NAMASTE SEELISBERG von Felice Zenoni

Die «Yogi-Anlage»: Hotel Kulm und Hotel Sonnenberg © filmcoopi

Know your Guru? Bhagwan? Osho? Maharishi? – Ich kriege die immer durcheinander, die inspirierenden Inder der Hippiezeit. Und darum habe ich auch zunächst gestutzt über die Ankündigung von Felice Zenonis Dokumentarfilm über das einstige Guru-Zentrum im zentral­schweizerischen Seelisberg.

Hatten wir das nicht schon mal? Wenn es Ihnen ähnlich geht: Ich habe es aufgedröselt. Hier:

Felice Zenonis neuer Dokumentarfilm über die Jahre, in denen das kleine Dorf Seelisberg von den Anhängern der transzendentalen Meditation überrannt worden war, dreht sich um Maharishi Mahesh Yogi (ca. 1918–2008). Und im Kern ist das eine gut illustrierte Dokumentation über den Zusammenprall einer globalen sekten­ähnlichen spirituellen Bewegung mit gutschweizerischer Boden­ständigkeit. Entsprechend unterhaltsam sind die nun ins Kino kommenden 94 Minuten. „NAMASTE SEELISBERG von Felice Zenoni“ weiterlesen

NEUES BUCH: Richard Dindo, Erinnerungsarbeiter

Autor Martin Walder (mit Journalistenkollegin Ewa Hess und Matthias Lerf) an den Solothurner Filmtagen 2007; Foto © sennhauser

Am zwölften Februar 2025 ist Richard Dindo gestorben. Da war Martin Walder schon längst an der Arbeit, sein Buch über den Schweizer Dokumentarfilmer war nicht als Nachruf geplant. Morgen (Dienstag, 27. Januar 2026), also nicht ganz ein Jahr später, stellt Walder den Band im Rahmen einer Dindo-Hommage an den 61. Solothurner Filmtagen vor.

Einen «Streifzug durch seine Filme» nennt Martin Walder seinen knapp 150 Seiten starken Dindo-Band, und das löst er auf durchaus ein- und mitnehmende Art auch ein. Aber das Buch ist dann doch auch viel mehr. Denn Walder hat nicht nur einen guten Teil der noch immer erstaunlich spärlichen Sekundärliteratur zu Richard Dindos Werk auf- und eingearbeitet, er leistet auch selbst und sehr persönlich die Erinnerungsarbeit, deren Mechanik und Grundlagen er anhand von Dindos Œuvre zu systematisieren versucht. „NEUES BUCH: Richard Dindo, Erinnerungsarbeiter“ weiterlesen

WOOLLY (Sau) von Rebekka Nystabakk

Rebekka Nystabakk mit einem befreundeten Schaf © anderdog film

Die norwegische Schauspielerin Rebekka Nystabakk entstammt einer Schafbauernfamilie, die in Nordnorwegen in vierter Generation einen Hof bewirtschaftet. Inmitten von Bergen, Fjorden und buschigen Hängen seien die Schafe das ideale Nutztier, sagt ihre Schwester Rakel. Sie gäben Milch, das beste Fleisch der Welt und Wolle und ernährten sich genügsam von Unkraut und Wildwuchs.

Als die Eltern von Rakel und Rebekka vor einiger Zeit ans Kürzertreten dachten, übernahm Rakel mit ihrer Frau Ida den Hof und die Verantwortung, weiterhin tatkräftig unterstützt von Vater und Mutter. Und mit Schwester Rebekka als Dokumentarfilmerin im Schlepptau. Entstanden ist dabei ein Dokumentarfilm und eine Serie in fünf halbstündigen Episoden für das norwegische Fernsehen NRK. „WOOLLY (Sau) von Rebekka Nystabakk“ weiterlesen

I LOVE YOU, I LEAVE YOU von Moris Freiburghaus

Dino Brandão und sein Vater © outside the box

Zehn Jahre nachdem sie gemeinsam den Kurzfilm Paradox gemacht hatten, erreichte Moris Freiburghaus eine SMS von seinem Jugendfreund Dino Brandão: «Es wird Zeit für Teil 2». Der Musiker schickte sie aus der psychiatrischen Klinik, in der er wegen einer weiteren manischen Phase gelandet war.

Eine der Grundregeln des Dokumentarfilms verlangt, dass über das Medium dokumentiert wird, nicht interveniert. Was gerade dann besonders wichtig scheint, wenn sich der fertige Film in seiner Wirkung als wahrhaftige Dokumentation nicht angreifbar machen soll. Dazu kommt, dass ein Ziel vieler Dokumentarfilme letztlich dann eben doch die Intervention sein dürfte, das Herbeiführen einer veränderten Perspektive auf ein Phänomen, ein Unrecht, ein Unglück.

I love you, I leave you lässt sich und seinem Publikum zunächst nicht viel Zeit zur Reflexion solcher Fragen, unter anderem, weil er sie dauernd paradox beantwortet. Oder mit anderen Worten: Weil er in seiner Verzweiflung mitreisst. „I LOVE YOU, I LEAVE YOU von Moris Freiburghaus“ weiterlesen

ASPHALTE PUBLIC von Jan Buchholz

© Mythenfilm

Biel. Bienne. Eine Hochburg der mediterranen Architektur? Im Prinzip ja, wenn es nach dem Stadtwanderer geht, dem Architekten, Schreiber und Redner Benedikt Loderer: «Hier haben wir die Kathedrale mit dem Campanile. Und gegenüber, auf der anderen Seite des Platzes, das Baptisterium.» „ASPHALTE PUBLIC von Jan Buchholz“ weiterlesen

FITTING IN von Fabienne Steiner

Farbenderby in Stellenbosch © Royal film

«Sechzig Jahre alte Traditionen lassen sich nicht einfach innerhalb eines Jahrgangs verändern.» Das sagt einer der Erstsemestrigen im Studentenwohnheim «Eendrag» der Universität von Stellenbosch in Südafrika. Dabei hat sich das Empfangskomitee aus gewählten älteren Kommilitonen schon am ersten Tag bemüht, den Neuankömmlingen zu zeigen, dass sie an dieser Elite-Universität nicht einfach in starre Konventionen gezwungen werden würden.

Sechzig Jahre alte Traditionen? Das klingt erst einmal nach lächerlich wenig für jemanden, der sich, zum Beispiel, mit den jahrhundertealten Gepflogenheiten der Universität Basel (gegründet 1460) konfrontiert sah, mit Traditionen wie dem dies academicus, oder den teilweise skurrilen, zum Teil aber auch absurd antiquierten Ritualen der Basler Studentenverbindungen. „FITTING IN von Fabienne Steiner“ weiterlesen

TARDES DE SOLEDAD von Albert Serra

Andrés Roca Rey in der Arena © Sister Dist.

Kennen Sie diese Kippbilder, bei denen man entweder eine Ente sieht, oder einen Hasen? Albert Serra nutzt das Prinzip für seinen Dokumentarfilm über den Stierkampf. Wer fasziniert ist von dem blutigen Ritual, kommt auf ihre oder seine Kosten. Wer überzeugt ist von der Sinnlosigkeit und dem Unrecht der Tierquälerei, sieht sich durchgehend bestätigt.

‚Fliegende Blätter‘ 1892 © wikicommons

Und ein zweites Prinzip setzt Serra ein: Er filmt und montiert die Kämpfe des peruanischen Matadors Andrés Roca Rey analog zu der Figur, welche der Torero während des Kampfes einnimmt: Hochkonzentriert und nonchalant abgewendet im gleichen Moment. So wie Roca Rey den Stier wieder und wieder dicht an seinem eigenen Körper vorbei in das Tuch rennen lässt, lenkt Serra den Blick der Kamera, scheinbar neutral, beobachtend, emotionslos, urteilsfrei.

Ein Dokumentarfilm über Stierkampf ist grundsätzlich eine zwiespältige Angelegenheit. Es gibt keine ethische oder emotionale Neutralität angesichts eines Spektakels um Leben und Tod. „TARDES DE SOLEDAD von Albert Serra“ weiterlesen

LA VENUE DE L’AVENIR von Cédric Klapisch

Adèle (Suzanne Lyndon) in Paris, 1895 © frenetic

Eine weitverzweigte französische Familie erbt ein Haus in der Normandie, voll mit Bildern, Photos und Möbeln, das seit 1944 niemand mehr betreten hat. Beim Inventarisieren und Stöbern stossen die vier Familiendelegierten auf die Spuren von Adèle, der letzten Bewohnerin und ihrer aller Vorfahrin. Und auf die Spuren von Adèles Aufbruch mit 21 Jahren, nach Paris, im Jahr 1895, auf der Suche nach ihrer Mutter.

Nun durchdringen und mischen und informieren sich gegenseitig die letzten Jahre des 19. Jahrhunderts mit unserer Gegenwart. Seb (Abraham Wapler), der Content Creator, stösst auf Lucien (Vassili Schneider), den Photographie-Pionier und dessen Freund Anatole (Paul Kircher), der Anschluss sucht in den Künstler-Kreisen am Montmartre. Und mittendrin immer diese von Suzanne Lyndon gespielte Adèle. Wie Truffauts Catherine mit ihren Jules et Jim.

La venue de l’avenir ist eine attraktive Konstruktion. Ein Kostümfilm, der fest in unserer eigenen Zeit verankert ist, ein Drehbuch, das Umbrüche in Kunst, Kultur und Architektur vom Beginn der Moderne mit der Postmoderne parallel führt, damit immer wieder pointiert zu spielen versteht. „LA VENUE DE L’AVENIR von Cédric Klapisch“ weiterlesen

SEPTEMBER & JULY (September says) von Ariane Labed

Pascale Kann (September), Mia Tharia (July), Rakhee Thakrar (Sheela) © cineworx

Eines der vielen seltsamen Spiele der Schwestern September und July geht besteht darin, dass die Forschere der beiden die andere zu einer mehr oder weniger absurden Handlung auffordert: «September says: we don’t eat anymore red food», worauf July den Befehl ohne zu zögern befolgt. Im Gegenzug hilft September ihrer Schwester immer wieder aus der Patsche, wenn diese sich mit ihrer vertrauensseligen Art irgendwo in die Klemme manövriert hat: «Silly July!»

In der Schule werden die beiden als Freaks gehänselt. Auf Übergriffe an July reagiert September zunehmend aggressiv. So schneidet sie etwa einer Mitschülerin zur Strafe während des Unterrichts von hinten mit einer Schere den Rossschwanz ab.

Wenn Ariane Labed mit ihrem Regiedebut von zwei eigenwilligen jungen Frauen erzählt, tauchen Erinnerungen auf an den Film, mit dem sie als Schauspielerin bekannt wurde: Athina Rachel Tsangaris Attenberg von 2010. Und der wiederum erinnerte nicht von ungefähr an Vera Chytilovás weiblich-anarchische «Max & Moritz»-Variante Tausendschönchen (Sedmikrásky) von 1966. „SEPTEMBER & JULY (September says) von Ariane Labed“ weiterlesen

THE SALT PATH von Marianne Elliott

Raynor und Moth Winn (Gillian Anderson, Jason Isaacs) © dcm

Dana Scully aus den X-Files wandert mit Harry Potters Lucius Malfoy der englischen Küste entlang, 630 Meilen, ein Jahr lang, auf dem South West Coast Path. So zerzaust und verwittert hat man die sonst so durchgestylte Gillian Anderson noch nie gesehen. Und Jason Isaacs hinkt als Moth Winn so erbärmlich, dass man ihm unwillkürlich Malfoys infamen Schlangenkopf-Zauber-Gehstock zurückwünscht.

Gillian Anderson als Dana Scully in ‚X-Files‘ und Jason Isaacs als Lucius Malfoy in den Harry-Potter-Filmen © Montage mis

Die beiden verkörpern Raynor und Moth Winn, das britische Ehepaar, das alles verlor und sich in seiner obdachlosen Verzweiflung auf eine grosse Wanderung begab. Aus ihrer Geschichte entstand der Bestseller «The Salt Path». Zwar wird die Echtheit der Geschichte unterdessen angezweifelt. Aber an der Wirkung der Fiktion und vor allem des Films ändert das nichts.

Kinowandern ist ein eigenes Genre. All diese Filme, welche die Heldenreise-Formel auf ihr archaisch-artifizielles Minimum reduzieren. „THE SALT PATH von Marianne Elliott“ weiterlesen