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    Cannes 16: RESTER VERTICAL von Alain Guiraudie (Wettbewerb)

    Von Michael Sennhauser | 12. Mai 2016 - 15:29

    Damien Bonnard, India Hair und Raphaël Thiéry

    Damien Bonnard, India Hair und Raphaël Thiéry

    Léo ist ein Drehbuchautor auf Wanderung in der Lozère im Süden von Frankreich. Auf der Suche nach Wölfen trifft er auf eine bewaffnete Schäferin und bleibt bei ihr und ihrem Vater auf dem Hof. Bis ihr gemeinsames Kind zur Welt kommt. Da packt sie ihre beiden älteren Söhne ein und verschwindet.

    Cannes_Balken_2016

    Alain Guiraudies Film ist anders als fast alle anderen. Komischer und radikaler, verträumter und fremder. Léo (Damien Bonnard) ist eine jener alter-ego-Figuren, wie sie nicht nur Autorenfilmer erträumen, sondern auch Schriftsteller, vielleicht sogar Maler.

    Ein Mann in mittleren Jahren, kreativ ausgebrannt, auf der Suche nach sich selbst und dem grossen Abenteuer und dem Sinn des Lebens. Dass der in einem eigenen Kleinkind ohne die Krämpfe mit der Mutter liegen könnte, merkt er erst, als er schon mitten drin steckt.

    Das ist der radikalste Zug dieses Films, diese Umkehrung, der Mann, der sich mit dem Kleinkind durchschlagen muss. Ein anderer besteht darin, dass Guiraudie nicht zwischen Realität und Traumsequenzen unterscheidet. Es gibt Szenen, die sind ziemlich klar jenseits des Realismus, andere für sich genommen fast dokumentarisch banal.

    Zusammen ergibt das einen irrwitzigen, metaphorischen Mix mit unerwartetem Witz. Zur ganzen anakreontischen Schäferidylle, die von Anfang an surreal wirkt, kommen andere Momente, etwa eine Wiese voller vom Wolf gerissener Schafskadaver inklusive totem Schäferhund.

    Oder das Haus eines bärtigen alten Mannes, aus dem dauernd dröhnender Gitarrenrock zu hören ist. Schliesslich sehen wir den Alten versunken in seinem Sessel zwischen zwei Boxen, aus denen Pink Floyd erschallt. Das hat schon seine Richtigkeit, merkt man einmal mehr leicht schockiert: Der Alte hat das richtige Alter.

    Er hat auch das richtig Alter, um schliesslich in seiner Einsamkeit den Tod herbeizuführen, was zu einer eben so drastischen wie eindrücklichen Sexszene führt: Eros und Thanatos als perfekte Einheit. Und dann eine Tabloidschlagzeile von irrwitziger Schauerkomik: «Mann sodomisiert Rentner, um ihm das Sterben zu erleichtern, während sein Baby zusieht».

    Ja, die Geschichte mit dem Drehbuchautor, der sich im Leben verliert und stets seinen Produzenten und Geldgeber im Nacken hat, die erinnert uns Schweizer natürlich an Wintergast aus dem letzten Jahr. Léos ganzes Abenteuer ist eine der unzähligen modernen Odysseen wie Denis Podalydès‘ Comme un avion. Und schliesslich erinnern Tonfall, Skurrilität und die grandiosen Landschaftsbilder auch an Bruno Dumont.

    Aber Guiraudies Film ist in sich höchst originell. Selbst der Titel transportiert diese mythomanische Ironie, welche den ganzen Film durchzieht. Einerseits ist «rester vertical» eine Anweisung an Menschen, in der Gegenwart von Wölfen aufrecht und damit dominant zu bleiben. Zugleich ist das auch eine politische Haltung. Und schliesslich bleibt da auch noch die sexuelle Konnotation, die im Film keineswegs zu kurz kommt.

    Rester vertical ist französisches Kino, ein richtiger Cannes-Film, den man sich an anderen Festivals oder gar in einer normalen Kinoauswertung kaum vorstellen kann. Und gerade darum eine Freude.

    Topics: Film, Filmbesprechung, Filmfestival, Regisseur/in, Schauspieler/in | Kein Kommentar »

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