisseure, die im internationalen Filmbusiness Fuss fassen konnten. Daran war sein Erstlingsfilm von 1985 nicht unbeteiligt. After Darkness erzählt mit John Hurt und Julian Sands, zwei veritablen Stars jener Zeit, in den Hauptrollen die Geschichte zweier Brüder im Psycho-Kampf um Liebe.
John Hurt spielt den britischen Anthropologen Peter Huniger, der in Genf seinen jüngeren Bruder Lawrence nach dessen wiederholten Suizidversuchen aus der Klinik holt und mit ihm in einem alten Bürogebäude eine Art therapeutische Wohngemeinschaft aufzieht. Das geht so lange gut, bis Peters Kollegin und zeitweilige Bettgenossin Pascale (Victoria Abril fünf Jahre vor Almodóvars Átame! sie international bekannt machte) die Eifersuchtskindheitstraumata der Brüder erneut ausbrechen lässt. „AFTER DARKNESS von Dominique Othenin-Girard und Sergio Guerraz“ weiterlesen
Niemand ist leichter zu verunsichern, als eine Frau, die eben ihr erstes Kind bekommen hat. Die Erwartungen an sie sind enorm, Mutterglück eine zwingende Erfordernis, und die Ratschläge und Ermahnungen prasseln auf sie ein wie Sperrfeuer. Den definitiven Horrorfilm zum Thema hat ein Mann gemacht.
Aber fast sechzig Jahre nach Rosemary’s Baby (1968) holt sich eine Frau aus Österreich das Kind zurück. Mother’s Baby von Johanna Moder fährt nicht mit dem Teufel ein, die sechsundvierzigjährige Filmemacherin schichtet subtil und unaufhaltsam kleinere und grössere Ängste um Geburt und Mutterschaft zu einem postnatalen Crescendo furioso. „MOTHER’S BABY von Johanna Moder“ weiterlesen