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    Cannes 17: HIKARI (Radiance) von Naomi Kawase

    Von Michael Sennhauser | 23. Mai 2017 - 17:33

    Ayame Misaki als Misako Ozaki © filmcoopi

    Naomi Kawase zählt seit Jahren zu meinen Cannes-Favoriten, ihre poetischen, wind- und lichtdurchzogenen Filme haben eine überaus persönliche Wirkung.

    Aber mit Hikari hat sie auf ihre enigmatische, zurückhaltende Erzählweise verzichtet und fährt schon in der ersten Sequenz lebens- und kinometaphorisch ein.

    Misako testet da ihre Film-Audiodeskription für Blinde mit einer Fokus-Gruppe. Der Film stammt von einem Altmeister und transportiert als Film im Film immer wieder das zentrale Credo von Hikari: Nichts hat mehr Schönheit, als das, was vor unseren Augen verschwindet.

    Der Wechsel zwischen Bildebene und Beschreibung irritiert (und das doppelt, wenn man das Japanisch nicht versteht und Untertitel lesen muss), weil – und das ist natürlich der Clou der Konstruktion – man das Gehörte mit dem Gesehenen vergleichen muss.

    Das tut auch die Fokus-Gruppe, die aus Blinden und schwer Sehbehinderten besteht. Für sie ist allerdings ausschlaggebend, ob die Deskription Bilder überhaupt erst entstehen lässt. Und dass sie diese so neutral wie möglich entstehen lässt, also ohne Interpretation.

    Insbesondere Nakamori, ein Starfotograf, der sein Augenlicht rapide verliert, kritisiert Misakos Beschreibungen als zu aufdringlich und subjektiv.

    Masatoshi Nagase als Nakamori © filmcoopi

    Damit sind die Spielfelder definiert, mit Nebenschauplätzen allerdings. Misako hat eine demente Mutter auf dem Land und leidet darunter, dass diese allmählich abdriftet, und sie vermisst, wie auch die Mutter, ihren verschwundenen Vater.

    Da haben wir also den Fotografen, der die Welt in Bilder zu fassen wusste, bis er sein Augenlicht verlor. Den Filmemacher, der Gefühle und Erleben in Bilder und Töne giesst. Und die Beschreiberin, welche die filmische Umsetzung mit Worten wieder den Blinden vermitteln möchte.

    Man kann das als Kreislauf der Interpretationen sehen, oder als Übersetzungsarbeit. Misako muss erst lernen, wie sie das so machen kann, dass es bei ihrem Zielpublikum funktioniert. Nakamori seinerseits verliert mit dem Augenlicht auch seine Fähigkeit des Weltübersetzens und muss eine neue finden – was allenfalls erklärt, warum er mit Misako besonders streng ins Gericht geht.

    Die beiden finden sich schliesslich auf mehreren Ebenen, und Naomi Kawase gelingt es auch immer wieder, ihre eigene Kunstfertigkeit aufscheinen zu lassen, mit Bildern von Wind in Bäumen, oder einem Auto in der Landschaft.

    Ayame Misaki und Masatoshi Nagase © filmcoopi

    Zuweilen aber werden die Bilder etwas gar platt, vor allem die im Film im Film. Vielleicht hat Naomi Kawase das geahnt und diese Bilder ihrem fiktiven Regisseur untergeschoben. Etwa das einer aus Sand geformten nackten Frau am Strand, die natürlich alsbald spurlos verschwunden ist.

    Solange es um Misakos Audiodeskription geht, ist das ein starkes Bild, zumal es ihr zuerst nicht gelingt, es so zu beschreiben, dass die Blinden es auch vor sich sehen. Aber wenn wir die Szene dann gegen Ende im Film im Film tatsächlich sehen, wünschen wir uns schon wieder die deutlich vagere Beschreibung von Misakos ursprünglicher Audiodeskription.

    Hikari ist metaphorisch überladen, ein Film, der vieles wörtlich nimmt und allzu vieles davon auch noch illustriert. Das dürfte durchaus Anklang finden bei einem empfänglichen Publikum. Aber es ist eine Abkehr von Naomi Kawases eigentlicher Stärke, dem Kreieren von eindringlichen, ruhigen, enigmatischen Bildsequenzen.

    Topics: Film, Filmbesprechung, Filmfestival, Regisseur/in, Schauspieler/in | Kein Kommentar »

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