MEMORY BOX  von Joana Hadjithomas & Khalil Joreige (Berlinale 2021, Wettbewerb)

Manal Issah © Haut et Court – Abbout Productions – Micro Scope

Am Weihnachtsabend wird in der Wohnung der dreizehnjährigen Alex im tief verschneiten Montreal ein grosses Paket angeliefert, adressiert an ihre Mutter Maia. Nach einem Blick auf den Absender würde die zu Besuch weilende Grossmutter die Paketannahme am liebsten verweigern – was natürlich erst recht die Neugier von Alex weckt.

Noch am gleichen Abend donnert der Karton in der Abstellkammer vom Gestell und ergiesst seinen Inhalt auf den Boden: Audiokassetten, Notizhefte, Tagebücher, Postkarten, Fotos. „MEMORY BOX  von Joana Hadjithomas & Khalil Joreige (Berlinale 2021, Wettbewerb)“ weiterlesen

THE DIG von Simon Stone

Carey Mulligan als Edith Pretty in ‚The Dig‘ © Netflix

Wenn die Zeit zerbricht, wächst die Sehnsucht nach Beständigkeit. Unter diese Behauptung könnte man diesen wunderbar ruhigen Netflix-Film stellen.

The Dig spielt im Jahr 1939 im britischen Suffolk. Während Ausgräber Basil Brown (Ralph Fiennes) mit Gutsherrin Edith Pretty auf deren riesigem Landstück ein paar vielversprechende künstliche Hügel begutachtet, donnern Flugzeuge in Formation über ihre Köpfe hinweg. Die Royal Air Force trainiert für den Luftkrieg gegen Hitler. „THE DIG von Simon Stone“ weiterlesen

DAS EINZIGE WAS WIR HABEN IST UNSERE STIMME von Heidi Schmid & Christian Labhart

Sie gehören zum engagierten Dokumentarfilm wie die verzerrten Stimmen zum Zeugenschutz: Die «Testimonials», sprechende Köpfe vor der Kamera, Talking Heads, sogenannte «Direktbetroffene», die uns eher erreichen als ein paar trockene Zeilen zu ihrem Schicksal.

Aber ich kann mich nicht erinnern, im Kino schon einmal ein derart starkes Gruppenarrangement erlebt zu haben, wie es dieser kurze Film präsentiert. „DAS EINZIGE WAS WIR HABEN IST UNSERE STIMME von Heidi Schmid & Christian Labhart“ weiterlesen

BURNING MEMORIES von Alice Schmid

‚Burning Memories‘ von Alice Schmid © Outside the Box

Kann eine Frau sich ein Leben lang an einem Thema abarbeiten, ohne zu merken warum? Für Alice Schmid kam das Aufwachen mit dem Schrecken, der sie befiel, als sie im Museum Edvard Munchs Gemälde «Pubertät» (1893) sah. Ein sehr junges Mädchen sitzt nackt auf einem Bett, ihr Schatten an der Wand ist riesig, fremd und bedrohlich.

Dreissig Jahre lang hat Alice Schmid Filme gemacht. Zuerst als Produktionsassistentin, später in Eigenregie und als ihre eigene Produzentin.  Auch darum, weil von den etablierten Schweizer Produzenten niemand ihr Thema und ihre Perspektive für interessant genug hielt. „BURNING MEMORIES von Alice Schmid“ weiterlesen

FAREWELL PARADISE von Sonja Wyss

Abflug von den Bahamas ‚Farewell Paradise‘ von Sonja Wyss © Basalt Film

Die Vertreibung aus dem Paradies war wohl eher eine Flucht. So genau erinnert sich keine der vier Schwestern daran, warum sie sich nach den wunderbaren Kindheitsjahren auf den Bahamas plötzlich im Flugzeug in die Schweiz wiederfanden.

Schon gar nicht Sonja Wyss, die als brüllendes Kleinkind im Flieger ihrer mit dem Transport beauftragten, auch erst zwölf Jahre alten Schwester das Leben noch schwerer machte. „FAREWELL PARADISE von Sonja Wyss“ weiterlesen

THE SAINT OF THE IMPOSSIBLE von Marc Wilkins

Magaly Solier Romero, Adriano & Marcelo Durand © Dschoint Ventschr

Die sechzehnjährigen Zwillingsbrüder Paul und Tito leben als illegale Immigranten aus Peru in New York mit ihrer Mutter Raffaella. Die Teenager wissen um Raffaellas Attraktivität:

«Sie hatte uns sehr jung. Wenn sie nicht unsere Mutter wäre, könnten wir uns in sie verlieben».

So wie die Dinge stehen, arbeitet Raffaella tagsüber als Servierfrau, an den Abenden und Nächten macht sie Männern Hoffnung. Damit bringt sie sich und ihre Söhne in einem kleinen Appartement in der Bronx knapp durch. „THE SAINT OF THE IMPOSSIBLE von Marc Wilkins“ weiterlesen

THE SCENT OF FEAR von Mirjam von Arx

‚The Scent of Fear‘ von Mirjam von Arx © Praesens

«Wenn Angst einen Geruch hat – wonach riecht sie denn?»

Das ist die Frage, welche Mirjam von Arx‘ Dokumentarfilmtitel aufwirft. Gestellt wird sie von Schauspielerin Katja Riemann, welche dem Film ihre Kommentarstimme leiht – und auch gleich nachhakt:

«Was ist Angst? Und warum haben wir solche Angst vor ihr?»

Um darauf Antworten zu finden, befragt der Film einerseits Angstforscher und Psychologen.

„THE SCENT OF FEAR von Mirjam von Arx“ weiterlesen

THE BRAIN – Cinq nouvelles du cerveau von Jean-Stéphane Bron

‚5 nouvelles du cerveau‘ von Jean-Stéphane Bron © Praesens

Begleitet von Windgeräuschen und sphärischen Klängen schwebt die Kamera durch ein leeres Labor bis zu einem freigelegten Gehirn in einer Schale.

Jean-Stéphane Bron dockt gerne beim Genrekino an. Die dokumentarische Begegnung mit dem reichen Mann von Herrliberg, L’expérience Blocher (2013), bezeichnet er als seinen Vampirfilm.

„THE BRAIN – Cinq nouvelles du cerveau von Jean-Stéphane Bron“ weiterlesen

THE MIDNIGHT SKY von George Clooney

George Clooney als Augustine Lofthouse © Ascot Elite

Kurz vor seinem sechzigsten Geburtstag beweist sich Hollywood-Star George Clooney zum siebten Mal als Regisseur. The Midnight Sky heisst sein von Netflix produzierter Science-Fiction-Thriller. Und wie so oft bei ambitionierter Science Fiction spielt das eigentliche Drama auch hier mehr im Kopf als im Weltraum. „THE MIDNIGHT SKY von George Clooney“ weiterlesen

Venedig 20: LACCI von Daniele Luchetti

Luigi Lo Cascio und Alba Rohrwacher in ‚Lacci‘ © Gianni Fiorito

Zum ersten Mal seit elf Jahren darf wieder ein italienischen Film das grosse Festival im eigenen Land eröffnen. Die 77. Ausgabe der Internationalen Filmfestspiele Venedig ist eine besondere: es ist das erste grosse Festival, das wieder vor Ort stattfindet statt nur virtuell.

Kamerablick auf eine Reihe von Füssen. Musik setzt ein, alle Füsse beginnen gleichzeitig an zu tanzen: Das ist die allererste Filmszene dieser besonderen Festivalausgabe 2020. ein Fest wird gefeiert. Venedig feiert das Kino, den Film – zwar durften nur halb so viele Menschen wie sonst mitfeiern, denn jeder zweite Platz im Festivalpalast wurde freigelassen. Und auch das Lächeln der geladenen Gäste war versteckt unter den Masken, die auch während aller Kinovorstellungen auf den Gesichtern bleiben müssen. „Venedig 20: LACCI von Daniele Luchetti“ weiterlesen