Max & Co in Solothurn

Ein eigenartiger Effekt war gestern Abend mal wieder in Solothurn auszumachen, einer, der man sonst – vielleicht leider – nicht vermisst, wenn es um Kinofilme geht: Der Respekt vor der Arbeit überlagert die nüchterne Beurteilung ihrer Wirkung. Max & Co. hat viel gekostet (über 30 Millionen Franken), hat viel Aufwand gebraucht und ist für die Schweiz überhaupt zu einem Jahrhundertprojekt geworden. Zudem sind die Brüder Guillaume, die ihn gemacht haben, unglaublich sympathisch. Was sagt man also, wenn einem der Film nicht so verzaubert, wie man das erhofft hat? Man schiebt es der eigenen Indisponiertheit zu, vermisst bei sich selber die kindliche Fähigkeit, sich überwältigen zu lassen und weiss doch eigentlich ganz genau, dass das nicht stimmt, dass andere Filme diesen Effekt durchaus noch haben. Max & Co. ist technisch grossartig, erzählerisch dürftig, in seinem Detailreichtum hinreissend und bei der Figurenzeichnung nachlässig. Die technisch perfekte Puppenanimation hat bei mir Nostalgiereflexe ausgelöst, Stunden vor der (TV-) Augsburger Puppenkiste sind in mir wieder auferstanden. Und gleichzeitig habe ich mich in den Bildern verloren, bin mit dem Blick den hunderten von Details gefolgt, weil die Geschichte, der grosse Bogen, mich nicht zu packen vermochte. Manchmal entstehen aus den trivialsten Plots die grossartigsten Filme, hier leider nicht. Max und Co. ist eher ein Bilderbuch, etwas, das man sich mit Gewinn und Vergnügen immer wieder neu vornehmen kann und dabei immer wieder etwas neues entdeckt. Aber der Film erzählt keine Geschichte, die man wie früher vor dem Einschlafen immer und immer wieder hören möchte. Aber hier noch ein wichtiger Hinweis: Ich habe auch die Geschichte der „Herbstzeitlosen“ dürftig gefunden, den Film als Echo von ähnlichen Filmen erlebt. Das hat niemandem die Freude an dem Film verdorben, hoffentlich.

NIFFF: tolles Plakat für 2008

affiche NIFFF 2008

Das unvergleichliche Neuchâtel International Fantastic Film Festival NIFFF hat nicht nur einen neuen grafischen Auftritt bekommen, sondern auch zum ersten Mal ein Fotoplakat anstelle der bisherigen wunderbaren Gafiken. Meist bin ich der Grafik eher zugetan und ich trauere den grafischen Filmplakaten der 50er bis 70er Jahre noch lange nach. Aber dieses Plakat hat es in sich. Es verblüfft gleich doppelt, wie sich das für dieses Festival gehört. Da ist nicht nur die Frau mit dem japanischen Schwert und dem Männerhaupt unter dem Arm zu sehen – sondern zugleich die ganze Mache dahinter, also das ganze Konzept des fantastischen Kinos, das ja erst zu leben beginnt, wenn man sich (imaginär oder real) auf beiden Seiten der Leinwand aufzuhalten bereit ist. (Klick auf das Bild vergrössert; ein grosses pdf zum Ausdrucken gibt es auf der offiziellen Webseite.)

 

Ein Kampf um Rom

Goffredo Bettini, der Festivalpräsident des jungen Römer Filmfestivals, hat nicht nur die Konkurrenz verärgert, sondern auch Italiens Kulturminister Francesco Rutelli. Wegen seiner Nähe zu einem geplanten Musikfestival hat er die nächste Ausgabe des erst vor kurzem aus dem Boden gestampften Filmfestivals von Mitte Oktober auf den 2. Oktober vorverlegt. Damit liegt nicht einmal mehr ein Monat zwischen dem "neureichen" Römer Filmfestival und dem alteingesessenen Filmfestival von Venedig (27. Aug. – 6. Sept.). Noch ärger trifft es die Veteranen vom renommierten Stummfilm-Festival in Pordenone, welches dieses Jahr vom 4. zum 11. Oktober geplant ist – also gleichzeitig. Man kann also ruhig sagen, das in Bella Italia nicht nur der Abfall in Neapel am Dampfen ist … [Quelle: Variety]

Sean Penn Jurypräsident in Cannes

Sean Penn (rechts) führt als Regisseur Emile Hirsch in "Into the Wild" (c) Monopole Pathé Schweiz
Sean Penn (rechts) führt als Regisseur Emile Hirsch in 'Into the Wild' (c) Monopole Pathé Schweiz

„No rest for the wicked“ sagen die Amerikaner gerne. Wenn es um Hollywood und Schlagzeilen geht, stimmt das fast immer. Derzeit ist es Schauspieler und Regisseur Sean Penn, der alle paar Tage auftaucht. Zum Jahresende gab er die Scheidung von seiner zweiten Frau Robin Wright bekannt und heute hat das Filmfestival von Cannes Sean Penn als Jurypräsident für seine nächste Ausgabe im Mai bestätigt. Dazu hat Penn mit seinem jüngsten Film Into the Wild in den USA eben einen Überraschungserfolg verbuchen können. Die Verfilmung des kurzen Lebens von Christopher McCandless folgt dem Tatsachenroman und Bestseller von Jon Krakauer und erzählt, wie ein behüteter junger Mann aus begütertem Elternhaus sich für ein Leben als Tramp entscheidet und schliesslich in Alaska zu Tode kommt. Der Film von Sean Penn ist recht eindrücklich und schliesst thematisch und gestalterisch bei seinem nicht weniger eindrücklichen Debut The Indian Runner von 1991 an. In der Deutschschweiz bringt Monopole Pathé den Film am 7. Februar ins Kino.

Die Fantoche-Familie wächst im Web

Wir sind wieder in Betrieb!

Für einmal in eigener Sache – aber für einen guten Zweck: Ich bin im Vorstand des Animationsfilmfestivals Fantoche in Baden (darum berichte ich auch nicht von dort am Sender) und das hat heute Abend angefangen. Ebenfalls heute Abend haben wir auf der Website von Fantoche das Fördervereins-Modul aufgeschaltet. Das ist eine richtige animierte Familie. Jedes Fördervereinsmitglied bekommt seinen eigenen Fantoche (Farbe wählbar), und steht in Beziehung zu Anwerberin und Angeworbenen. Sozusagen social engineering in Flash – eine animierte Fanbasis mit Spielnutzen: Per Mausklick lässt sich feststellen, wer von wem angeworben wurde, wer wen angeworben hat, und wer den grössten Fantoche-Clan auf die Beine stellt. Ausprobieren und weitersagen. Und bei Gefallen und Einleuchten selber per Mausklick anmelden und den eigenen Fantoche ins Gewusel stellen.

Goldener Leopard für Kobayashi

Keine grosse Überraschung: Mit „Ai no yokan“ (The Rebirth – Die Wiedergeburt) vom Japaner Masahiro Kobayashi hat eindeutig der radikalste Film im Wettbewerb von Locarno gewonnen, der konsequenteste. Kobayashi zeigt

die junge Noriko, deren Tochter eine Schulkollegin umgebracht hat, und Junichi, den verwitweten Vater des ermordeten Mädchens (gespielt vom Regisseur) in einem endlosen, repetitiven, einsamen pas-de-deux. Beide haben sich nach dem Mord zurückgezogen, seltsamerweise an den gleichen Ort. Noriko arbeitet in der Küche der Pension, in der Junichi lebt. Der Film zeigt in stets nur minim variierten Sequenzen immer und immer wieder die gleichen Ausschnitte aus dem stummen, eintönigen Tagesablauf der beiden. Zunächst sucht er einen Weg, mit ihr zu kommunizieren, und sie verweigert alles. Dann bemüht sie sich immer und immer wieder, bleibt dabei aber sprach- und hilflos. Immer wieder sieht man sie beim Braten von Eiern, ihn nach Schichtwechsel, beim Eintritt in die Produktionshalle der Giesserei, in der er arbeitet. Bald mutet der Film wie ein endloser, banaler Albtraum an. Sie sucht sein Verzeihen, eben so wie er, der längst so weit ist, dass er ohne ihre Gegenwart nicht mehr leben kann, sie aber auch nicht erträgt, eigentlich schon längst ihre Vergebung für sein Nichtvergeben herbeiwünscht.


Kobayashi ist mit seinen 53 Jahren kein Nachwuchsregisseur und seit etwa zwei Jahren hat er den Status eines interessanten Avantgardisten. Insofern versteht man Jury-Präsidentin Irène Jacob, wenn sie vor den Medien erklärte, es sei fast nicht möglich gewesen, die 19 Filme im Wettbewerb auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Dass ein offensichtlich noch von etlichen Mängeln behafteter Film eines Nachwuchsregisseurs wie Fulvio Bernasconi keinen Stand hat gegenüber der radikalen Reduktion des Siegerfilms, ist ja einleuchtend. Dass die Jury beim Darstellerpreis unter ähnlichen Nöten gelitten hat, ebenfalls. Nur so lässt sich jedenfalls erklären, dass sie den Preis für den besten Darsteller „ex aequo“ dem grossartigen Michel Piccoli und dem noch weitgehend unbekannten Michele Venitucci für die Hauptrolle in Fuori dalle corde von Bernasconi gegeben hat.
Ich bin sicher zufriedener heute als die Jury, die einige knallharte Diskussionen hinter sich haben dürfte. Mir haben sie nämlich die Freude gemacht und meinen Lieblingsfilm Capitaine Achab mit dem Regiepreis für Philippe Ramos ausgezeichnet.

Filmpodcast für die Woche 32 vom Filmfestival Locarno

Herzlich willkommen zum DRS Filmpodcast für die Woche 32. Wir sind noch immer am Filmfestival in Locarno. Darum drehen sich auch alle heutigen Beiträge um diese 60. Ausgabe des Festivals am Lago Maggiore. Zuerst stelle ich Ihnen im Gespräch den neuen Film „1 journée“ des Schweizers Jacob Berger vor, der am Dienstag auf der Piazza Grande gezeigt wurde. Dann hören Sie ein kurzes Gespräch von Eric Facon mit dem Solothurner Filmemacher Bruno Moll, über seinen Dokumentarfilm Der Weg nach Santiago, der im Rahmen der Kritikerwoche in Locarno uraufgeführt wurde. Darauf folgt eine Zusammenfassung der Medienkonferenz von Bundesrat Pascal Couchepin, an der die künftige Festivalpolitik des Bundes vorgestellt wurde und schliesslich ein Gespräch, das Eric Facon mit Hérvé Dumont führte, dem Direktor der Cinématheque suisse, der endlich den zweiten Teil seiner Geschichte des Schweizer Films herausgebracht hat. Und danach folgt als Bilanz zum 60. Filmfestival Locarno ein halbstündiges Gespräch mit den deutschen Kollegen Peter Klaus und Herbert Spaich.

Michel Piccoli ist grossartig

Diskussion unter Kollegen am Frühstückstisch im Hotel in Locarno (anwesend: Thomas Allenbach, Der Bund; Matthias Lerf, Sonntagszeitung; Christian Jungen, Aargauer Zeitung; und meine Bescheidenheit. Wortzuteilung retrospektiv unverbindlich, abgesehen von meiner Einstiegsfrage):

„Ist Hiner Saleems Armutsgeschichte ‚Sous les toits de Paris‘ so wunderbar, wie alle sagen? Muss ich den nachholen?“

„Der ist schon sehr schön, ja. Und wenn Du den Gewinner des Darstellerpreises sehen willst: Michel Piccoli ist grossartig!“

„Aber dem werden sie doch nicht morgen den Spezialpreis für sein Lebenswerk geben und dann am Samstag auch noch den Darstellerpreis?“

„Wäre doch irgendwie auch eine Beleidigung, oder? Michel Piccoli,  82, die grosse Nachwuchshoffnung am Filmfestival von Locarno…?“

„Stimmt. Leider geht das wohl nicht. Aber er ist grossartig in dem Film.“

„Piccoli ist immer grossartig“

Und jetzt sagt keiner mehr was und wir sind uns einig. Ein rarer Moment unter Filmjournalisten. Michel sei Dank! Er ist grossartig.

Extraordinary Rendition (Wettbewerb)

Ich habe schon lange keinen so sinnlosen Film mehr gesehen. Diese wütende Folterorgie vom Briten Jim Threapleton erzählt vom jungen Lehrer Zaafir, der im Namen der Terrorbekämpfung in London auf offener Strasse entführt und zur Folterung in ein anderes Land geschmuggelt wird. Der Film vermittelt drei Erkenntnisse: 1. Folter ist schrecklich. 2. Folter hinterlässt bleibende Schäden auch bei den Angehörigen. 3. Anti-Terror-Gesetze, die so etwas ermöglichen, darf es nicht geben. Nun versucht ja der Tessiner Ständerat Dick Marty seit 2005 die Welt von der Existenz solcher extraterritorialer US-Folterlager und der Praxis der „aussergewöhnlichen Auslieferung“ zu überzeugen, sein im Auftrag des Europarates verfasster Bericht liegt vor, und wird seltsamerweise von der Öffentlichkeit weitgehend ignoriert. Daran wird ein Film wie Extraodinary Rendition nichts ändern, im Gegenteil. Wenn ich mich im Kino 75 Minuten lang foltern lassen muss, ist die normalste Reaktion darauf der emotionale Rückzug. Und in Sachen Erkenntnisgewinn bringt er niemanden weiter, weil keine Zusammenhänge, keine Motivationen der Folterer, eigentlich überhaupt nichts ausser des subjektiven Horrors vermittelt wird. Daran ändert auch Gollum-Darsteller Andy Serkis in einer zentralen Rolle nichts.

Böse, intelligente Texte zur Film- und Kulturförderung

Mathias Knauer, Filmemacher und Kulturaktivist, gehört seit vielen Jahren zu den Streitbaren und Unbeugsamen in der Schweizer Filmszene. Er hat sich immer stark gemacht für den unabhängigen Autorenfilm, hat sich gewehrt gegen Automatismen und verwaltete Kultur. Jetzt hat Knauer, als Experiment, eine Website eröffnet, welche künftigen Debatten durchaus zu mehr Elan und Feuer verhelfen könnte: 

… daß im Bundesamt für Kultur keine Kulturtäter sitzen, nicht einmal Fachleute, sondern karriereorientierte Beamte, die dem Departementschef aus der Hand fressen, statt ihn mit bundeswürdigen und nachhaltigen Konzepten zu konfrontieren und ihn vor einer lächerlichen Politik abzuhalten. (ganzer Text hier)

Noch finden sich erst wenige Texte auf der Seite. Aber Knauer hofft

darauf, dass die Seite zu einem Forum werden könnte. Zur Zeit ist alles direkt zugänglich (und im Aufbau), in Zukunft soll man sich aber zuerst registrieren, damit die Diskussionen nicht anonym im Sand verlaufen. Ich bin gespannt, wie sich das entwickelt und vor allem, wie viele Protagonisten der Filmbranche den Mut haben werden, wie Knauer mit ihrem Namen zu ihrer Meinung zu stehen. Hier noch einmal der Link: http://cine.lemmata.ch/