MEMORY OF PRINCESS MUMBI von Damien Hauser

Kuve (Ibrahim Joseph), Mumbi (Shandra Apondi) © Dschoint Ventschr

Hier ist ein Film, der einem die Hoffnung zurückgibt. Ein Filmemacher, der einfach macht, mit einem untrüglichen Gespür dafür, wo Figuren, Geschichten, Technik und Imagination zu purem Kinoglück verschmelzen.

Memory of Princess Mumbi ist eine retrofuturistische Liebes­ge­schich­te, erzählt als Mockumentary, angesiedelt im Jahr 2093 in Afrika und in der Schweiz, gedreht mit fröhlichen Freunden, einer hinreissenden Profischauspielerin in der Titelrolle, vor Ort in Kenia, schnell und mit minimalem technischem Aufwand vor ein paar Jahren. Und dann in der Postproduktion, unter Einsatz von KI und Phantasie, über Jahre hinweg zu dem Solitär ausgebaut, mit dem Hauser letztes Jahr ans Filmfestival von Venedig eingeladen wurde, zu den Giornate degli autori – dem italienischen Äquivalent der Quinzaine des cinéastes in Cannes. „MEMORY OF PRINCESS MUMBI von Damien Hauser“ weiterlesen

HEAT von Jacqueline Zünd

© filmcoopi

Wie tönt Hitze? Wie sieht sie aus? Das sind Fragen, welche sich der Dokumentarfilmerin Jacqueline Zünd stellten, als sie ihren ersten Spielfilm Don’t let the Sun vorbereitete, und dabei auf so viele Themen stiess, dass sie gleich auch noch einen neuen Dokumentarfilm in Angriff nahm.

Film gesehen an den Visions du Réel 2026 in Nyon

Als sie dann tatsächlich drehten, in Dubai, in Kuwait, wie immer mit Kameramann Nikolai von Graevenitz, hätten sie sie sich mehrfach gefragt, wer auf die hirnverbrannte Idee gekommen sei, erzählte Zünd gestern Abend nach der Weltpremiere ihres Films an den Visions du Réel in Nyon. „HEAT von Jacqueline Zünd“ weiterlesen

EN TERRAIN NEUTRE / SONDERFALL von Stéphane Goël & Mehdi Atmani

Mehdi Atmani – Suisse miniature © Agora

Nein, neutral ist dieser Dokumentarfilm zum Glück gar nicht. Das hätte auch niemand erwartet vom Westschweizer Dokumentarfilmer Stéphane Goël. Speziell dann nicht, wenn er sich der Neutralität widmet, jenem Schweizer Glaubensbekenntnis, das mehr individuelle Ausprägungen kennt, als die von den gleichen Gläubigen ähnlich inbrünstig beschworene Zehnmillionenschweiz.

Film gesehen an den Visions du réel 2026 in Nyon

Und so kommt es, dass uns der Film in den ersten Minuten auf ein leeres Feld verpflanzt, zusammen mit dem jungen Journalisten Mehdi Atmani, der gemeinsam mit Goël herauszufinden versucht, wie das alles angefangen hat. „EN TERRAIN NEUTRE / SONDERFALL von Stéphane Goël & Mehdi Atmani“ weiterlesen

PLITSCH PLATSCH FOREVER! von Natascha Beller

Aktenkundig polizeilich erfasst: Rosalie (Alva Maurer) und Pola (Neah Hefti) © dcm

Kinderfilme sind dann am erfolgreichsten, wenn sie auch die Erwachsenen ansprechen. Und dafür gibt es verschiedene Strategien. Etwa jene, welche Disney perfektioniert hat, indem auf der Dialogebene eine für Kinder kaum spürbare Schicht Ironie hinzugefügt wird. Oder auf der Bildebene der eine oder andere kulturelle Verweis. Die sicherste und schönste Methode ist allerdings jene, die direkt auf die Kindheitserinnerungen der Erwachsenen zielt und damit das ganze Publikum zu einer Einheit verschmelzen lässt. Auf dieses Prinzip setzt Natascha Beller für ihren aktuellen Schweizer Kinderfilm.

Es ist erstaunlich, wie schnell im Kino die eigenen Kindheitserinnerungen hochkommen, kaum hat Natascha Bellers Plitsch Platsch Forever! angefangen. Endlose Badi-Sommer? Da sind sie wieder! Auch wenn die elfjährigen Freundinnen Pola und Polly ein wenig anders reden als wir damals, das Kreischen am Beckenrand, die Badetücher auf dem kurz geschnittenen Gras und der Geruch nach Pommes frites sind genau auf jener Frequenz, die Zeitreisen zeugt. „PLITSCH PLATSCH FOREVER! von Natascha Beller“ weiterlesen

SIRI HUSTVEDT – DANCE AROUND THE SELF von Sabine Lidl

Siri Hustvedt © Vinca Film

Wenn es so etwas wie eine sanfte Explosion gäbe, wäre dieser Dokumentarfilm ein Beispiel dafür. Da schweben Ideen und Bilder, Analysen und Beziehungen, Kunst und Gefühle vom ersten Bild an wie Staubteilchen in einem Lichtstrahl, ordnen sich, rufen Wörter und Bücher und Menschen in Erinnerung und verschwinden, ohne aufzuhören. Man spürt sofort und durchgehend, dass Sabine Lidl mit der Welt von Siri Hustvedt vertraut ist, spätestens seit der Entstehung ihres ARTE-Dokumentarfilms über Hustvedts Ehemann Paul Auster.

Das fast unmerkliche Verweben biografischer Elemente mit den Texten und Romanen von Siri Hustvedt, die Momente, in denen sie sich an ihre Kindheit oder ihre Eltern erinnert, gespiegelt in Szenen mit ihren drei Schwestern, Fotografien aus der Zeit in Minnesota oder auch den liebevollen Ergänzungen des in den Clan eingeheirateten New Yorkers Paul Auster (in Szenen, die vor seinem Tod im April 2024 gefilmt wurden, im Wissen um seine Erkrankung) sorgt für eine zunehmend mitreissende Strömung, die sich doch immer wie ein sanfter Sog anfühlt. „SIRI HUSTVEDT – DANCE AROUND THE SELF von Sabine Lidl“ weiterlesen

EL MUNDO AL REVÉS von Agostina Di Luciano und Leon Schwitter

© Sister Distribution

Je weniger ich Ihnen über diesen Film verrate, desto besser dürfte er funktionieren. Theoretisch. Denn die Crux ist ja, dass Sie dann wiederum wahrscheinlich lieber eine andere Katze, eine ohne Sack, kaufen würden.

Idealerweise passiert einem El mundo al revés an einem Festival wie den Visions du réel in Nyon, wo er vor knapp einem Jahr seine Uraufführung hatte. Da stimmen die Neugier und der Rahmen (Dokumentarfilm) und vielleicht ein kleiner Hinweis im Programmheft, dass die umgekehrte Welt dieses Films etwas speziell sei.

Jeder weitere Wink könnte Erwartungen wecken, die dann enttäuscht würden. Das liegt an der Art und Weise, in der El mundo al revés entstanden ist: Mehr oder weniger dokumentarisch gefilmt, mit Laiendarstellern, die sich selbst und ihre Lebensumstände verkörpern, weitgehend von Tag zu Tag improvisiert, mit einem Blick auf die Erzählungen und Geschichten, welche so eine Gemeinschaft, in diesem Fall in einem kleinen Ort in Argentinien, über Generationen prägen. Und mit ein paar entscheidend unspektakulär fiktiven Handlungs-Schubsern. „EL MUNDO AL REVÉS von Agostina Di Luciano und Leon Schwitter“ weiterlesen

HIRSCHFELD – UNBEKANNTER BEKANNTER von Stina Werenfels & Samir

Kurt Hirschfeld mit Max Frisch © dschoint ventschr

Eigentlich bedarf es keiner Rechtfertigung, um einen Dokumentarfilm über einen Menschen wie Kurt Hirschfeld zu machen. Der langjährige Chefdramaturg und Direktor des Schauspielhauses Zürich hat mit seiner Arbeit und seinen Überzeugungen vor, während und nach dem zweiten Weltkrieg viele Leben berührt und wohl auch verändert. Er hat wesentlich dazu beigetragen, dass die Pfauenbühne während der Nazizeit zum wichtigsten deutschsprachigen Theater und zu einem Zufluchtsort für vertriebene und gefährdete Künstlerinnen und Künstler werden konnte. Er hat nach dem Krieg tatkräftig und diplomatisch geholfen, die Schweizer Autoren-Marken Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt international als Stars und Konkurrenten zu etablieren.

Die Umstände allerdings, dass es diesen Film noch nicht gab, und noch mehr die Erkenntnis, dass sich Zürich und die Schweiz so wenig für Kurt Hirschfeld interessierten, dass seine Tochter seinen Nachlass nach New York geben musste, waren für Stina Werenfels und Samir offensichtlich Grund genug, die Arbeit in Angriff zu nehmen. Zumal Ruth Hirschfeld, während Jahrzehnten eine der beiden hauptsächlichen Casting-Agentinnen des Deutschschweizer Films, die perfekte Zeugin und Referentin für das Projekt darstellt. „HIRSCHFELD – UNBEKANNTER BEKANNTER von Stina Werenfels & Samir“ weiterlesen

DON’T LET THE SUN von Jacqueline Zünd

Jonah (Levan Gelbakhiani) und Nika (Maria Pia Pepe) © filmcoopi

Es ist unerträglich heiss geworden auf der Erde. Die Menschen leben in der Nacht und bleiben auf Distanz zueinander. Selbst Jonah (Levan Gelbakhiani), der davon lebt, für andere die fehlende menschliche Nähe zu spielen, stundenweise präsent als Lover, Partner oder Gefährte, achtet darauf, die Körper seiner Kunden und Kundinnen möglichst nicht zu berühren. Mehr physische Wärme, als sie die Umwelt bietet, will kaum jemand. Und echter emotionaler Kontakt scheint nicht nur unziemlich, sondern nachgerade tabu zu sein.

Cleo (Agnese Claisse) nimmt allerdings ihre neunjährige Tochter Nika (Maria Pia Pepe) auch mal in den Arm, etwa um das schlafende Mädchen vom Sofa ins Bett zu tragen, als der Tag anbricht. Und sie heuert Jonah an, um Nika stundenweise den fehlenden Vater zu ersetzen. Ein Spiel, das die aufgeweckte Kleine zunächst eher ihrer Mutter zuliebe mitspielt, mit klarer Ansage an Jonah: «Ich brauche keinen Vater».

Jacqueline Zünd hat sich einen Namen gemacht mit unglaublich sorgfältig inszenierten und gestalteten, thematisch-philosophischen Dokumentarfilmen, etwa Goodnight Nobody (2010), Almost There (2016) oder Where We Belong (2019). Ihre dokumentarische Methode umfasste jeweils ausgesuchte ruhige Einstellungen auf Distanz, oft zentrale Perspektiven, ausgeklügelte Licht- und Farbgestaltung und vor allem eine fast schon hypnotisch wirkende Mischung aus Zurückhaltung und Nähe, nicht nur mit der Kamera, sondern auch mit einer zugeneigten, unaufdringlichen, unvoyeuristischen Geduld. „DON’T LET THE SUN von Jacqueline Zünd“ weiterlesen

Neues Buch: SCHAU SPIEL – BRUNO GANZ von Walter Ruggle

Bruno Ganz © Ruth Walz

In der 43. Minute von Wim Wenders’ Der amerikanische Freund von 1977 liegt Bruno Ganz auf einem Schragen im American Hospital in Paris und erklärt dem Arzt, er komme aus Hamburg. Aber eigentlich sei er Schweizer. Ein «Zürihegel».

Die Herkunft ist nicht das einzige, was den Filmpublizisten und langjährigen trigon-Verleih-Leiter Walter Ruggle mit dem Subjekt seines neuen Buches verbindet. Aber doch prägend, wie Ruggle in seinem «Einstimmung» genannten Vorwort andeutet: „Neues Buch: SCHAU SPIEL – BRUNO GANZ von Walter Ruggle“ weiterlesen

HANAMI von Denise Fernandes

Nana (Dailma Mendes) bei der Heilerin © cineworx

Warum dieser magische Film, der auf einer der dürrsten kapverdischen Vulkaninseln spielt, einen paradoxen japanischen Titel trägt – Hanami (japanisch 花見, „Blüten betrachten“) – wird im Verlauf der Handlung geklärt. So schön klar, oder vielmehr wunderbar unklar, wie der ganze Film.

Hanami ist zwar auch eine Erzählung, die Geschichte der kleinen Nana, welche von ihrer Mutter Nia auf einer der Vulkaninseln in der Obhut anderer Frauen zurückgelassen wird, bis sie wieder auftaucht, an Nanas sechzehnten Geburtstag.

Aber Hanami ist vor allem Sehnsucht, Traum, Ahnung. Ein Film, in dem die Zeiten sich überlagern, eigene und fremde Erinnerungen, wie Wellen über den vulkanischen Sandstrand schwappen, wie die Meeresschildkröten, die dort ihre Eier ablegen und die Jungschildkröten, welche dann über den gleichen Strand gemeinsam und gleichzeitig den gleichen Weg ins Wasser wieder auf sich nehmen. „HANAMI von Denise Fernandes“ weiterlesen