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    Berlinale09: Sally Potter, radikal wie eh und je

    Von Michael Sennhauser | 8. Februar 2009 - 21:19

    Rage by Sally Potter: Steve Buscemi

    Die Britin Sally Potter hat sich nie damit begnügt, einfach Filme zu machen. Jeder ihrer Filme ist ein Experiment für sich – oder für sie. Von Orlando bis The Tango Lesson, bis zu den jambischen Pentametern von Yes hat sie es immer wieder von neuem geschafft, sich formal und inhaltlich radikal neu zu positionieren. Zwischen ihren Filmen liegen immer ein paar Jahre. Und ihr jüngster ist auch wieder ein Experiment. Rage ist aufgebaut als „mockumentary“, als künstlicher Dokumentarfilm. Ein Schüler Namens Michelangelo filmt die Protagonisten einer New Yorker Fashion Show mit seiner Hamadan Handycam. Im Prinzip besteht der ganze Film aus einer Reihe von ‚talking heads‘, von bekannten und unbekannten Schauspielerinnen und Schauspielern gespielt. Judi Dench ist eine Moderedaktorin, Steve Buscemi ein abgehalfterter Fotograf, Jude Law spielt eine modelnde Supertranse und ein kleiner Pizzalieferant findet sich auch plötzlich auf dem Laufsteg wieder. Und dann gibt es Tote, und einen Flashmob und viele giftige Kommentare – und von allem ist nichts zu sehen, weil sich die ganze Geschichte nur über die erzählenden Selbstdarsteller vor der Kamera, vor Greenscreen gefilmt, zu einem Agatha-Christie-würdigen Murder-Mystery verdichtet.

    Das ist von einer erzählerischen und darstellerischen Dichte, die mit der Zeit ein wenig ermüdet. Man kann die Energie einfach nicht mehr durchgehend absorbieren und so lässt sich auch der ironische Applaus im Saal erklären, als einer der Zwischentitel verkündet: The Last Day. Dabei packt Sally Potter nicht nur die immense Landschaft menschlicher Gesichter auf die Leinwand, sondern eine ganze Reihe heisser Eisen der aktuellen Gesellschaft. Die Ablösung der traditionellen Medien durch das Internet mit seinem Fluxus von Informationsverbreitern, Informationsbeschaffern und spontanen Interessensgruppierungen macht dabei die spannendste Komponente aus und wohl auch jene, welche in Berlin ein gewisses Unbehagen unter den Journalistinnen und Journalisten gerade der schreibenden Zunft ausgelöst hat. Denn so wie sich die Fashionistas im Film um Kopf und Kragen reden und sich dabei selber als Dinosaurier entlarven, so fühlt man sich als Zuschauer im Saal beunruhigt über die Erkenntnis, das diese ‚intimen‘ Geständniss und Selbstdarstellungen der gefilmten Menschen fast verzögerungsfrei ‚ins Netz‘ gehen und da völlig unerwartete Reaktionen auslösen.

    Ich habe heute ein Interview mit Sally Potter führen können und ich hoffe sehr, dass ein Schweizer Filmverleiher den Mut aufbringt, ‚Rage‘ ins Kino zu bringen. Falls ja, gibt das eine Reflexe-Sendung. Falls nicht, stelle ich das Interview hier in den Blog, sobald die DVD erhältlich wird.

    Ach und das noch: Eines der Models im Film hat den wunderschönen Namen Lettuce Leaf. Ein paar Kollegen haben das während der Pressevorstellung wörtlich genommen, ich hoffe, sie schämen sich ein wenig. Rage braucht Anteilnahme.

    Rage by Sally Potter: Judi Dench

    Topics: Film, Film und Kunst, Filmfestival, Regisseur/in | 4 Kommentare »

    4 Comments

    1. Was ist eine hamadan? Gelesen in. „Michelangelo filmt die Protagonisten einer New Yorker Fashion Show mit seiner Hamadan.“

      Kommentar by KL — 9. Februar 2009 @ 13:53

    2. Upps: Handycam. Funktioniert aber auch am Ramadan. Korrigiert, danke!

      Kommentar by Michael Sennhauser — 9. Februar 2009 @ 23:53

    3. Lettuce Leaf? Grossartig, genial, absolute dreifache Spitzenklasse! Makes my day!

      Kommentar by Pit — 10. Februar 2009 @ 01:41

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