MONTE VERITÀ von Stefan Jäger

Hermann Hesse (Joel Basman), Maresi Riegner als Hanna Leitner, Julia Jentsch als Ida Hofmann und Max Hubacher als Otto Gross © DCM

Der Monte Verità, ein Hügel bei Ascona am Lago Maggiore, ist legendär. Da trafen sich schon in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts Aussteigerinnen, Freigeister, Künstlerinnen und Reformer. Mit seinem aufwändigen Kostümfilm Monte Verità erweckt Stefan Jäger die Epoche nun zu Leinwandleben.

Den Einheimischen im Fischerdorf Ascona waren sie mehrheitlich ein Dorn im Auge. Die Spinner auf dem Hügel tanzten nackt auf der Wiese, bauten Gemüse an und verbreiteten Ideen, welche noch mehr Spinner aus der halben Welt anzogen. „MONTE VERITÀ von Stefan Jäger“ weiterlesen

SOUL OF A BEAST von Lorenz Merz

Joel (Tonatiuh Radzi) mit Corey (Ella Rumpf) auf der Langstrasse unterwegs © Ascot-Elite

Als Dreiecksgeschichte zwischen den beiden Enden der Langstrasse und Zürichs Goldküste explodiert Lorenz Merz‘ neuer Film auf der Leinwand. Der Schweizer Beitrag im Wettbewerb des Filmfestivals Locarno will grosse Liebe und wildes Leben: Soul of a Beast.

Eine rasende Motorradfahrt über alle Rotlichter der Zürcher Langstrasse gibt bald zu Beginn von Soul of a Beast das Tempo vor. „SOUL OF A BEAST von Lorenz Merz“ weiterlesen

DAS EINZIGE WAS WIR HABEN IST UNSERE STIMME von Heidi Schmid & Christian Labhart

Sie gehören zum engagierten Dokumentarfilm wie die verzerrten Stimmen zum Zeugenschutz: Die «Testimonials», sprechende Köpfe vor der Kamera, Talking Heads, sogenannte «Direktbetroffene», die uns eher erreichen als ein paar trockene Zeilen zu ihrem Schicksal.

Aber ich kann mich nicht erinnern, im Kino schon einmal ein derart starkes Gruppenarrangement erlebt zu haben, wie es dieser kurze Film präsentiert. „DAS EINZIGE WAS WIR HABEN IST UNSERE STIMME von Heidi Schmid & Christian Labhart“ weiterlesen

BURNING MEMORIES von Alice Schmid

‚Burning Memories‘ von Alice Schmid © Outside the Box

Kann eine Frau sich ein Leben lang an einem Thema abarbeiten, ohne zu merken warum? Für Alice Schmid kam das Aufwachen mit dem Schrecken, der sie befiel, als sie im Museum Edvard Munchs Gemälde «Pubertät» (1893) sah. Ein sehr junges Mädchen sitzt nackt auf einem Bett, ihr Schatten an der Wand ist riesig, fremd und bedrohlich.

Dreissig Jahre lang hat Alice Schmid Filme gemacht. Zuerst als Produktionsassistentin, später in Eigenregie und als ihre eigene Produzentin.  Auch darum, weil von den etablierten Schweizer Produzenten niemand ihr Thema und ihre Perspektive für interessant genug hielt. „BURNING MEMORIES von Alice Schmid“ weiterlesen

FAREWELL PARADISE von Sonja Wyss

Abflug von den Bahamas ‚Farewell Paradise‘ von Sonja Wyss © Basalt Film

Die Vertreibung aus dem Paradies war wohl eher eine Flucht. So genau erinnert sich keine der vier Schwestern daran, warum sie sich nach den wunderbaren Kindheitsjahren auf den Bahamas plötzlich im Flugzeug in die Schweiz wiederfanden.

Schon gar nicht Sonja Wyss, die als brüllendes Kleinkind im Flieger ihrer mit dem Transport beauftragten, auch erst zwölf Jahre alten Schwester das Leben noch schwerer machte. „FAREWELL PARADISE von Sonja Wyss“ weiterlesen

THE SAINT OF THE IMPOSSIBLE von Marc Wilkins

Magaly Solier Romero, Adriano & Marcelo Durand © Dschoint Ventschr

Die sechzehnjährigen Zwillingsbrüder Paul und Tito leben als illegale Immigranten aus Peru in New York mit ihrer Mutter Raffaella. Die Teenager wissen um Raffaellas Attraktivität:

«Sie hatte uns sehr jung. Wenn sie nicht unsere Mutter wäre, könnten wir uns in sie verlieben».

So wie die Dinge stehen, arbeitet Raffaella tagsüber als Servierfrau, an den Abenden und Nächten macht sie Männern Hoffnung. Damit bringt sie sich und ihre Söhne in einem kleinen Appartement in der Bronx knapp durch. „THE SAINT OF THE IMPOSSIBLE von Marc Wilkins“ weiterlesen

THE SCENT OF FEAR von Mirjam von Arx

‚The Scent of Fear‘ von Mirjam von Arx © Praesens

«Wenn Angst einen Geruch hat – wonach riecht sie denn?»

Das ist die Frage, welche Mirjam von Arx‘ Dokumentarfilmtitel aufwirft. Gestellt wird sie von Schauspielerin Katja Riemann, welche dem Film ihre Kommentarstimme leiht – und auch gleich nachhakt:

«Was ist Angst? Und warum haben wir solche Angst vor ihr?»

Um darauf Antworten zu finden, befragt der Film einerseits Angstforscher und Psychologen.

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THE BRAIN – Cinq nouvelles du cerveau von Jean-Stéphane Bron

‚5 nouvelles du cerveau‘ von Jean-Stéphane Bron © Praesens

Begleitet von Windgeräuschen und sphärischen Klängen schwebt die Kamera durch ein leeres Labor bis zu einem freigelegten Gehirn in einer Schale.

Jean-Stéphane Bron dockt gerne beim Genrekino an. Die dokumentarische Begegnung mit dem reichen Mann von Herrliberg, L’expérience Blocher (2013), bezeichnet er als seinen Vampirfilm.

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Nyon 2020: NEMESIS von Thomas Imbach (Wettbewerb)

‚Nemesis‘ von Thomas Imbach © frenetic films

Neun Jahre nach seinem Dokumentarfilm Day Is Done montiert Thomas Imbach noch einmal den Ausblick aus seinem Wohnungsfenster zu einem überraschenden und gestalterisch eindrücklichen Film.

Über sieben Jahre hinweg hat er den Abriss des alten Zürcher Güterbahnhofs gefilmt und den Bau des umstrittenen neuen Untersuchungsgefängnisses mit seiner Kamera verfolgt.

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BERLINALE 2020: MARE von Andrea Štaka (Panorama)

‚Mare‘ Marija Škaričić © frenetic

Erst im Abspann ihres Films lässt Andrea Štaka das Klischee von der Leine, leise ironisch und voll schmerzlicher Schönheit. Da singt Ana Prada «Soy pecadora, soy mala, madre de todos los pecados» (Ich bin eine Sünderin, ich bin schlecht, die Mutter aller Sünden).

Mare (Marija Škaričić) hat den Moment da schon hinter sich. Ihr ältester Sohn ist ein nicht ganz einfacher Teenager, sein jüngerer Bruder und die Schwester der beiden hängen noch deutlicher an der Mutter. „BERLINALE 2020: MARE von Andrea Štaka (Panorama)“ weiterlesen