Zum Tod von Alain Tanner

Alain Tanner ist tot. Der wichtigste und erfolgreichste Vertreter des neuen Schweizer Films der 1960er und 70er Jahre ist heute Morgen 92jährig gestorben.

Zwölf Jahre bevor Hollywood mit dem feministischen Roadmovie Thelma & Louise zwei Frauen aus den gesellschaftlichen Zwängen ausbrechen liess, hatte Alain Tanner das schon in der Schweiz durchgespielt.

Messidor hiess Tanners Film von 1979, in dem die Studentin Jeanne und die Verkäuferin Marie aufbrechen, um die Freiheitsmöglichkeiten der reichen Schweiz zu erkunden – und tödlich scheitern. „Zum Tod von Alain Tanner“ weiterlesen

REGRA 34 von Júlia Murat

Pardo d’oro, Locarno 2022

© Esquina Filmes

Der Filmtitel bezieht sich auf ein Internet-Meme, auf eben diese Regel Nummer 34, welche besagt, dass es von allem, was es gibt, auch eine Porno-Version gebe.

Regel 35 ergänzt das um den Zusatz, dass die Porno-Version dort, wo sie noch nicht existiert, gerade im Entstehen begriffen sei.

So verspielt Júlia Murats Filmtitel daherkommt, so verspielt gibt sich auch ihre Heldin, die 23jährige Jura-Studentin Simona in Brasilien. In der Titelsequenz sehen wir sie bei einem Auftritt als freizügiges Cam-Girl vor ihrem Laptop. Ob sie das nur zum Vergnügen macht, oder auch, um Geld zu verdienen, wird nie ganz klar. „REGRA 34 von Júlia Murat“ weiterlesen

HIKAJAT ELBEIT ELORJOWANI von Abbas Fahdel

© Nour Ballouk Co.

Das Haus im Südlibanon, in dem der Franko-Iraker Abbas Fahdel und seine libanesische Frau Nour Ballouk leben, gibt dem Film seinen Titel: Tales oft he Purple House.

Tatsächlich ist das kleine zweistöckige Haus am Hang mit seinem prächtigen Garten malvenfarbig. „HIKAJAT ELBEIT ELORJOWANI von Abbas Fahdel“ weiterlesen

DE NOCHE LOS GATOS SON PARDOS von Valentin Merz

Sniffing… © Andrea Film

Der Schweizer Beitrag im diesjährigen Wettbewerb von Locarno ist definitiv nicht sein Höhepunkt. Ob man ihn als Tiefpunkt empfinden will, hängt von den eigenen Erwartungen ab.

Jedenfalls ist sein Titel auch sein Programm, ganz abgesehen davon, dass er, der Titel, perfekt ans Filmfestivals von Locarno passt: Nachts sind Katzen Leoparden.

Leider geht hier, wie beim ganzen Film, die Mengenlehre nur in eine Richtung auf. Schliesslich sind alle Leoparden auch Katzen, tagsüber und in der Nacht. „DE NOCHE LOS GATOS SON PARDOS von Valentin Merz“ weiterlesen

PIAFFE von Ann Oren

Simone Bucio © Schuldenberg Films

Das ist nicht nur der erste Pferdemädchen-Kunstporno, den ich in meinem Leben gesehen habe, sondern eindeutig auch der bizarrste.

Dabei darf niemand sagen, der Titel sei nicht Warnung genug.

Die Piaffe ist gemäss Wikipedia eine Übung der klassischen Reitkunst. Sie ist «prüfungsrelevanter Teil der höheren Dressurprüfung» und sie gehört zu den Kunstgangarten. „PIAFFE von Ann Oren“ weiterlesen

MATTER OUT OF PLACE von Nikolaus Geyrhalter

Schwebende Entsorgung im Wallis ©NGF

Der unberührte Bergsee zwischen den verschneiten Felsflanken liegt grau glitzernd in Reinheit auf der Leinwand. Erst die nächste Einstellung zeigt die Abfälle, die dort zum Vorschein kommen, wo das Wasser in die Landschaft übergeht.

MOOP – Matter Out Of Place – Material, das nicht an diesen Ort gehört, so lautet eine offizielle Bezeichnung, die sich in diesem Film vor allem auf Müll bezieht.

Der erklärende Titel am Anfang des Films ist der einzige, für die restlichen fast hundert Minuten sprechen die Bilder für sich selbst, und nur zweimal die Menschen im Bild. „MATTER OUT OF PLACE von Nikolaus Geyrhalter“ weiterlesen

BALIQLARA XÜTBƏ (Sermon to the Fish) von Hilal Baydarov

Balıqlara xütbə © Ucqar Film

Hilal Baydarov ist ein Informatiker und Mathematiker aus Baku in Aserbaidschan. Und ein ausgebildeter Filmemacher; er war Student beim einzigartigen Béla Tarr aus Ungarn, dem langsamsten Regisseur der Welt.

Baydarov hat auch Dokumentarfilme gedreht, etwa When the Persimmons Grew, der 2019 an den Visions du réel in Nyon zu sehen war, und wohl auch einen Teil der Basis des neuen Films bildet. „BALIQLARA XÜTBƏ (Sermon to the Fish) von Hilal Baydarov“ weiterlesen

SERVIAM – ICH WILL DIENEN von Ruth Mader

© Christine A. Maier

Wohl wahr, die Kirche hat es sich selbst zuzuschreiben, dass mit ihren Insignien, Ritualen und Vorstellungen so effiziente Horrorbilder zu erzeugen sind. Jahrhunderte von Machterhaltung via Höllendrohung, Sündenmalereien und Gottesfurchteintreibungen haben Spuren hinterlassen in unserem kollektiven Schattenfühlen.

Aber die Österreicherin Ruth Mader holt sich auch ausgesprochen gekonnt das halbe Arsenal des gehobenen Horrors zu Hilfe, um diese sehr österreichische Variation auf den Nunsploitation-Film auf Höchstleistung zu trimmen. „SERVIAM – ICH WILL DIENEN von Ruth Mader“ weiterlesen

TENGO SUEÑOS ELECTRICOS von Valentina Maurel

Regiepreis Locarno 2022

Rainaldo Amien Gutiérrez, Daniela Marín Navarro © Wrong Men North

Ein Film wie ein Spaziergang über die voll befahrene Autobahn. Es gibt so gut wie keine Sekunde ohne Anspannung, Angst oder gar Wut in dieser Geschichte.

Die elektrischen Träume der sechzehnjährigen Eva in Costa Rica sind Adoleszenz-Albträume. Seit der Scheidung der Eltern spürt sie die Wut des Vaters in sich, das Unbeherrschbare. „TENGO SUEÑOS ELECTRICOS von Valentina Maurel“ weiterlesen

GIGI LA LEGGE von Alessandro Comodin

Spezialpreis der Jury, Locarno 2022

Pier Luigi Mecchia © Okta Films / Shellac

Minimalistisch im Aufwand, das wird bei diesem Film von der ersten Einstellung an programmatisch signalisiert. Pier-Luigi steht im Dschungel seines Gartens im Halbdunkel vor einer Palme und streitet mit dem Dickicht.

Aus dem Gestrüpp kommt die Stimme des Nachbarn, der sich darüber beklagt, dass Pier-Luigis Garten ein «Casino» sei, ein Saustall. Und dass er endlich die Bäume zurückschneiden solle. „GIGI LA LEGGE von Alessandro Comodin“ weiterlesen