Slipstream von Anthony Hopkins

Wenn Stars plötzlich Regie führen und dann gar noch eigene Drehbücher verfilmen, dann redet man in Hollywood gerne von einem „vanity project“, einem Eitelkeits-Vorhaben. Es gibt sogar eine Theorie, dass Studios und Produzenten Stars damit bestrafen, dass sie sie Regie führen lassen, weil sie danach, nach einem Flop, wieder viel leichter zu handhaben sind. Bei Sir Anthony Hopkins lag der Fall wohl ein wenig anders. Slipstream ist ganz sicher nicht Mainstream, und floppen kann der Film nicht, weil er schon gar nicht auf einen Kassenerfolg hin angelegt ist. Ein Vanity Project ist das trotzdem, aber ein sympathisches. Die Story, die Hopkins sich ausgedacht hat, ist kompliziert genug. Im Zentrum steht er, alsalternder Drehbuchautor Felix Bonhoeffer, dem seine Wirklichkeit und seine erfundenen Drehbuchwelten durcheinander geraten. Das ist sehr ambitioniert erzählt, mit unzähligen Ebenen- und Realitätswechseln, einer erstklassigen Kameraführung, in Breitwandformat und perfekt ausgeleuchtet, mit einer raffinierten Tonspur und einer ganzen Horde eindrücklicher Schauspielerinnen und Schauspieler. Hopkins selber verschwindet beinahe im ganzen Feuerwerk an inszenatorischen Verwirrmomenten, was einen sympathisch bescheidenen Zug verrät. Gleichzeitig ist das leider alles ein wenig beliebig, abgesehen von der permanenten Verwirrung, in die einen der Film stürzt, hat er aber eine ganze Menge witziger Hollywood-Aperçus zu bieten. Auf einem chaotischen Filmset werkelt zum Beispiel ein Weichei von Regisseur (inklusive Baby im Snugly vor der Brust), während auf einem Golfplatz oder sonst wo John Turturro einen berserkernden Produzenten namens Harvey gibt, der kein Auge trocken lässt. Alles in allem merkt man dem Film auf positive Weise an, dass keine kommerziellen Interessen dahinter stehen. Ob es dazu allerdings nötig ist, das Ganze so zu erzählen, dass man – vielleicht im Sinne Godards – Anfang Mitte und Schluss, sowie alles dazwischen und dahinter beliebig umstellen könnte, ohne den Gesamteindruck zu verändern? Eitelkeit findet immer einen Weg, und sei es die Kurve über die Bescheidenheit.

Filmpodcast Woche 31 2007: 1 to 1, Schwarzenegger, Bergmann, Bideau, Locarno

Herzlich Willkommen zum DRS Filmpodcast für die Woche 31. Direkt aus Locarno und rappelvoll. Nadja Fischer nimmt Abschied von Ingmar Bergmann, Pierre Lachat bespricht den dänischen Film 1 to 1, Max Akerman in San Francisco fasst zum 60. Geburtstag die politische Karriere von Arnold Schwarzenegger zusammen. Und dann steigen wir ein ins Filmfestival von Locarno, mit einem historischen Beitrag von Erich Facon, einem kurzen Gespräch mit Festivaldirektor Frédéric Maire und zwei filmpolitischen Beiträgen von mir zur Subventionspolitik von Bundesfilmchef Nicolas Bideau.

Vexille ist (auch) ein Geek-Fest

Ich habe ein Weilchen gebraucht, bis mir klar wurde, wie sehr Fumihiko Soris Anime-Epos Vexille (siehe auch den vorherigen Blogeintrag) die Geeks und die Nerds im Zielpublikum bedient. Da heisst zum Beispiel der Boss der US-Agenten, welche die japanischen Androiden bekämpfen, ausgerechnet Borg (ein Gag für Trekkies). Und warum mit dem Google-Schriftzug (die farbigen Buchstaben sagen „Barbara“ in einer Szene) Schindluder getrieben wird, macht der Abspann des Filmes klar: Zu den Sponsoren gehört auch Yahoo Japan. Für die vielen Sponsorengäste in Locarno war das wohl geschenkt, aber der Film bietet ja auch jenen einiges, die schon nach zwei Minuten den Faden verlieren. Und hier noch eine kurze Einordnung des Ganzen von Regisseur Fumihiko Sori:

Manga in High Definition

Mit Vexille von Fumihiko Sori aus Japan wird heute Abend das Filmfestival von Locarno eröffnet. Ob das nun Anime ist oder Manga oder Animationsfilm: „Vexille“ ist spektakulär. Der Film holt das Maximum aus der neuen High Definition-Digital-Projektion heraus, optisch ist das ein Fest. Inhaltlich ist die Sache zumindest faszinierend, wenn auch nur in der Story-Line originell und weniger in den einzelnen Sequenzen. Die Geschichte spielt in Japan im Jahr 2077, Japan hat vorzehn Jahren die UNO verlassen, um sich der geächteten Entwicklung von Androiden weiter widmen zu können. Nun weiss auf der Welt niemand, was in dem elektronisch abgeschirmten Land in diesen zehn Jahren passiert ist. Man vermutet allerdings, dass Japan zu einer Bedrohung für die Menschheit geworden ist, und darum schicken die Amerikaner ein Kampf-Team von SWORD, darunter die Heldin Vexille heimlich in die Zone. Was die (samt und sonders japanisch sprechenden) Amerikaner an High Tech und Überraschungen erwartet in Tokyo, ist tatsächlich spektakulär. Vom virtuellen Keyboard im Auto bis zu den irren Raketenwürmern aus Metall-Schrott wird optisch ein Dauerfeuerwerk geboten, das alles bisher gesehene in den Schatten stellt. Dass die Geschichte den aktuell in den Kinos laufenden „Transformer“-Schrott von Michael Bay vergessen macht, ist ein weiterer Pluspunkt. Im Pressekino waren die Bilder phantastisch, ich bin gespannt, wie das heute Abend auf der riesigen Piazza-Leinwand aussieht. In Japan startet der Film übrigens am 18. August, das ist also ein ziemlich exklusiver Eröffnungsfilm für Locarno.

Project Cloverfield – Monsterfilm 2008?

libertycracked

Virales Marketing hat für Hollywood schon manchen Hit vergrössert. Denken wir nur an die Absurdität „Snakes on a Plane“: Der Film war in aller Munde, bevor eine einzige Einstellung gedreht war. Einfach, weil der Titel dermassen blöd war, dass sich die Blogosphäre darüber so lange mokierte, bis er auch den letzten Nerd erreicht hatte. Und jetzt probiert JJ Abrams, der Kopf hinter der TV-Serie „Lost“ ein ähnliches Schtick: Seit ein paar Tagen gibt es diesen Trailer für einen Katastrophen-/Monsterfilm ohne Titel, ohne Stars, aber mit einem cleveren Catch. In zwei drei Tagen wird das Web voll sein mit Hinweisen darauf, ich habe den ersten beim Guardian (englisch) gefunden:… original post

Filmpodcast 35 Woche 30 online

Herzlich Willkommen zum DRS-Filmpodcast für die Woche 30. Ich stelle heute Quentin Tarantinos «Grindhouse»-Hälfte «Death Proof» vor, sowie den Simpsons-Kinofilm. Peter Burri blickt zurück auf die Karriere des am Sonntag verstorbenen deutschen Schauspielers Ulrich Mühe (der Stasi-Beamte in "Das Leben der Anderen") und schliesslich folgt ein längeres Gespräch mit dem Badener Kinopatron Peter Sterk über das Kino als Familienbetrieb und 105 Jahre Kinofamilie Sterk. Dazu wie immer die Kurztipps und Retro-Raten via Soundclips.

Trailers from Hell

Das Beste, wenn nicht gar das einzig Gute, am zerstückelten "Grindhouse"-Experiment von Quentin Tarantino und Roberto Rodriguez sind die falschen Trailer für Schlockfilme, die gar nie gemacht wurden. Offensichtlich hat die Idee andere Regisseure inspiriert. Auf der Website "Trailers from Hell" kommentieren bekannte Regisseure wie Joe Dante oder Mick Garris klassische B-Movie-Trailer. Das ist ziemlich vergnüglich, weil die Herren wissen, wovon sie reden, und weil die Trailer durch die Kommentare eigentlich nur gewinnen.

Der Wald des Abschieds

 

 

(Naomi Kawase)

 

Von mir bekäme sie die goldene Palme. Naomi Kawase aus Japan, die 1997 hier in Cannes schon die Camera d’Or gewonnen hat, wäre meine persönliche Favoritin für den Hauptpreis morgen. Sie wäre dann, nach Jane Campion für «The Piano» erst die zweite Frau, welcher die Ehre zuteil würde. Ihr neuer Film «Mogari No Mori», der Wald der Trauer, ist eine jener stillen, liebevollen Bilderreihungen, die weniger an eine Symphonie denn an ein Streichquartett gemahnen. Oder ein Streichel-Quartett. Eine junge Frau, die ihr Kind verloren hat, arbeitet in einem japanischen Altersheim auf dem Land und kommt einem alten Mann näher, der seit dreissig Jahren um seine Frau trauert. Die beiden machen einen Ausflug und gehen in jenem Wald verloren, in dem der Alte seine Frau, ihr Grab, oder seine Erinnerung an sie sucht. Ein traumhaft schöner Film, der thematisch ein wenig an den Japaner Kore Eda Kôhei Oguri und seinen „schlafenden Mann“ erinnert, bildhaft aber ganz Kawase bleibt, mit Wind in den Bäumen, Regen, Landschaft und vor allem Figuren, die einem das Herz stehlen.

 

Promise me This

 

Schon zweimal hat er die goldene Palme gewonnen, der serbische Brachialfilmer Emir "Kustu" Kusturica. Aber für die Dritte wird es diesmal hoffentlich nicht reichen. Sein neuer Film ist randvoll mit allem, was seine alten so beliebt machte: Turbo-Folk, schlagfertige Männer, dralle Frauen, schiesswütige Serben, Gangster, Grossväter und korrupte Staatsangestellte. Aber einfach von allem zuviel. Wenn der Grossvater seinen Enkel auffordert, in der Stadt die Kuh zu verkaufen, eine Ikone zu kaufen und sich eine Braut zu suchen, dann ist das nicht Gotthelf, nicht wirklich witzig und auch nicht satirisch. Aber bei Kustu kommt das alles zusammen. Der Film ist zur Hälfte Tom & Jerry, zur anderen Hälfte Pippi Langstrumpf, und das ganze aufgezogen als Kasperletheater im «Home Alone»-Slapstick-Stil. Dass heftig geschossen wird, dass es nebenbei auch Tote gibt, und dass die Serben offenbar den Krieg in ihrem Alltag brauchen und ganz lustig finden: Das könnte Satire sein. Ist aber in erster Linie als pralle Unterhaltung inszeniert und bleibt einem des öfteren im Hals stecken, wenn es nicht gerade langweil. Allerdings gibt es, wie immer bei Kustu, auch überaus witzige Momente.

Une vieille maîtresse

Nach ihrem Hirnschlag vor drei Jahren hat sich die streitbare französische Filmemacherin Catherine Breillat den Roman eines Dandy aus dem 19. Jahrhundert angeeignet. Die Geschichte der «alten Geliebten» stammt von Jules-Amédée Barbey d’Aurevilly und ist eine Art Gegenentwurf zu den xfach verfilmten «Liaisons dangereuses» von Choderlos Laclos. Obwohl der Film ein «period piece» ist, ein Kostümfilm, passt er doch bestens ins Oeuvre von Catherine Breillat, die mit Filmen wie «Romance» oder «Sex is Comedy» immer wieder provoziert hat. Es ist die Geschichte eines jungen Parisers, der zehn Jahre eine Amour fou mit einer leidenschaftlichen Frau aus Malaga (Asia Argento) lebt, und dann die obligate jungfräuliche Adelsdame heiratet. Nur spielt Breillat nicht in erster Linie die Dekadenz und den Zynismus der «liaisons dangereuses» aus, sondern die wahre Leidenschaft ihrer Figuren, die direkte, unverfälschte und absolute Hingabe an die Gefühle des Augenblicks und ihre zerstörerische Kraft. Das macht «Une vieille maîtresse» zu einem überraschend modernen Film, mit modernen Figuren. In Kombination mit Breillats erprobtem Talent, Sexszenen direkt und unverschämt zu inszenieren, ergibt das eine nachdenkliche direkte Mischung, manchmal komisch, manchmal erschütternd, nicht immer gleich überzeugend, aber roh und fein zugleich, drastisch und witzig.