Home Sennhausers Filmblog Home Sennhausers Filmblog
  • RSS abonnieren


  • Newsletter Radiomailing:

    Wenn Kontext auf SRF 2 Kultur ein Filmthema behandelt, erhalten Sie am Vorabend eine Email (max. 4 pro Monat):

  • Mailformular

  • Schlagwörter

  • « | Home | »

    Cannes 10: BIUTIFUL von Alejandro González Iñárritu

    Von Michael Sennhauser | 17. Mai 2010 - 12:16

    Javier Bardem in 'Biutiful'

    Oi. Hiob im Kino. Als die Coen-Brothers A Serious Man auf uns losliessen, war leicht zu verstehen, warum wir diesem Unglücksraben als Zuschauer beim Unglücken zuschauen wollten. Das war, wo nicht zynisch, so doch saukomisch. Meist. Und treffend auch. Aber nun hat uns Alejandro González Iñárritu mit Biutiful ein Rätsel aufgegeben. Mit beträchtlichem künstlerischem Aufwand (und bei ungerührter Betrachtung erfolgreich) hat er den bisher stärksten Film des Wettbewerbs gemacht – und den deprimierendsten. Der von Javier Bardem verkörperte Uxbal lebt in der dreckigen Unterwäsche von Barcelona, er hat eine manisch-depressive Ex-Frau und zwei Kinder, Prostata-Krebs mit malignen Metastasen im letzten Stadium, die Verantwortung für ein Strassenhändlernetz aus illegalen Afrikanern und schliesslich die Schuld am Tod von fünfundzwanzig Menschen aus China, die in einem Keller ersticken. Und er hat eine Gabe, die das alles noch schlimmer macht: Er kommuniziert mit Toten.

    Diese rund 140 Minuten im grossen Kino von Cannes heute morgen waren wie ein Schlag in die Magengrube. Der Film ist wundervoll dunkel gefilmt und quält einen von der ersten Sekunde an mit einer überlauten, obstinaten, giftigen Tonspur. Die dramatische Spannung in den meisten einzelnen Szenen ist beträchtlich, wenn der abgekämpfte Uxbal beim Essen mit seinen Kindern kurz die Geduld verliert und seinen kleinen Sohn in dessen Zimmer schickt, nimmt das für mich im Publikum das gleiche emotionale Katastrophenausmass an wie für den Jungen. So gesehen sind die Bemühungen Iñárritus fruchtbar und wirksam, der Film macht nicht nur seinen Protagonisten fertig, sondern auch sein Publikum. Das ist möglicherweise auch wirklich grosse Kunst, und – wieder nüchtern betrachtet – eine beachtliche Leistung.

    Aber wozu? Was bewirkt ein solcher Film? Eine mögliche Betrachtungsweise wäre die: Uxbal ist ein Profiteur, er verdient an den illegalen Einwanderern, die er vermittelt. Er ist aber auch menschlich empfänglich, er nimmt teil am Schicksal dieser Menschen, versucht es punktuell zu lindern. Damit nimmt uns Iñárritu die letzte Chance, uns emotional von der Tatsache zu entbinden, dass uns das Schicksal dieser getretenen, ausgebeuteten, herumgeschobenen Menschen ganz direkt betrifft. Uxbals Schuld ist unsere Schuld, sein Unglück müsste auch das unsere sein.

    Eigentlich nicht überraschend, dass sich mein ganzer Organismus gegen diesen Film wehrt, dass ich ihn physisch als unangenehm erlebt habe, und dass ich nicht die geringste Lust verspüre, mir das noch einmal anzutun, noch, das Erlebnis jemand anderem ans Herz zu legen. Eine künstlerische Leistung gewiss. Die Wirkung lässt sich allerdings auch dadurch erzielen, dass ich mir einen Hammer auf den Daumen haue.

    Alejandro Gonzalez Iñárritu

    Alejandro Gonzalez Iñárritu

    Topics: Film, Filmbesprechung, Filmfestival | 2 Kommentare »

    2 Comments

    1. Der Hammer auf den Daumen bringts eben nicht. Verlieren triffts eher.

      Kommentar by projekt2501 — 30. März 2011 @ 19:10

    2. Warum rutscht das Unverständnis mittelmäßig Begabter eigentlich immer in mindest linde Pöbeleien gegen das Andere ab?

      Kommentar by le karl — 6. Juni 2012 @ 07:44

    RSS feed for comments on this post.

    Sorry, the comment form is closed at this time.

    Simple Share Buttons