LA VALLE DEI SORRISI von Paolo Strippoli

Don Attilio (Roberto Citran) © fandango

Den Menschen im italienischen Städtchen Remis steht das Lächeln im Gesicht. Es steht auch auf dem Schild am Ortseingang, das dem Film seinen Titel gibt. Und die Leute lächeln, obwohl fast jeder im Ort bei dem schrecklichen Zugsunglück vor 15 Jahren Angehörige verloren hat.

Den in seinem eigenen Unglück vergrabenen Aushilfssportlehrer und einstigen Judo-Champion Sergio Rosetti (Michele Riondino) kümmert das wenig. Tagsüber lässt er seine Schülerinnen und Schüler im Kreis laufen und abends besäuft er sich in Michelas Bar, bis diese ihn zum Geheimnis des Ortes führt: Dem 15jährigen Matteo, bei dem man durch eine Umarmung seinen Schmerz loswerden kann.

Dass dieses Wunder einen höllischen Preis hat, für die Ortsbewohner, aber auch für Matteo, das erkennt Sergio erst allmählich. „LA VALLE DEI SORRISI von Paolo Strippoli“ weiterlesen

SLEEP NO MORE (Monster Pabrik Rambut) von Edwin

Der Dämon und Ida (Lutesha) © Showbox Ent.

Wenn die zu Überstunden angehaltenen Arbeiterinnen und Arbeiter in dieser indonesischen Perückenfabrik den Gipfel der Übermüdung erreichen, passieren scheussliche Unfälle.

Die Mutter von Putri und Ida stürzt sich in den ersten Minuten kopfüber in ihren riesigen Kochkessel. Eine andere Frau schlägt mit dem Gesicht auf dem Stahlstachelbrett auf, welches zum Auskämmen der Perückenhaare dient. „SLEEP NO MORE (Monster Pabrik Rambut) von Edwin“ weiterlesen

SANGUINE von Marion Le Corroller

Notfallstation: Margot Loiseau (Mara Taquin) © filmcoopi

Da explodiert ein freundlicher junger Mann, mehrfacher Employee of the Month, hinter der Theke eines Burgerladens, als ein impertinenter Kunde partout einen Burger fordert, der nicht im aktuellen Angebot steht. Er prügelt den Mann tot und haut danach den eigenen Kopf so lange auf die Theke, bis er ebenfalls stirbt.

Marion Le Coroller demonstriert mit diesem furios montierten (und bei Joel Schumachers Falling Down geborgten) Einstieg, wie sehr wir uns alle nach einem Frust-Ventil für die Zumutungen des Arbeitsalltags sehnen. „SANGUINE von Marion Le Corroller“ weiterlesen

A PRAYER FOR THE DYING von Dara Van Dusen

John C. Reilly und Johnny Flynn in ‚A Prayer for the Dying‘ © New Europe Film Sales

Die Bedrohung in diesem Western sind keine Ureinwohner, kein machtgieriger Rinder-Baron, kein Revolverheld, sondern einzig die Umstände, die Natur in Form eines heranbrausenden Feuers und der Diphtherie.

A Prayer for the Dying ist ein Seuchenwestern, so man diesen Fiebertraum von einem Film überhaupt kategorisieren will. „A PRAYER FOR THE DYING von Dara Van Dusen“ weiterlesen

HISTOIRES DE LA NUIT von Léa Mysius

Thomas (Bastien Bouillon), Nora (Hafsia Herzi) und Ida (Tawba El Gharchi) © Pathé Suisse

Mit Ava von 2017 und mit Les cinq diables von 2022 drang die französische Regisseurin und Drehbuchautorin Léa Mysius tief in die Beziehung junger Mädchen und Frauen zu ihrem Umfeld, ihrer Familien und vor allem ihrer Mütter ein. Offensichtlich hat sie auch dieser Aspekt am Roman Histoires de la nuit (2020) von Roman Mauvignier interessiert.

Oberflächlich ist Histoires de la nuit eine klassische Home Invasion Story, die im Genrekino hundertfach variierte Geschichte des Eindringens böswilliger Fremder ins Haus einer Familie. „HISTOIRES DE LA NUIT von Léa Mysius“ weiterlesen

TEENAGE SEX AND DEATH AT CAMP MIASMA von Jane Schoenbrun

Kris (Hannah Einbinder) und Billy (Gillian Anderson) © filmcoopi

Nicht nur das Blut spritzt hier in meterhohen Fontänen, auch die Gedanken und Ideen zum klassischen US-Teenager-Horrorfilm spritzen über und von der Leinwand herab; das alles tropft und fliesst höchst vergnüglich über die schiefe Meta-Ebene des Genre-Kinos.

Ein Film wie gemacht für das NIFFF – auch wenn er im Frühling in Cannes schon eine globale Plattform hatte. Teenage Sex and Death at Camp Miasma von den nonbinären Jane Schoenbrun aus New York ist nicht nur im Titel horrorfilmmeta, sondern durchgängig. Der Film ist meta-meta, sozusagen Ubermeta. „TEENAGE SEX AND DEATH AT CAMP MIASMA von Jane Schoenbrun“ weiterlesen

NIGHTBORN (Yön lapsi) von Hanna Bergholm

Saga (Seidi Haarla) in ‚Nightborn‘ © Praesens

Mutterschaft ist nichts für Feiglinge. Vor einem Jahr hatte hier am NIFFF Johanna Moders Mother’s Baby seine Schweizer Premiere, die wunderbar auf dystopische Science-Fiction getrimmte weibliche Übernahme von Rosemary’s Baby. Gestern legte das NIFFF nach und zeigte – zur Eröffnung! – die radikal auf finnischen Troll-Wald getrimmte Bodyhorror Variation Nightborn von Hanna Bergholm.

Saga (Seidi Haarla) und Jon (Rupert Grint) wollen im einsamen Waldhaus von Sagas Grossmutter mindestens drei Kinder grossziehen. Das erste zeugen sie mit animalischer Begeisterung unter den knorrigen Stämmen im Wald hinter dem Haus beim ersten Besuch der zerfallenden Liegenschaft.

Als neun Monate später dieser Sohn zur Welt kommt, ist er Saga vom ersten Moment an fremd und unheimlich. Konsequent redet sie von «it, the baby» und beim ersten Säugen beisst der haarige, grunzende Kleine ihre Brust blutig. „NIGHTBORN (Yön lapsi) von Hanna Bergholm“ weiterlesen

HEAT von Jacqueline Zünd

© filmcoopi

Wie tönt Hitze? Wie sieht sie aus? Das sind Fragen, welche sich der Dokumentarfilmerin Jacqueline Zünd stellten, als sie ihren ersten Spielfilm Don’t let the Sun vorbereitete, und dabei auf so viele Themen stiess, dass sie gleich auch noch einen neuen Dokumentarfilm in Angriff nahm.

Film gesehen an den Visions du Réel 2026 in Nyon

Als sie dann tatsächlich drehten, in Dubai, in Kuwait, wie immer mit Kameramann Nikolai von Graevenitz, hätten sie sie sich mehrfach gefragt, wer auf die hirnverbrannte Idee gekommen sei, erzählte Zünd gestern Abend nach der Weltpremiere ihres Films an den Visions du Réel in Nyon. „HEAT von Jacqueline Zünd“ weiterlesen

MEANWHILE IN NAMIBIA von Jonas Spriestersbach

© Jonas Spriestersbach

Es ist immer wieder erstaunlich, mit welcher Bereitwilligkeit sich viele Leute vor einer Kamera um Kopf und Kragen reden, ohne es zu merken. Der Altmeister solcher Sammeltätigkeiten ist der Österreicher Ulrich Seidl, aber mit seinem jüngsten Dokumentarfilm kann ihm der Hamburger Jonas Spriestersbach (Tiere, 2019) durchaus das Wasser reichen.

Film gesehen an den Visions du Réel 2026 in Nyon

Für seine «No Budget»-Produktion ist Spriestersbach nach Namibia gereist, auf den Spuren der deutschen Kolonialgeschichte. Ein heisses Eisen, das keine deutsche Sendeanstalt anfassen mochte und für das darum auch kaum öffentliche Förderung aufzutreiben war. „MEANWHILE IN NAMIBIA von Jonas Spriestersbach“ weiterlesen

EN TERRAIN NEUTRE / SONDERFALL von Stéphane Goël & Mehdi Atmani

Mehdi Atmani – Suisse miniature © Agora

Nein, neutral ist dieser Dokumentarfilm zum Glück gar nicht. Das hätte auch niemand erwartet vom Westschweizer Dokumentarfilmer Stéphane Goël. Speziell dann nicht, wenn er sich der Neutralität widmet, jenem Schweizer Glaubensbekenntnis, das mehr individuelle Ausprägungen kennt, als die von den gleichen Gläubigen ähnlich inbrünstig beschworene Zehnmillionenschweiz.

Film gesehen an den Visions du réel 2026 in Nyon

Und so kommt es, dass uns der Film in den ersten Minuten auf ein leeres Feld verpflanzt, zusammen mit dem jungen Journalisten Mehdi Atmani, der gemeinsam mit Goël herauszufinden versucht, wie das alles angefangen hat. „EN TERRAIN NEUTRE / SONDERFALL von Stéphane Goël & Mehdi Atmani“ weiterlesen