Bideau lehnt sich aus dem Fenster

Nicolas Bideau, Christian Jungen, Stadttheater Solothurn (c) sennhauser

Nicolas Bideau und Moderator Christian Jungen, Stadttheater Solothurn, 24.1.08

Ich bin nicht ganz sicher, ob das ein abgekartetes Spiel war, oder ob sich Bundesfilmchef Nicolas Bideau bei seiner Podiumsdiskussion im Stadttheater Solothurn heute absichtlich wieder einmal in die publizistischen Nesseln setzen wollte. Jedenfalls hat ihn der Moderator, Filmjournalist Christian Jungen von der Mittellandzeitung, im Verlauf der Debatte um die Schweizer Filmausbildung ziemlich suggestiv gefragt, ob er es denn nicht eine gute Idee finden würde, eine einzige zentrale Schweizer Filmschule einzurichten, vergleichbar mit der von Lodz in Polen, oder Rom in Italien. Und Niocolas Bideau erklärte, dass er das in der Tat für förderlich und gut halten würde zur Stärkung der nationalen Identität. Und dann bedankte sich Moderator Jungen für den Primeur und Bideau rollte die Augen. Wenn nun in den nächsten Tagen aus dem Hause Mittellandzeitung in einer der diversen Publikationen die Sensationsmeldung kommen sollte, dass Bideau die Filmschulen zentralisieren wolle … dann ist das entweder ein organisierter Lapsus, oder eine gezielt ausgebrütete Ente. Schliesslich war Christian Jungen der Moderator der Wahl von Nicolas Bideau. Ein in Diplomatie geschulter Bundesbeamter wie Bideau legt seine Eier normalerweise nicht zufällig. Und wenn die Ente nun nicht ausschlüpfen sollte, dann haben wir uns trotzdem amüsiert über die Zustimmung von „Grounding“-Regisseur Michael Steiner, der so eine zentrale Schule ebenfalls eine gute Sache fände. Im Gegensatz zu all den anwesenden Vertreterinnen der verschiedenen Filmabteilungen der verschiedenen Hochschulen, natürlich.

Schweizer Filmpreis: Es war schon peinlicher.

Filmpresibühne in der Solothurner CIS-Halle (c) sennhauserSo richtig toll war die Verleihung der Schweizer Filmpreise auch in diesem Jahr nicht. Susanne Kunz führte energisch durch die 76 Minuten unaufhaltsamer Preistreiberei, man verzichtete auf Rahmenprogramm und Unterhaltungseinlagen (wenn wir man mal von der ziemlich absurden Wortakrobatik von Bundesamt-für-Kultur-Chef Jauslin absieht, die auf …"Wahnsinn" endete und auch so wirkte). Dafür gab es im Anschluss daran ein leckeres Essen für die geladenen Gäste. Ich hatte natürlich mal wieder keine Zeit dafür, musste Infominuten basteln. Aber schwer fiel es mir nicht, die Tennishalle in Solothurn zu verlassen: Auch diese Filmpreisverleihung war mal wieder nur ein Abklatsch dessen, was man sich immer wieder erträumt. Wenn auch schon ein deutlich weniger peinlicher als in den vergangenen zehn Jahren. Wer sich für die Preisträger interessiert, findet das alles hier.

filmbulletin wurde 50 in Solothurn

Walt R. Vian, Chefredaktor filmbulletin (c) sennhauserIn der hübschen mehrstöckigen Altstadtgalerie Künstlerhaus S11 in Solothurn war gestern Abend die Vernissage einer besonderen Ausstellung: Unser aller filmbulletin, die letzte klassische Filmzeitschrift der Deutschschweiz feierte ihren 50. Jahrgang, mit Chefredaktor Walt R. Vian, Mitarbeiter Josef Stutzer, Gestalter Rolf Zöllig, Medienbetreuerin Kathrin Halter und vielen Freunden, Autorinnen, Leserinnen und Filmbranchenkollegen. Die Ausstellung ist wunderbar, da erwacht Papier zum Leben, von den ersten Schnapsmatritzausgaben des Anfangs bis zu den raffinierten Bildstrecken der Gegenwart, den Manuskripten, dem teuersten Layoutcomputer aller Zeiten und der alten Schreibmaschine ist alles zu sehen, was uns daran erinnert, dass wir sterblich sind, nicht aber die Kunst, der wir verfallen sind. Noch mehr persönlich-ironisches Pathos lieferte übrigens fb-Autor Johannes Binotto, dessen Laudatio nach der Sprungmarke in aller Ausführlichkeit zu lesen ist:

Johannes Binotto:

Ansprache zur Eröffnung «Ausstellung Filmbulletin»

Solothurn, 22.1.08 Eine Geburtstagsansprache für das Filmbulletin halten zu dürfen, ist in jedem Fall eine Ehre. Ich empfinde diese aus persönlichen Gründen ganz besonders. Vor mehr als zehn Jahren – ich war damals noch Gymnasiast – sagte mir eines Tages ein Schulkamerad, er habe erfahren, dass am Abend die Zeitschrift Filmbulletin in der Alten Kaserne in Winterthur einen Apéro veranstalte Johannes Binotto hält seine Rede in Solothurn (c) sennhauserund anschliessend den Film «Der Lauf der Dinge» von Fischli-Weiss zeige. Ich fand sofort, dass wir dort unbedingt hin müssten. Als wir dann am Abend bei diesem Apéro aufkreuzten, war uns schnell klar, dass wir nicht nur die jüngsten sondern auch die einzigen ungeladenen Gäste waren. Aber einfach wieder gehen, wollten wir auf keinen Fall. Ein bisschen gefährlich kam uns das zwar schon vor, einfach so zu tun, als gehörten wir dazu und uns vom zukünftigen Winterthurer Stadtpräsidenten ein Glas Orangensaft servieren zu lassen. Aber wir wussten auch, dass gut gespielte Selbstverständlichkeit die beste Tarnung ist und dann wohl kaum jemand auf die Idee käme, uns jene Frage zu stellen, die wir ängstlich die ganze Zeit erwarteten: «Wer seid denn ihr?»

Wir haben unsere Rolle offenbar gut gespielt, wir wurden jedenfalls nicht enttarnt. Natürlich erscheint, retrospektiv gesehen meine damalige Aufgeregtheit als reichlich übertrieben und doch ist mir das Herzklopfen von damals, heute noch präsent. Und heute noch teuer. Mich heimlich ins Kino zu schleichen, wie der Filmfanatiker François Truffaut, das hatte ich mich nie getraut. Doch mich in eine Feier des Filmbulletins zu schleichen, erschien mir mindestens so traumhaft. Nicht wegen Fischli-Weiss, sondern weil hier die Leute waren, die das machten, wovon ich damals nur träumte: übers Kino schreiben und das für die beste Filmzeitschrift von allen. In Flohmärkten und in den Kisten der Filmbuchhandlung Rohr, überall suchte ich damals nach alten Ausgaben des Filmbulletin – dass ich oft nur wenige fand, spricht für sich: wer ein Filmbulletin hat, behält es, Altpapier wird es nie. Ich war übrigens zu der Zeit gerade selbst daran, mit einem alten Computer und dem Kopiergerät der Schule eine eigene Filmzeitschrift namens «1440 pro minute» zu machen. Die erste Nummer war dem grandiosen Thema «Wahrheit im Film» gewidmet. Ich schrieb drei Artikel über Truffaut und dessen «Les quatre cents coups» und ein Kinokritik über «Er nannte sich Surava» von Erich Schmid (der damals an der 30. Ausgabe der Solothurner Filmtage Premiere hatte). Mehr als zwei Nummern meiner Zeitschrift sind übrigens nie entstanden.

Ich erzähle das, um zu erklären, wie viel es mir bedeutet, unterdessen selbst für diese Zeitschrift schreiben zu dürfen. Und wie viel mehr es für mich heisst, nun zum zweiten mal, aber diesmal ganz offiziell, gar als Festredner an einem Apéro des Filmbulletin zu sein. Meine Erinnerung an die abenteuerliche Filmbulletin-Infilitration mag das Ihre dazu beigetragen haben, dass mir diese Zeitschrift selbst immer als Abenteuer vorkam, als riskantes Wagnis. Übers Kino schreiben – das las man aus und zwischen jeder Zeile – ist kein Broterwerb, sondern eine Leidenschaft fürs Leben. Sieht man Aufnahmen der Pariser-Proteste von 1968 zugunsten von Henri Langlois und dessen Cinématheque packt einen – auch wenn man als Zu-spät-Geborener keine eigene Erinnerung daran haben kann – unweigerlich die Nostalgie. Die Nostalgie nach einer Zeit, in der Film noch ein Politikum war, für das man streiten und demonstrieren musste.

Im Filmbulletin und bei seinen Machern – so habe ich das Gefühl – hat sich dieses Stimmung, dass man für das Kino leidenschaftlich streiten muss, in all den Jahren erhalten. Und vielleicht muss man heute mehr um und für’s Kino streiten als man vielleicht glaubt. „Ein wirklich Gebildeter liest ein gutes, ernstes Buch über Geschichte, die Reisebeschreibung eines bedeutenden Weltreisenden, die Denkwürdigkeiten eines grossen Mannes; oder auch ein Gedicht oder einen ernsten Roman, in dem Lebensschicksale und Seelenkämpfe der Wirklichkeit getreu geschildert sind. Oder er setzt sich mit ein, zwei guten Freunden zusammen, und sie sprechen über die ernsten Fragen der Zeit und des Lebens. Oder er sitzt mit den Seinigen in der Familie zusammen, und er ist ganz still und unauffällig der Lehrmeister der Seinigen, lehrt sie die Welt oder das Leben kennen und richtig verstehen. Von Zeit zu Zeit geht er auch in eine öffentliche Veranstaltung, ins Theater, ins Konzert, aber niemals dahin, wo man ‚Vergnügen fürs Volk’ feilbietet, wo ein Phonograph schreit, oder wo man Schundfilme herunterlaufen lässt.“ So schreibt 1915 der katholische Pfarrer und Volksbildner Anton Heinen. Mag man auch über solche Worte lächeln – besonders in Solothurn wenn Filmtage sind – völlig passé sind sie nach wie vor nicht.

Jeder Bildungsbürger würde sich schämen, wenn er den Namen des Autors von „Buddenbrooks“ vergässe und wer nicht weiss, dass Verdi und nicht etwa Puccini den „Rigoletto“ komponiert hat, macht sich unweigerlich lächerlich. Sich keine Filmregisseure merken zu können, bringt hingegen bis heute niemanden in Verlegenheit und mindestens einen Eisenstein, Murnau oder Stroheim gesehen zu haben, dazu fühlen sich nicht einmal alle Filmkritiker bemüssigt. Die Erkenntnis, dass Kino mehr ist, als nur minderwertige Berieselung, kann man also auch heute nicht voraussetzen, selbst bei jenen nicht, die es eigentlich besser wissen sollten. Hellsichtige indes hat es immer gegeben: „Ohne Zweifel hat unter den Unterhaltungen der neueren Zeit das Kino in den letzten Jahren sich einen Platz von universaler Bedeutung erobert. […] Der Film braucht nicht ein blosses Vergnügen zu sein, er braucht nicht nur nichtige und müssige Stunden auszufüllen, er kann und muss mit seinem positiven Wirkungen Bildungsmittel werden und positiv zum Guten führen.“ Woher dieses Zitat stammt wird die Anwesenden nun gewiss erstaunen: So schreibt es nämlich Papst Piux XI. in seiner Enzyklika „Vigilanti cura“ von 1936.

Ich zitiere das nicht nur, um das gerade in diesen Tagen so gern kolportierte Klischee vom Vatikan als hoffnungslos rückständigem Haufen ein wenig zu korrigieren, sondern auch, weil dieses päpstliche Interesse am Kino durchaus mit der Geschichte des Filmbulletin zu tun hat. Die zitierte Enzyklika war nämlich die Initialzündung für die kirchliche Filmarbeit hierzulande. In der Schweiz wurde 1947 das katholische Filmbüro, heute "Katholischer Mediendienst" und bereits 1941 die Zeitschrift „Filmberater“ gegründet, die ab 1972 als ökumenisches Magazin „Zoom – Zeitschrift für Film“ hiess und 2001 leider verschwunden ist. Und 1952 entstand aus der „Katholischen Jungmannschaft“ der „Katholische Filmkreis Zürich“. Dieser wiederum gründete die Zeitschrift, die wir heute feiern. Freilich war ein Hintergedanke der kirchlichen Filmarbeit zu Anfang immer auch der, das Publikum von angeblich so blasphemischen Film wie etwa Ingmar Bergmans „Das Schweigen“ zu schützen. Das Filmbulletin hat diesbezüglich – und zum Glück seiner Leser – versagt: Dogmatismus war seine Sache nie. Und wenn, dann nur im filmgeschichtlichen Bereich. Aber vielleicht ist dem Filmbulletin doch ein wenig von der katholischen Herkunft geblieben: in jenem heiligen Eifer nämlich, mit der hier der Film zur Hauptsache gemacht wird, ja gefeiert wird als jenes – wie es André Breton in Anspielung auf die Kirche nannte – „einzige Mysterium der Moderne.“ Und wie das Kino, dem das Filmbulletin sich – buchstäblich – verschrieben hat, so ist mitunter die Zeitschrift selbst ein Mysterium: jedes Heft ein schönes Wunder von dem man sich fragt, wie es hat geschehen können.

Unterdessen weiss ich mehr darüber, wie dieses Wunder zustande kommt. Es wird kreiert von einem Team, dass passenderweise ein dreifältiges ist und dem ich zum Schluss dieser Ansprache meine Referenz erweisen möchte. Josef Stutzer mit seinem Sprachgefühl, scharfem Auge und filmhistorischen Gedächtnis macht aus Manuskripten – jedenfalls aus meinen – was sie eigentlich gerne wären, wenn ich sie ihm schicke. Rolf Zölligs scheinbar unerschütterliche Gelassenheit ist nur die Fassade eines Gestaltungsberserkers. Ein Grafiker, der – und das ist selten – die Text auch liest, die er inszenieren soll und sich entsprechend viele Gedanken dazu macht. Mit dem Effekt dass jeder, der im Filmbulletin publizieren darf mit mir einig sein dürfte: so schön wie hier hat man die eigenen Texte noch nie gesehen. Über den Chefredaktor aber, da muss ich zum Schluss noch ein wenig ausholen. Auch deswegen, weil er selber nur sehr ungern die eigene Person in den Mittelpunkt rückt. Als ich mich damals an den Apéro geschlichen habe und darauf erpicht war, mir endlich einmal diesen Walt R. Vian anzuschauen, von dem ich schon so viel gelesen hatte, wurde meine Hoffnung enttäuscht. Ich hab damals auf jeden Fall niemanden gesehen, der mit der Haltung des Big Boss herumgelaufen wäre und folglich den ominösen Chefredaktor nicht aufindig machen können. Denn das Phantom Vian prägt die Zeitschrift nicht mit repräsentativen Auftritten, sondern mit seinem Denk- und Schreibstil – selbst dann, wenn er nur ein Impressum verfasst. „Lesen Sie Kino?“ so fragt einen jeweils die Werbung des Filmbulletin. Doch um Kino lesen zu können, braucht es solche, die es zu schreiben wissen. Das ist umso schwieriger, wenn man dem Leser das Wesentliche eines Films vermitteln will, also nicht das, was sich problemlos in Schrift übersetzen lässt. Eine Filmkritik, die es dabei belässt, bloss Stories nachzuerzählen, verpasst zu erklären, warum diese Story überhaupt verfilmt und nicht von allem Anfang als Text verfasst wurde. „Wenn ich sagen könnte, was meine Bilder zeigen, dann würde ich es sagen und nicht malen“ so hat einmal der Künstler Gerhard Richter gesagt. Die Ambition des Filmbulletin indes ist es gerade diese scheinbar unmögliche Übersetzung zu versuchen: mit Sprache beschreiben, was die Bilder erzählen. Dazu braucht es einiges schriftstellerisches Talent und es ist darum kein Wunder, dass der Name des Chefredaktors des Filmbulletin Walt R. Vian für mich immer voller literarischer Assoziationen war. Assoziationen, die ihm hoffentlich nicht unangenehm. Beim Nachnamen Vian muss ich natürlich unweigerlich an Boris Vian denken, diesen jungen wilden Autoren, der Prinz von Saint-Germain, der – während seine Freunde Camus und Sartre den Ausbruch aus der Bourgeoisie nur theoretisch praktizierten – sein Leben verschwendete in halluzinierenden Büchern und nächtlichen Parties. Und der übrigens auch ein grosses Faible fürs Kino hatte: dass Miles Davis den Soundtrack zu Louis Malles „L’ascenseur pour l’échafaud“ einspielte, hat erst Vian ermöglicht. Der Vornahme Walt erinnert mich immer – nein, nicht an Walt Disney – sondern an Walt Whitman, den grossen amerikanischen Dichter der Prosa schrieb, als wäre es Lyrik und umgekehrt. Bleibt noch das R – dieser Stellvertreter für einen zweiten Vornamen, der eigentlich gar nicht existiert. (Walt R. heisst eigentlich ganz einfach Walter). Und damit verbindet sich dann schliesslich doch noch eine filmische Assoziation: Ich sehe in diesem R. unweigerlich einen Verwandten von jenem O. im Firmenlogo des Manhattaner Werbefachmannes Roger O. Thornhill aus Alfred Hitchcocks „North by Northwest“ der auf die Frage, wofür das O denn eigentlich stehe, lapidar antwortet: für gar nichts. Walt R. Vian, Rolf Zöllig, Josef Stutzer und ihre Zeitschrift indes stehen ganz unbedingt für etwas. Dafür etwa, dass man sich nicht damit zufrieden geben darf, dass Kino einen festen Platz im Feuilleton der Tagespresse gefunden hat. Denn Film ist mehr, als nur von Tageswert. Film hat eine Geschichte, die zu kennen nicht nur spannend ist, sondern einem auch hilft, allen aktuellen Hypes etwas gelassener zu begegnen. Die aber auch den Blick schärft für Juwelen, die – weil sie eben in keinen aktuellen Hype passen – sonst gerne übersehen werden. Filmbulletin steht schliesslich auch für genaues Lesen von Bildern und bildhaftes Schreiben von Texten. Als ich Walter Vian für seinen – verdreht-boris-vian’schen, episch-walt-withman’sch- Text über Howard Hawks vom Februar-Heft letzten Jahres gratulierte, antwortete er: „Weißt Du, es ist mir schon klar, dass man so einen Text nirgendwo sonst als im Filmbulletin publizieren könnte. Aber ehrlich gesagt: darum mache ich diese Zeitschrift doch überhaupt.» So steht das Filmbulletin nicht zuletzt für eine riskantere, eine abenteuerliche Filmkritik, die dadurch auch das Kino selbst und dessen Geschichte wieder als jenes Abenteuer und als Mysterium präsentiert, das es doch eigentlich ist. In der ersten, quasi in der Ur-Nummer des Filmbulletin, die nichts ist als ein einfaches Matritzenblatt, steht: «Das Bulletin erscheint, wenn es nötig ist». Fünfzig Jahrgänge später sagen wir: Es ist immer noch nötig. Heute und in Zukunft. Und Papst Pius würde jetzt sagen: Amen!

Johannes Binotto

Walo Lüönd ausführlich

Emil Lehmann mit Walo Lüönd (c) SennhauserDiesmal musste er nicht ruhig am Tisch sitzen (auch wenn er das in seiner Bescheidenheit klaglos getan hätte), diesmal konnte Walo Lüönd ausführlich reden, befragt vom Kollegen Emil Lehmann für das Tagesgespräch (Rendezvous am Mittag auf DRS1 morgen). Der Hausmeister vom Landhaus hat uns die hintere Tür im obersten Stock geöffnet, damit der hier retrospektierte Veteran mit dem Lift bis direkt an den Interviewtisch fahren konnte. Und das Gespräch? Ein wenig harzig am Anfang, wie so oft, und dann herzlich und angenehm und weiter ausholend, als es die Filmkarriere des Walo Lüönd alleine hätte vermuten lassen. Anhören morgen on air, oder danach als Podcast.

Hediger verzichtet auf Cinémathèque suisse

Vinzenz Hediger 1991 in Locarno (c) sennhauserWie wir aus zunächst noch inoffizieller Quelle erfahren haben, verzichtet der designierte neue Direktor der Cinémathèque suisse in Lausanne, der Filmwissenschaftler Vinzenz Hediger, aus gesundheitlichen Gründen auf den Posten und bleibt Professor an der Ruhr Universität Bochum. Noch im Oktober hat der Stiftungsrat der Cinémathèque stolz die Wahl Hedigers verkündet, dessen Hinweise darauf, der Vertrag sei aber noch nicht unterzeichnet, hat damals nur Christoph Egger von der NZZ stutzig gemacht. Die meisten von uns haben sich einfach für die Cinémathèque gefreut. Zu früh, wie sich nun abzeichnet.

Sonntags-Sermon von Klaus Maria Brandauer

Klaus Maria Brandauer, Klara Obermüller ©sennhauser
Klaus Maria Brandauer, Klara Obermüller ©sennhauser

Der Mann ist in Sachen PR auf jeden Fall sein Geld wert: Wenn Klaus Maria Brandauer redet, hört die Menge zu. So war es auch vor etwas mehr als einer Stunde im Basler Luxushotel „Les trois rois“ bei der Pressekonferenz zum Drehstart von „Das Verhör des Harry Wind“ nach dem Roman von Walter Matthias Diggelmann. Geladen hat die Basler Produktionsfirma Sunvision, und auf dem Podium sassen neben Hauptstar Brandauer auch Nebenstar Sebastian Koch, Regisseur Pascal Verdosci, Produzent und Drehbuch-Co-Autor Alex Martin und die unverwüstliche Klara Obermüller, Witwe und Nachlassverwalterin von Walter Matthias Diggelmann. Obermüller hat denn auch die substantiellsten Informationen zum Roman von 1962 und seiner Aktualität geliefert. Und erklärt, sie müsse sich immer noch hin und wieder kneifen, um zu glauben, dass das Buch nun tatsächlich verfilmt werde. Nach ihr gab Produzent Martin Sebastian Koch das Wort, weil der Schauspieler bereits in der Maske erwartet wurde.

Sebastian Koch an der PK ©sennhauser

Koch war gewohnt zurückhaltend, schliesslich gebe es vor dem Dreh für einen Schauspieler noch wenig zu sagen. Aber das hinderte natürlich den Hauptstar des Anlasses keinesfalls am ausgiebigen Reden. Klaus Maria Brandauer liess seine bühnentrainierte Stimme über die Köpfe hinweg dröhnen und lieferte eine fast 15minütige Sonntagspredigt. Er fing mit dem Geständnis an, dass sein Einfluss auf das Weltgeschehen leider begrenzt sei. Als Schauspieler sei er nur ein Interpret, aber, und das sei schliesslich auch der Kern des Romans von Diggelmann: Es gebe ja ohnehin keine Wahrheit, sondern nur Interpretationen davon. Und es gebe nichts Neues unter der Sonne. Alles, vom ersten Schrei eines Kleinkindes bis zu den Malereien von Picasso, so Brandauer, sei eine Reprise. Sogar er selbst sehe sich ausserstande, zu wiederholen, was er fünf Minuten früher gesagt habe. Er könne das nur interpretieren. Das alles hatte irgendwie mit dem Projekt und dem Drehbuch zu tun, war aber inhaltlich viel grösser, schwerer, weitreichender. Irgendwie. Aber ausschlaggebend war natürlich die Präsenz des Mannes. Der Star ist ein Star, weil er sich wie ein Star benimmt, der sich nicht wie ein Star benimmt. Das ist meine Interpretation der Wahrheit, natürlich. Oder etwas ähnliches. Unbestritten ist die magnetische Präsenz des Schauspielers Brandauer. Selbst wenn es sich leicht peinlich anfühlt, ihm zuzuhören, die Faszination ist da:

Ich kann mir gut vorstellen, dass die Kombination Koch-Brandauer mit dem Stoff von Diggelmanns Roman bestens korrespondiert. Brandauer als akribischer Verhörer, als Wahrheitssucher im Dienste der Schweizerischen Eidgenossenschaft. Und Koch als nebelkerzenverfeuernder PR-Spezialist, als Spin-Doctor, der auch seine eigene Geschichte vorzu neu erfindet und dreht und wendet. Denn das ist offenbar auch der Angelpunkt des Drehbuches von Alex Martin und Marion Reichert: Die Schauplätze des Buches werden auf einen Hauptschauplatz reduziert, das Verhör und damit das Kammerdrama mit zwei Schauspielern wird in einem improvisierten Studio in einem Einkaufszentrum in Lörrach gedreht, mit einem Minimum an Aussenschauplätzen. Damit wird der Film effektiv ein Zweipersonenstück. Und das ist auf jeden Fall reizvoll, gerade mit diesem Duo aus Brandauer und Koch. Mehr dazu mit Oton morgen Montag in DRS2aktuell und natürlich am Freitag im Filmpodcast.

CH-Filmpreis 2008: Ab in die Tennishalle

Kaum drehe ich unserer Filmszene für ein paar Tage den Rücken zu, geht das wieder los mit dem Schrei nach Glamour… Da sitze ich in San Francisco und darf online lesen, dass die Sektion Film im BAK für den Filmpreis 2008 nicht nur die Nominationen bekanntgegeben hat, sondern auch gleich noch ein paar Änderungen im Prozedere. So findet die Verleihung am 23. Januar in einer Tennishalle in Solothurn statt (Erfolg und Glamour mit dem Federer-Effekt?) und die Genfer Künstlerin Sylvie Fleury hat mit dem "Quartz" eine neue Trophäe geschaffen. Immerhin sind die Nominationen nachvollziehbar. Und die Tennishalle letztlich auch, wird doch diese Ausgabe zwangsläufig zur Hauptprobe für die schon lange angestrebte Live-Übertragung des Filmpreises bei Frau Deltenre. Zudem hat sich Filmchef Nicolas Bideau auch gleich wieder das Wohlwollen des Tages-Anzeigers organisiert, wie kulturblog.ch mit spitzen Fingern anmerkt.

Fernsehrekord für die Herbstzeitlosen

Die Schweizer mögens gemütlich am Sonntagabend: Mit 1,34 Millionen Zuschauerinnen und Zuschauern hat die Filmkomödie Die Herbstzeitlosen am Sonntagabend auf SF 1 einen neuen Rekord aufgestellt. Einen Marktanteil von 58,2 Prozent erreichte bisher noch kein anderer Schweizer Film. Bislang war der im Oktober 2004 ausgestrahlte Sternenberg mit 816’000 Zuschauern der publikumstärkste Schweizer Film im Schweizer Fernsehen (SF). Nun hat die Lingerieboutique der verwitweten Martha (Stefanie Glaser), die so viel Unruhe ins Emmentaler Dorf Trub bringt, aber noch eine halbe Million mehr Schaulustige angelockt. Mehr als jeder zweite, der am Sonntagabend vor dem Fernseher sass, schaute der aufblühenden Seniorin zu. Der Film von Bettina Oberli ist auch in den Kinos ein Grosserfolg. Mehr als 860’000 Besucher wurden bisher im deutschen Sprachraum gezählt, über 61’000 DVD gingen schon über den Ladentisch. Zudem hat das Bundesamt für Kultur die Komödie für einen Oscar in der Kategorie «bester fremdsprachiger Film» angemeldet. Wahrscheinlich staunt niemand mehr über den Riesenerfolg als Bettina Oberli selber – was ehrliche Freude darüber nicht ausschliesst.