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    Cannes 11: DRIVE von Nicolas Winding Refn

    Von Michael Sennhauser | 19. Mai 2011 - 23:03

    Ryan Gosling in 'Drive'

    Ryan Gosling in 'Drive'

    Der Däne Winding Refn wurde bekannt mit seiner Pusher-Trilogie, von ihm stammt auch das eigenwillig düstere Mads-Mikkelsen-Vehikel Valhalla Rising. Bei Drive war er jetzt allerdings Gun for Hire. Ryan Gosling, der die Hauptrolle spielt, hat ihn an Bord der Produktion geholt. Drive ist die Geschichte eines Einzelgängers, der in Los Angeles als Stunt-Driver für Filme arbeitet, in einer Garage als Mechaniker, und hin und wieder als Fluchtwagenfahrer für Einbrecher oder Räuber. Er ist schweigsam und hochprofessionell, arbeitet nie ein zweites Mal mit den gleichen Leuten und ist als Fahrer extrem kaltblütig und überlegt. Dass die Figur ein Echo von Steve McQueen mit sich bringt, ist natürlich nicht nur den Produzenten und Ryan Gosling aufgefallen, sondern auch Winding Refn, der den Film über weite Strecken mit betonter 70er-Jahre-Aesthetik versieht. Das gilt aber leider nicht für die absolut grauenvolle Rockpop-Gesangs-Musik von Cliff Martinez.

    Im Film kompliziert sich das Leben des Fahrers, als er sich in seine Nachbarin und deren kleinen Sohn verliebt. Ihr Mann kommt nämlich bald darauf aus dem Gefängnis zurück und wird erpresst. Um die von Carey Mulligan gespielte Frau und ihren Sohn zu schützen, beteiligt sich der Driver an einem Überfall und fordert damit unwissentlich die West- und offenbar auch gleich noch die Ostküstenmafia heraus.

    Ryan Gosling, Carey Mulligan

    Ryan Gosling, Carey Mulligan

    Der Film setzt auf Atmosphäre und Charakterzeichnung und erinnert damit durchaus an Genre-Klassiker wie Bullitt, jedenfalls deutlich mehr als verunglückte Epigonalwerke wie Walter Hills The Driver von 1978 mit – ausgerechnet – Ryan O’Neal in der Steve McQueen-Rolle, die jetzt Ryan Gosling spielt.

    DRIVE par Nicolas WINDING REFN (3)

    Die Autoverfolgungsjagden halten sich in Grenzen und zeichnen sich raffinierterweise durch überlegte Stop-and-Go-Sequenzen aus, ein Genre-Novum, das eine ganz eigene Spannung erzeugt.

    DRIVE par Nicolas WINDING REFN

    Warum aber ausgerechnet dieser Film im Wettbewerb von Cannes gelandet ist, und andere, doch deutlich raffiniertere und ambitioniertere nicht, ist eines der ewigen Cannes-Rätsel. Am Nostalgie-Faktor alleine kann es nicht liegen, eher schon daran, dass Winding Refn einen eigenen Ruf als „Genre-Autor“ hat und pflegt.

    Eine Anmerkung kann ich mir heute allerdings nicht verkneifen. Am gleichen Tag, an dem das Festival den Dänen Lars von Trier zur „Persona non grata“ erklärt, weil er „Hitler“ gesagt und sich selber als „Nazi“ bezeichnet hat an seiner Pressekonferenz für Melancholia, ertönt im Kino hundertfach fröhliches Gröhlen, wenn Ryan Gosling einem Gegner in einer Liftkabine den Schädel zu blutigem Brei stampft oder Albert Brooks einem anderen Mann eine Gabel ins Auge steckt – Gewalteruptionen, wie man sie jenseits von Martin Scorsese noch nicht allzu oft gesehen hat.

    Es gibt in Cannes (zum Glück, wenn auch nicht immer zum Vergnügen des Publikums) keine Tabus auf der Leinwand (wer erinnert sich noch an die neunminütige Vergewaltigung der Monica Bellucci in Gaspar Noés Irreversible am Festival von 2002?) Daher mutet es doppelt feige an, wenn das Festival einen stets gerne für seine Provokationen eingeladenen Regisseur einem hochgehypten Medienaufschrei (vor allem in den USA) opfert und ihn vor die Türe stellt, weil er den Mund etwas zu voll genommen und sich in seinen Sticheleien am Ende der Pressekonferenz verrannt hat. Und Mel Gibson, der in den USA seiner im Suff getätigten antisemitischen Äusserungen wegen längst notorisch ist, wurde vom Festival von Cannes bedenkenlos als Star von Jodie Fosters The Beaver eingeladen (was im Kontext des Films auch völlig richtig ist).

    Nicolas Winding Refn jedenfalls hat mit Drive seine Visitenkarte für das amerikanische Kino geliefert, und mit den beiden besonders brutalen Szenen auch dafür gesorgt, dass der Film bei seinem US-Start nicht unkommentiert in den Medien verschwindet.

    Nicolas Winding Refn

    Nicolas Winding Refn

    Topics: Filmbesprechung, Filmfestival | 1 Kommentar »

    1 Kommentar

    1. Stimmt nicht ganz Herr Sennhauser.
      Cliff Martinez ist Filmmusiker und macht keinen Rock/Pop Gesang!
      Neben elektronisch geprägten Flächenklängen weisen seine Stücke häufig perkussive Stilelemente auf. Er trägt meiner Meinung wesentlich zur Atmosphäre des Films bei.

      Kommentar by Federspiel — 21. Januar 2012 @ 01:01

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