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    Berlinale 13: POZITIA COPILULUI – Child’s Pose – von Calin Peter Netzer

    Von Michael Sennhauser | 11. Februar 2013 - 17:30

    Luminita Gheorghiu

    Luminita Gheorghiu

    Vielleicht erstarrt die zweite Welle des rumänischen Filmwunders langsam in der Formelhaftigkeit. Vielleicht aber hat es auch damit zu tun, dass einem in diesem Film praktisch alle Figuren in ihrer absoluten Selbstbezogenheit zutiefst unsympathisch sind und es auch weitgehend bleiben. Dabei hat das Konzept etwas durchaus Bestechendes: Wir werden eingeführt in die Mechanismen jener rumänischen Menschengruppe, die man vor fünfzig Jahren als „das Establishment“ bezeichnet hätte.

    Cornelia Kerenes ist Innendekorateurin und eine etablierte Architektin, die es in die inneren Kreise der rumänischen Gesellschaft gebracht hat. Ihre Schwester ist Ärztin, der Mann wohl Anwalt, und man hat beste Verbindungen in die Politik und das Getriebe der Staatsgewalt. Das ist alles sehr hilfreich, als ihr Sohn Barbu bei einem Überholmanöver mit übersetzter Geschwindigkeit einen Vierzehnjährigen tötet. Bis zu fünfzehn Jahre Gefängnis könnten ihm drohen, obwohl es sich ziemlich eindeutig um einen Unfall handelt. Jedenfalls wäre der Junge wohl auch tot, wenn Barbu sich an die Geschwindigkeitsgenzen gehalten hätte.

    Luminita Gheorghiu

    Luminita Gheorghiu

    Luminita Gheorghiu ist stark als hyperdominante Mutter, die mit allen Tricks und Finten von Bestechung über Drohung bis zum gesellschaftspolitishen Fädenziehen um die Freiheit ihres Sohnes kämpft. Gleichzeitig ist das paradox, weil sie selber ihrem Sohn diese Freiheit in aller Selbstverständlichkeit nie gegeben hat. Sie kontrolliert sein Leben, über die Putzfrau seine Wohnung, und sie torpediert seine Beziehung.

    Bogdan Dumitrache

    Bogdan Dumitrache

    Dass der Sohn sie dafür hasst, ist nicht weiter verwunderlich, eben so wenig, dass er in seiner Mischung aus Arroganz und Zurückgezogenheit als nicht ganz ausgewachsenes, verwöhntes Arschloch voller Beziehungsängste und Phobien ohne die Energie der Mutter kaum lebensfähg wäre. Deutlich wird dabei auch, dass diese Energie der Frau aus ihrem zur Selbstverständlichkeit erstarrten Lebenstüchtigkeit erwächst: Man tut, was man tun muss, um in dieser Gesellschaft nach oben zu kommen und oben zu bleiben.

    copy Cos Aelenei

    Wie Netzer die Familie und ihre gesellschaftliche Vernetzung zeichnet, ist ziemlich beeidruckend. Überhaupt ist die erste halbe Stunde des fast zweistündigen Filmes ein starkes Gruselkabinett und eine Lektion über die Mechanismen der Ellbogengesellschaft. Dann aber versackt diese Lektion immer mehr in der (vielleicht realsitischen) Redundanz, wenn sich zuvor empörte Polizeibeamte plötzlich fügen und ihrerseits Gefallen einfordern und sich ein belastender Zeuge nicht scheut, das Gespräch über seine Aussagen im Protokoll zu einem eigentlichen Business-Treffen zu machen.

    Vielleicht liegt es gerade an der Gnadenlosigkeit, mit der diese Mechanismen (und Psychosen, jedenfalls bei Mutter wie Sohn) ausformuliert und illustriert werden. Zu dem Zeitpunkt, wo man bereit wäre, die seelischen Verkrüppelungen der Figuren zu anerkennen, ist man weitgehend schon im Dynasty-Modus, das heisst, auf der Erwartungsschiene einer Soap-Opera, wo jede Niederträchtigkeit nach einer noch grösseren verlangt.

    Florin Zamfirescu, Luminita Gheorghiu

    Florin Zamfirescu, Luminita Gheorghiu

    Das ist darum schade, weil der Film in seinen letzten Szenen wieder zu dem zurück findet, was die besten der rumänischen Filme der letzten Jahre so stark gemacht hat: Dem unvoreingenommenen Blick auf Menschen, der jederzeit auch einen Lichtblick zu anerkennen vermag. Das klassische Ecce homo verlangt nach religiösen oder humanistischen Grundwerten, nach der Möglichkeit des Verstehens und Verzeihens. Geht mir das beim Zusehen verloren, weil ich mich von den gezeigten Charakteren allzu weit entfernt verorte (oder mich schlicht langweile), fehlt dem Drama die eigentliche Grundlage.

    Oder anders gesagt: Der gnadenlose, präzise Blick dieser speziellen „rumänischen Schule“ funktioniert nur in Kombination mit einer subtilen Balance, die sicherstellt, dass ich mich nicht ausnehmen kann. Davon hat Pozitia copilului zu wenig.

    Topics: Film, Filmbesprechung, Filmfestival, Regisseur/in | 1 Kommentar »

    1 Kommentar

    1. Cornelia ist Architektin, ihr Mann Arzt und dessen Schwester Ärztin…

      Kommentar by izzy — 29. März 2013 @ 13:54

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