NIFFF 19: DAS HÖLLENTOR VON ZÜRICH von Cyrill Oberholzer

Lara Stoll in ‚Das Höllentor von Zürich‘ © Bild mit Ton

Slampoetin Lara Stoll versucht in der Badewanne ein paar Haare in den Ablauf zu stopfen und bleibt mit dem Zeigefinger stecken. Damit beginnt der Kampf ums Überleben einer psychisch und physisch ohnehin angeschlagenen Figur.

Reizdarm und Wohnungschaos, schlechte Ernährungsgewohnheiten und kreativer Druck von allen Seiten (sogar das Mami will endlich seine Website gemacht bekommen) und der spontane Plan, am Eurovisions-Song-Contest teilzunehmen: Diese Lara hat zu viel um die Ohren. Und nun steckt sie fest.

Lara Stoll in ‚Das Höllentor von Zürich‘ © Bild mit Ton

Schon der Titelvorspann ist eine Warnung. Aus der Musik zum 20th Century Fox Logo wird ein jämmerliches Pfeifen, aus dem Logo selber das da:

© Bild mit Ton

Was Lara Stoll und ihr Freund, Kollaborateur und in diesem Fall Regisseur Cyrill Oberholzer da mit einem offensichtlich inexistenten Budget auf die Beine gestellt haben, kann sich sehen lassen. Obwohl die ganzen neunzig Minuten einem dann doch ordentlich Sitzfleisch abverlangen.

Das hat mehrere Gründe. Zum einen ist das eine schonungslose Inszenierung, welche von Reizdarm nicht nur redet, sondern diesen und das, was er zu produzieren vermag, auch zeigt.

Zum zweiten ist dieses Gegenbild der erfolgreichen Slampoetin, Kleinkünstlerin und Klein-Filmemacherin Lara Stoll kein schönes, sondern das Gegenteil von Influencer-Gloss. Betont werden alle negativen Aspekte, die so ein kreatives Leben mit sich bringt.

Vor allem aber ist Das Höllentor von Zürich eine sehr kreativ «geschwedete» (= ohne Budget von Amateuren nachgedrehte) Parodie auf Danny Boyles 127 Hours, jenen Hollywood-Thriller, der mit Jess James Franco in der Hauptrolle die Geschichte des Freeclimbers Aron Ralston umsetzte, der sich schliesslich seinen eingeklemmten Arm selber amputierte.

Wer nicht selber darauf kommt, wird spätestens im Abspann darauf gestossen, wenn via Splitscreen die Einstellungen aus dem Höllentor mit den entsprechenden Ausschnitten aus 127 Hours gespiegelt werden.

Und das, was da nur angedeutet wird, dass nämlich Höllentor Einstellung für Einstellung und Schnitt für Schnitt dem Vorbild folgt, das lässt sich nun über diese Parallel-Version beider Filme auf Youtube überprüfen:

Spätestens mit dieser Erkenntnis muss man den Filmemachern für ihre Ausdauer und Chuzpe noch ein zusätzliches Kränzchen winden. Zum Mut, den es braucht, so eine Art Untergrund-Feuchtgebiete-Variante in der properen Schweiz zu drehen, kommen die technischen Skills, das mit dem richtigen Timing hinzukriegen. Und die enorme Fantasie beim Umsetzen der Einstellungen unter vollem Körpereinsatz von Lara Stoll.

Seine Weltpremiere hatte dieser Film schon vor einem Jahr. Er lief ein wenig im Kino, an den Solothurner Filmtagen, und jetzt an dem Ort in der Schweiz, wo er am besten hinpasst: Am NIFFF in der Reihe «Amazing Switzerland».

Und wer nun tatsächlich Lust bekommen haben sollte, sich das selber anzuschauen, allenfalls mit Freunden und unter Einwurf von Substanzen oder auch ohne: Auch das ist via YouTube möglich, der ganze Film steht zu Verfügung:

2 Antworten auf „NIFFF 19: DAS HÖLLENTOR VON ZÜRICH von Cyrill Oberholzer“

  1. Hoi Mick – klingt gut, zieh ich mir nächstens rein. Aber bei 127 HOURS meinst du wohl James Franco, statt den altehrwürdigen Jess. Tja, die Trashfilm-Autokorrektur …

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