Cannes 10: Leuchtfeuer Juliette Binoche

Juliette Binoche auf dem offiziellen Plakat Filmfestival Cannes 2010
Juliette Binoche auf dem offiziellen Plakat Filmfestival Cannes 2010

Morgen Mittwoch sticht der Ozeandampfer unter den Filmfestivals wieder in See. Und damit niemand den kleinen ehemaligen Fischerhafen an der Côte d’Azur verfehlt, haben die Hüter des filmischen Grals in Paris (3, rue Amélie) einen weiteren trésor national verpflichtet. Juliette Binoche schwingt das Leuchtfeuer auf den offiziellen Plakaten des diesjährigen 63. Festivals. Vielleicht gelingt es ihr ja, uns alle heute und morgen sicher durch die Vulkanaschewolken zu lotsen. Sie tritt dann aber aber auch auf, in einem auf den ersten Blick typischen Cannes-Film im Wettbewerb: Copie conforme heisst der Film auf Französisch (Roonevesht barabar Asl As auf Persisch), den der Iraner Abbas Kiarostami mit der Französin in der Toskana gedreht hat. Eine universelle Liebesgeschichte zwischen einer Galeristin und einem Schriftsteller dürfen wir erwarten.  „Cannes 10: Leuchtfeuer Juliette Binoche“ weiterlesen

Fahrradfilme? Bicycle Film Festival!

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Festivals sind inflationär, keine Frage. Gerade auch bei den thematischen, vom Bergfilmfestival bis zum Energiefilmfestival, gibt es nichts mehr, das nicht via Leinwand gefeiert würde. Aber das amerikanische Bicycle Film Festival habe ich eben erst heute entdeckt. Es ist ein Wanderfestival, und es tourt nicht nur Nordamerika, sondern auch Kanada, Japan, die Schweiz (2.-6. September 2009), Dänemark und Österreich. Bloss Deutschland bleibt verschont. Heute geht es dafür los in Minneapolis. Dabei sind da keineswegs nur Sportfilme im Programm, das Angebot dreht sich wirklich um alle möglichen Räder in bewegten Bildern:

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Neuchâtel International Fantastic Film Festival NIFFF 2009

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Anaïs Emery, die künstlerische Direktorin des NIFFF © sennhauser

Die Medienkonferenz des NIFFF eröffnet meinen Sommer. Heute war die Fahrt an den Neuenburgersee mit dem Zug besonders schön. Und die Aussicht auf das kommende Festival vom 30. Juni bis zum 5. Juli, wie sie das Leitungsteam skizziert hat, ist vielversprechend. Ich will nicht das ganze Programm aufzählen, es ist reichhaltiger denn je – und es wird ab morgen auf der NIFFF-Seite online sein. Hier aber ein paar Highlights: Im Wettbewerb läuft Lars von Triers in Cannes so schön kontrovers aufgenommener Antichrist. Und fast schon als Gegenthese dazu Catherine Breillats post-feministische Version der Blaubart-Legende, Barbe bleu. Das sind die beiden Filme, die ich schon gesehen habe. Und wenn sie als Indikator für das generelle Niveau des Wettbewerbs gelten dürfen, dann freue ich mich mehr denn je auf die Woche in Neuenburg.

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Cannes 09: Palmarès 2009

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Die Palmen sind vergeben, und die grosse Überraschung ist ausgeblieben. Mit der goldenen Palme für Michael Hanekes Das weisse Band können wohl alle Kommentatoren gut leben, der Film war einer der Favoriten. Dass Jacques Audiard für Un prophète den grossen Preis der Jury bekommen hat, zeigt nicht zuletzt den Sinn für Diplomatie der Jury. Nachdem die goldene Palme schon im letzten Jahr an das Gastgeberland ging, musste Audiard seine Hoffnungen allem Kritikerlob zum Trotz ein wenig dämpfen. Dabei passen die beiden Preise hervorragend zusammen: In beiden Filmen geht es im Wesentlichen um eine (unabsichtliche) Erziehung zur Unmenschlichkeit. Bei Haneke mit den übersteigerten Idealen jener Elterngeneration, welche die späteren Nationalsozialisten aufzog, bei Audiard um die Erziehung eines jungen Arabers zum eiskalten Mafiaboss in einem französischen Gefängnis der Gegenwart.

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Cannes 09: Visage

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Laetitia Casta in Tsai Ming-Liangs 'Visage'

Wenn man von den Poeten des Kinos redet, dann gehört Tsai Ming-Liang aus Taiwan, bzw. Malaysia dazu – allerdings zu den Pop-Art-Poeten. Wer an seinen Berlinale-Beitrag The Wayward Cloud (Tian bian yi duo yun) von 2005 erinnert, redet unwillkürlich vom „Melonenfilm“, die wilde Kombination von Sex und Wassermelonen ist schlicht nicht aus dem Gedächnis zu löschen. Aber auch sonst sind dem unglaublich produktiven Regisseur einige der stärksten Bilder des letzten Jahrzehnts gelungen. Wären seine Filme nicht dermassen poetisch verrätselt und l_a_n_g_s_a_m, wäre er wohl längst ein Popstar. Was also war zu erwarten, wenn Tsai Ming-Liang eine Einladung des Louvres annimmt, im Auftrag des grössten Kunstmuseums der Welt absolut frei einen Film zu entwickeln? Auf keinen Fall das, was hier in Cannes zu sehen war – andererseits: Warum denn nicht?

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Cannes 09: The Imaginarium of Doctor Parnassus

Heath Ledger as Tony in Dr Parnassus
Heath Ledger als Tony in 'The Imaginarium of Doctor Parnassus'

Terry Gilliam ist der grosse Don Quijote des fantastischen Films, der Mann der niemals aufgibt. Nach dem Tod seines Hauptdarstellers Heath Ledger im Januar 2008 stand er mit seinem zu guten Teilen abgedrehten The Imaginarium of Doctor Parnassus wieder einmal vor dem Abgrund, wie so oft in seiner Karriere. Aber anders als bei seinem Don Quijote-Projekt (das schliesslich nur zu einem Dokumentarfilm über das spektakuläre Scheitern führte), kam diesmal Hilfe. Heath Ledgers Freunde Johnny Depp, Colin Farrell und Jude Law sind eingesprungen. Das war möglich, weil der Film ohnehin Transformationen vorsah. Das Imaginarium des Doktors Paranassus ist nämlich ein Spiegel auf der Wanderbühne einer ziemlich heruntergekommenen Truppe. Wer durch den Spiegel geht, findet sich in der Welt seiner Träume wieder. Oder aber in der Welt seiner Alpträume.

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Cannes 09: The Time that Remains

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Der israelische Palästinenser Elia Suleiman ist noch in bester Erinnerung für seinen Cannes-Beitrag von 2002: Divine Intervention. Der urkomische, lakonisch-poetische Stil, mit dem er damals die Absurditäten im täglichen Leben im nahen Osten ins Auge fasste, hat den Film zu einer dauerhaften Erinnerung gemacht. Und Suleimans neuer, der heute hier in Cannes im Wettbewerb gezeigt wurde, führt den eigenwilligen Stil weiter in die Vergangenheit. Suleiman erzählt aus der eigenen Familiengeschichte und seiner Kindheit und Jugend in Nazareth. Zunächst aber von 1948, dem Gründungsjahr Israels, der Eroberung oder Befreiung Nazareths, je nach Perspektive, und von seinem Vater, einem Widerstandskämpfer.

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Cannes 09: Untertitelte Basterds

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Yes! Yes! Yes! Yes! Martin Wuttke als Hitler in 'Inglourious Basterds'

Ich gehöre ja leider zur Fraktion jener, die von Tarantinos neuem Opus enttäuscht sind, unter anderem, weil ich finde, dass das serielle Nazikillen eher in einen Egoshooter gehört als ins Kino. Aber einen Verdienst hat Inglourious Basterds auf sicher: Tarantino spielt mit den Sprachen, er lässt die Figuren in ihren jeweiligen Landessprachen (und fremdem Italienisch) reden und bringt immer wieder Untertitel ins Bild. Genau jene Untertitel, von denen ein paar Schweizer Kinobetreiber und Verleiher behaupten, ihr Publikum goutiere sie nicht mehr.

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Cannes 09: Das weisse Band

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© filmcoopi

Michael Haneke, der Österreicher, ist längst auch ein Franzose hier in Cannes. Spätestens seit seinen französischen Filmen wie Code inconnue oder Caché mit Juliette Binoche, ist er hier in Cannes jeweils auch angetreten à defendre la France, wie die Franzosen das gerne sehen.

Mit Das Weisse Band ist er allerdings zurück in der unheimlichen Heimat. Nicht gerade Österreich, mehr das protestantische Norddeutschland, dazu kurz vor dem ersten Weltkrieg, in einem Dorf, das eine Welt ist.

Aber was sich da abspielt, unter der dünnen Oberfläche des Alltags, das ist so mörderisch und niederträchtig, dass man sich trotzdem im österreichischen Kino wähnt.

Im Dorf, auf das der einstige Dorflehrer als Erzähler zurückblickt, gibt es vier Autoritäten: Den Herrn Baron, den Herrn Pfarrer, den Herrn Doktor und eben den Herrn Lehrer.

Dem Herrn Doktor spannt jemand ein dünnes Drahtseil über den Weg, so dass er mit dem Pferd unglücklich stürzt und für lange Zeit ins Krankenhaus muss. Später verunfallt eine Frau tödlich, ein Junge wird misshandelt, eine Scheune brennt ab: Die Fälle häufen sich und der Herr Baron ruft nach dem Gottesdienst zu Wachsamkeit und Denunziation der Schuldigen auf.

Während der Film aus dem Leben aller Dorfbewohner erzählt, von strengen Vätern, verzweifelten Müttern, einem verliebten Lehrer und schliesslich dem Herrn Doktor, der sich langsam die Sympathie des Publikums verscherzt, mit der unglaublich geringschätzenden Art, die er seiner Praxishilfe und Ersatzhausfrau angedeihen lässt, stellt sich der Lehrer langsam neue Fragen.

Und die Kinder des Dorfes sind wirklich die Kinder des Dorfes, und sie werden es bleiben, denn nicht nur die Kirche bleibt im Dorf.

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© filmcoopi

Das Weisse Band ist in leicht sepiagetöntem Schwarzweiss gefilmt, mit protestantisch strengen Bildern in einer protestantisch strengen Landschaft. Die Dorfkirche ist eine jener Gottesburgen, wie man sie so sonst nur noch in Dänemark antrifft, und Fremde gibt es keine im Dorf, abgesehen von zwei Kreispolizisten, die aber auch unverrichteter Dinge wieder abziehen.

Wer jetzt eine Art Knochenmann erwartet, liegt allerdings völlig daneben. Das ist ein Haneke-Film, wenn auch mit einer neuen (oder alten?) aufdringlichen Zurückhaltung gefilmt, die mitunter an Hanekes Landsmann Ulrich Seidl erinnert.

Allerdings sind die einzelnen Szenen hier ungleich kontrollierter, strenger und auch hinterhältiger gestaltet als bei Seidl. Und die beiden sprachlichen Ebenen, jene der Figuren und die des Erzählers, hetzen sich mitunter gegenseitig, auch wenn der Film unglaublich ruhig bleibt, angesichts der Ungeheuerlichkeiten, die er erzählt.

Ich bin mir noch nicht ganz klar darüber, ob das nun einfach ein beeindruckend kontrollierter Film ist, oder ein ganz grosses Meisterwerk.

Nachtrag 24. Mai: Die Kritiker-Jury von Fipresci hat sich für Meisterwerk entschieden und lässt den diesjährigen Cannes-Preis an Haneke gehen.

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© filmcoopi

Cannes 09: Drag Me to Hell

Drag Me to Hell Sam Raimi

Die bösen Toten, die Evil Dead, sind Sam Raimis Hauptdomäne, auch wenn ich persönlich seine Ausflüge ins Comic-Genre interessanter finde, angefangen bei Darkman bis hin zu seiner Spiderman-Serie. Mit Drag Me to Hell, der hier in Cannes ausser Konkurrenz gezeigt wurde, zerreisst Raimi nun allerdings keine Stricke. Das ist eine kompetent und effizient gemachte Variation bekannter Vorbilder. Die von Alison Lohman gespielte junge und ehrgeizige Bankfrau verweigert einer alten Zigeunerfrau die Schuldenverlängerung, worauf sie von dieser sehr unappetitlich verflucht wird. Eine Lamia hat sie ihr auf den Hals gehetzt, einen Höllengeist, der sie drei Tage plagen und dann in die Hölle zerren wird.

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