MAD HEIDI von Johannes Hartmann und Sandro Klopfstein

Alice Lucy ist Heidi ©Swissploitation Films LLC

Nach fünf Jahren Entwicklung, Crowdfunding, Merchandising und dem Aufbau einer globalen Fan- und Investoren-Basis hat der «Swissploitation»-Film Mad Heidi im Zürcher Kongresshaus als ZFF-Special sein erstes Schweizer Publikum gefunden.

Nein, es ist erst mal nicht wahnsinnig lustig, wenn Max Rüdlinger als sadistischer Kommandant Knorr sein laktose-intolerantes Opfer mit Fondue waterboardet.

Oder doch? „MAD HEIDI von Johannes Hartmann und Sandro Klopfstein“ weiterlesen

GIRL GANG von Susanne Regina Meures

Leonie beim Influencen © frenetic

Die Berliner Influencerin Leonie hat allein auf Instagram 1.6 Millionen Follower. Der Dokumentarfilm von Susanne Regina Meures hat «Leoobalys» auf ihrem Weg dahin vier Jahre lang begleitet.

Mit einer aufgeregten Menge sehr junger Mädchen hinter einer Absperrung vor einem Kaufhaus beginnt der Film. Es sind die Wiener Fans von Leonie, wie wir später erfahren. Acht-, Neun-, Zwölfjährige, die ihre vierzehn Jahre alte Online-Freundin einmal «in echt» sehen wollen.

Die Aufregung, die Tränen, das auf der Tonspur nur gedämpft wahrnehmbare Kreischen, das alles erinnert an die alten, schwarzweissen Aufnahmen von vorwiegend sehr jungen, weiblichen Beatles-Fans der 1960er Jahre.

Ein Vergleich, mit dem ich mich als alternder Kinogänger natürlich hoffnungslos in jenem Zuschauer-Segment verorte, das zum Phänomen «Influencer» vor allem Vorurteile und Kopfschütteln bereithält.

Die Dokumentarfilmerin Susanne Regina Meures hat sich ein paar dramaturgische Kunstgriffe überlegt, um mich genau da abzuholen – und gleichzeitig auch das zu erwartende Publikum aus dem unüberschaubaren Segment jener 1.6 Millionen «Follower», welche Leonie täglich mit Einblicken in ihren Mädchen-Alltag bedient.

Die Musik, welche da bald am Anfang einsetzt, die ist stimmbetont und feierlich, eine Art Kirchenchor, Elfenklänge aus abgehobenen Sphären. Und dann folgt auf der Tonspur eine Stimme mit einem Märchenanfang, die von einem Mädchen erzählt, dass sich in seinem «schwarzen Spiegel» spiegelt, fasziniert und faszinierend.

Der schwarze Spiegel ist, klar, das Mobiltelefon. Damit teilt die 14jährige Leonie die Freuden und Entdeckungen ihres täglichen Lebens mit immer mehr Freundinnen auf der halben Welt. Neue Schuhe, Klamotten, Mittel gegen Pickel, TikTok-Tricks und kleine Freudentänze.

Susanne Meures ist mit ihrer Kamera dabei, sie zeigt, wie Leonies Eltern das Management ihrer Tochter übernehmen, wie die Kleinfamilie mit Hund und Katze und Einfamilienhaus zur Firma wird, wie der Vater gezielt und geschickt immer grössere Firmenaufträge hereinholt.

Leonie ist ein Selfmade-Profi, sie beherrscht die Apps, die Plattformen, die Filter und den richtigen Ton. Die Eltern sorgen für geregelte Abläufe, Disziplin und die nötige Unterstützung.

Zwei Dinge macht der Film sehr schnell sehr klar: Was Leonie da macht, ist knallharte Arbeit. Mit der Vorstellung des «perfekten Lebens», das ihre Fans zu sehen bekommen, hat der Alltag wenig zu tun.

Wenn Leonie lacht, lacht sie in die Telefonkamera hinter dem Ringlicht.

Ist das Licht aus, ist sie gestresst, wirft dem mahnenden Vater oder der auf Zeitpläne drängenden Mutter vor, anstrengend zu sein und erweist sich zunehmend als pubertärer Teenager zwischen Disziplin und Einsamkeit.

Parallel dazu montiert der Film das Leben von Leonies Fan Nummer eins, Melanie, die mit ihren Fan-Accounts nicht nur Leonies online-Leben mitlebt, sondern auch über ihre versammelten Mit-Fans zu ihrer Reichweite beiträgt.

Ist Meures’ Kamera Leonie und ihrer Familie gegenüber betont neutral, wird Melanie als Proto-Fan von Anfang an mit einer gewissen Hysterie und in Dunkelheit inszeniert. Bis sie sich nach Jahren von ihrem Stellvertreterleben emanzipiert und eine richtige beste Freundin findet.

Das ist der eine gezielt manipulative Kunstgriff dieses Dokumentarfilms. Der andere besteht darin, dass Leonies Eltern an einigen Stellen im Off-Ton über ihre eigenen Ängste und Träume reden. Aber nie miteinander und nie mit der Tochter.

Es gibt keine dokumentarische Neutralität. Wer filmt, steuert Blicke und Vorstellungen. Daran erinnert «Girl Gang» auf jeder Ebene. Auch mit dem letzten Satz im Film, der dem Märchen (und dem Mädchen) ein gutes Ende wünscht.

Susanne Regina Meures © frenetic

Meures kam 1977 in Deutschland zur Welt. Sie studierte Fotografie und Kunstgeschichte am Courtauld Institute of Art in London, danach Film an der Zürcher Hochschule der Künste. Meures ist in der Regel ihre eigene Kamerafrau.

Ihr erster langer Dokumentarfilm war Raving Iran (2016), die Geschichte zweier iranischer Underground-Techno-DJs die über ihre internationale Karriere die Flucht versuchen.

Daran schloss 2020 Saudi Runaway an, in dem eine Frau in Saudi-Arabien ihre Flucht aus dem Land vorbereitet und sich dabei auch selbst filmt. Auf Wunsch der Protagonistin wurde der Film nach diversen erfolgreichen Festivalaufführungen schliesslich vom Produzenten vor der Kinoauswertung und weiteren Festivaleinladungen zurückgezogen.

Damit ist Girl Gang nun Meures’ dritter Film über Selbstbestimmtheit und komplexe Lebensumstände junger Menschen.

Während es aber bei den ersten beiden Filmen weitgehend unmöglich war, die in repressiven Ländern heimlich gefilmten Vorgänge unabhängig zu überprüfen, liegt beim aktuellen Film so ziemlich alles offen.

DIE GOLDENEN JAHRE von Barbara Kulcsar

Esther Gemsch und Stefan Kurt © filmcoopi

Für das frischpensionierte Ehepaar Alice und Peter entpuppt sich der Start in Die goldenen Jahre als unerwartet dramatische Knacknuss. Petra Volpe (Die göttliche Ordnung) hat das Drehbuch geschrieben, Barbara Kulcsar (Nebelgrind) inszeniert Esther Gemsch, Stefan Kurt und Ueli Jaeggi in dieser Dramödie, die am ZFF ihre Premiere feierte.

«Unser Sohn ist ein Gigolo. Und unsere Tochter trinkt zu viel».

Das bemerkt der frisch pensionierte Peter (Stefan Kurt) gegenüber seiner Frau Alice (Esther Gemsch) am Schluss der grossen Feier mit Familie und Freunden.

Und schiebt grinsend nach: «Nümm üsses Problem!» „DIE GOLDENEN JAHRE von Barbara Kulcsar“ weiterlesen

REGRA 34 von Júlia Murat

Pardo d’oro, Locarno 2022

© Esquina Filmes

Der Filmtitel bezieht sich auf ein Internet-Meme, auf eben diese Regel Nummer 34, welche besagt, dass es von allem, was es gibt, auch eine Porno-Version gebe.

Regel 35 ergänzt das um den Zusatz, dass die Porno-Version dort, wo sie noch nicht existiert, gerade im Entstehen begriffen sei.

So verspielt Júlia Murats Filmtitel daherkommt, so verspielt gibt sich auch ihre Heldin, die 23jährige Jura-Studentin Simona in Brasilien. In der Titelsequenz sehen wir sie bei einem Auftritt als freizügiges Cam-Girl vor ihrem Laptop. Ob sie das nur zum Vergnügen macht, oder auch, um Geld zu verdienen, wird nie ganz klar. „REGRA 34 von Júlia Murat“ weiterlesen

HIKAJAT ELBEIT ELORJOWANI von Abbas Fahdel

© Nour Ballouk Co.

Das Haus im Südlibanon, in dem der Franko-Iraker Abbas Fahdel und seine libanesische Frau Nour Ballouk leben, gibt dem Film seinen Titel: Tales oft he Purple House.

Tatsächlich ist das kleine zweistöckige Haus am Hang mit seinem prächtigen Garten malvenfarbig. „HIKAJAT ELBEIT ELORJOWANI von Abbas Fahdel“ weiterlesen

DE NOCHE LOS GATOS SON PARDOS von Valentin Merz

Sniffing… © Andrea Film

Der Schweizer Beitrag im diesjährigen Wettbewerb von Locarno ist definitiv nicht sein Höhepunkt. Ob man ihn als Tiefpunkt empfinden will, hängt von den eigenen Erwartungen ab.

Jedenfalls ist sein Titel auch sein Programm, ganz abgesehen davon, dass er, der Titel, perfekt ans Filmfestivals von Locarno passt: Nachts sind Katzen Leoparden.

Leider geht hier, wie beim ganzen Film, die Mengenlehre nur in eine Richtung auf. Schliesslich sind alle Leoparden auch Katzen, tagsüber und in der Nacht. „DE NOCHE LOS GATOS SON PARDOS von Valentin Merz“ weiterlesen

PIAFFE von Ann Oren

Simone Bucio © Schuldenberg Films

Das ist nicht nur der erste Pferdemädchen-Kunstporno, den ich in meinem Leben gesehen habe, sondern eindeutig auch der bizarrste.

Dabei darf niemand sagen, der Titel sei nicht Warnung genug.

Die Piaffe ist gemäss Wikipedia eine Übung der klassischen Reitkunst. Sie ist «prüfungsrelevanter Teil der höheren Dressurprüfung» und sie gehört zu den Kunstgangarten. „PIAFFE von Ann Oren“ weiterlesen

MATTER OUT OF PLACE von Nikolaus Geyrhalter

Schwebende Entsorgung im Wallis ©NGF

Der unberührte Bergsee zwischen den verschneiten Felsflanken liegt grau glitzernd in Reinheit auf der Leinwand. Erst die nächste Einstellung zeigt die Abfälle, die dort zum Vorschein kommen, wo das Wasser in die Landschaft übergeht.

MOOP – Matter Out Of Place – Material, das nicht an diesen Ort gehört, so lautet eine offizielle Bezeichnung, die sich in diesem Film vor allem auf Müll bezieht.

Der erklärende Titel am Anfang des Films ist der einzige, für die restlichen fast hundert Minuten sprechen die Bilder für sich selbst, und nur zweimal die Menschen im Bild. „MATTER OUT OF PLACE von Nikolaus Geyrhalter“ weiterlesen

BALIQLARA XÜTBƏ (Sermon to the Fish) von Hilal Baydarov

Balıqlara xütbə © Ucqar Film

Hilal Baydarov ist ein Informatiker und Mathematiker aus Baku in Aserbaidschan. Und ein ausgebildeter Filmemacher; er war Student beim einzigartigen Béla Tarr aus Ungarn, dem langsamsten Regisseur der Welt.

Baydarov hat auch Dokumentarfilme gedreht, etwa When the Persimmons Grew, der 2019 an den Visions du réel in Nyon zu sehen war, und wohl auch einen Teil der Basis des neuen Films bildet. „BALIQLARA XÜTBƏ (Sermon to the Fish) von Hilal Baydarov“ weiterlesen

SERVIAM – ICH WILL DIENEN von Ruth Mader

© Christine A. Maier

Wohl wahr, die Kirche hat es sich selbst zuzuschreiben, dass mit ihren Insignien, Ritualen und Vorstellungen so effiziente Horrorbilder zu erzeugen sind. Jahrhunderte von Machterhaltung via Höllendrohung, Sündenmalereien und Gottesfurchteintreibungen haben Spuren hinterlassen in unserem kollektiven Schattenfühlen.

Aber die Österreicherin Ruth Mader holt sich auch ausgesprochen gekonnt das halbe Arsenal des gehobenen Horrors zu Hilfe, um diese sehr österreichische Variation auf den Nunsploitation-Film auf Höchstleistung zu trimmen. „SERVIAM – ICH WILL DIENEN von Ruth Mader“ weiterlesen