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    ALOYS von Tobias Nölle

    Von Michael Sennhauser | 30. März 2016 - 10:18

    Georg Friedrich in 'Aloys' © Hugofilm / Simon Guy Faessler

    Georg Friedrich in ‚Aloys‘ © Hugofilm / Simon Guy Faessler

    Manchmal reicht eine Stimme am Telefon, um in unserer Fantasie eine neue Welt wachsen zu lassen. So auch in Aloys, dem ersten langen Spielfilm des Schweizer Regisseurs Tobias Nölle. Aloys hat Tobias Nölle nach seinem Beitrag zu Heimatland nicht nur eine Einladung an die Berliner Filmfestspiele eingetragen, sondern auch gleich den Preis der internationalen Filmkritik. Und den Publikumspreis des Filmfestivals von Las Palmas in Gran Canaria.

    «Der Bäcker bäckt Brot, der Fischer fischt und der Ermittler ermittelt». Das sagt Aloys, und der muss es wissen. Aloys Adorn ist Privatdetektiv, er liefert Beweise für Scheidungsklagen und ähnliches. Tagsüber filmt er heimlich die zu observierenden Personen. Das sei seine Arbeit, sagt er. Und am Abend schaut er sich die Videos des Tages an. Das sei sein Hobby. Sagt er auch.

    Sonst sagt Aloys nicht viel, schon gar nicht, seit sein Vater, der zugleich sein Chef war, gestorben ist. Dafür trinkt Aloys er zu viel, so sehr, dass er im Bus einschläft. Als er wieder aufwacht, ist seine Kamera weg, und er findet ein Video in der Manteltasche, das ihn schlafend im Bus zeigt. Und kaum hat er sich das zuhause angesehen, klingelt sein Telefon.

    Die Frauenstimme ist offen und zugewandt, auch wenn die Frau fragt, ob es ok sei, wenn sie ihn Adorn nenne. Aloys sei ihr zu persönlich. Sie macht keinen Hehl daraus, dass sie seine Kamera hat, die Videos angesehen, auch das von Aloys totem Vater. Sie erklärt Aloys, dass seine Katze unter Magnesiummangel leide.

    Aloys bleibt distanziert, droht, die Behörden einzuschalten, wenn sie die Kamera nicht zurückgebe. Aber die Stimme steckt in Aloys‘ Kopf fest und der Kopf imaginiert sich Bilder zu der Stimme.

    Georg Friedrich ist 'Aloys' © Hugofilm / Simon Guy Faessler

    Georg Friedrich ist ‚Aloys‘ © Hugofilm / Simon Guy Faessler

    Und damit beginnt für Aloys ein neues Leben. Die geheimnisvolle Anruferin meldet sich immer wieder, regt seine Phantasie an, bringt ihn dazu, sich Begegnungen und Räume vorzustellen. Ihre Stimme am Telefon gehört bald zu seinem Alltag, vom verschütteten Beobachter wird Aloys allmählich zu einem, der sich ein ganz anderes Leben vorstellt und sich daran gewöhnt.

    Georg Friedrich as Aloys, Yufei Li und Georg Friedrich in 'Aloys' © Hugofilm / Simon Guy Faessler

    Georg Friedrich as Aloys, Yufei Li und Georg Friedrich in ‚Aloys‘ © Hugofilm / Simon Guy Faessler

    Aloys ist ein Film über Imagination und Entwicklung. Die Bilder, welche Nölle findet, folgen aus dem, was Aloys und mit ihm der Zuschauer hört. Das Prinzip wurde im Kino immer wieder umgesetzt, 1966 von Michaelangelo Antonioni mit Blow Up auf der bildlichen Ebene, mit dem Fotografen, der von einem Detail auf einem Schnappschuss ausgehend einen kompletten Mord imaginiert, später von Brian De Palma mit Blow Out, in dem John Travolta einen Film-Tönler spielt, der, von einer Tonaufnahme ausgehend, wiederum eine ganze Geschichte imaginiert.

    David Hemmings in Antonionis 'Blow Up' von 1966

    David Hemmings in Antonionis ‚Blow Up‘ von 1966

    Dass diese Filme über ihr Spiel mit der Imagination und ihren technischen Grundlagen auch Reflexionen über die Kunst generell und das Filmemachen im Speziellen sind, lässt sie uns Filmverrückten natürlich besonders ans Herz wachsen. Insbesondere die Krönung des Prinzips, Francis Ford Coppolas The Conversation von 1974.

    Gene Hackman in Coppolas 'The Conversation' von 1974

    Gene Hackman in Coppolas ‚The Conversation‘ von 1974

    In diesem mehrkanaligen, polyphonen, hochkomplexen und zugleich simpel verplotteten Meisterwerk spielt Gene Hackman den Abhörspezialisten Harry Caul, der zur Überzeugung gelangt, selber abgehört zu werden und sich immer heftiger in eine Paranoia steigert.

    Tobias Nölle kennt den Film nicht nur, er liebt ihn mittlerweile. Dies, nachdem er ihn während seines Studiums an der Filmschule zunächst als eher langweilig empfunden hat. Aber während der Arbeit an Aloys habe er The Conversation wieder und wieder angesehen, sagt Nölle im Interview.

    John Travolta in Brian De Palmas 'Blow Out'

    John Travolta in Brian De Palmas ‚Blow Out‘

    Und so ist es nur naheliegend, auch Aloys in diese faszinierende Filmfamilie einzureihen. Wie die Filme von Antonioni und Coppola erzählt Tobias Nölles Erstling eine einfache Geschichte, die im Kopf des Protagonisten komplexer und komplexer wird. Aber im Gegensatz zu Brian De Palma, der mit Blow Out klar eine Hommage an Antonioni machen wollte und sich dabei zitier- und spielwütig in ein postmodernes Krimi-Spiel gesteigert hat, gelingt Nölle mit Aloys der grosse Kunstgriff, ein eigenständiges Original. Ein Film, den das Publikum ganz einfach als Erzählung erleben kann. Und ein Kunstwerk, das seine eigene Genese dauernd in Frage stellt.

    So ist der Film von Tobias Nölle einfach und kunstvoll zu gleich. Ein Mann trifft auf eine Frau, die er nur hört, auf der ausgeklügelten Tonspur des Films (Jean-Pierre Gerth, Maurizius Staerkle Drux, Peter Bräker, Benjamin Laurent) entstehen neue Welten und Möglichkeiten, Bild und Sound-Design umfassen das Kinopublikum mit sanfter Kraft. Aloys ist eine einfache, traurige Liebesgeschichte. Und zugleich ein hochkomplexes, grossartiges kleines Kinokunstwerk.

    Georg Friedrich as Aloys, Yufei Li und Georg Friedrich in 'Aloys' © Hugofilm / Simon Guy Faessler

    Yufei Li und Georg Friedrich in ‚Aloys‘ © Hugofilm / Simon Guy Faessler

    (Dieser Film wurde von meinem Arbeitgeber SRF koproduziert)

    Topics: CH Film, Film, Filmbesprechung, Regisseur/in | Kommentare deaktiviert für ALOYS von Tobias Nölle

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