Cannes 19: IL TRADITORE von Marco Bellocchio

Pierfrancesco Favino als Tommaso Buscetta © Ad Vitam

Mit einem grossen (nutzlosen) Versöhnungsfest zwischen den verfeindeten Mafia-Familien von Tommaso Buscetta und den Corleones zu Beginn der 1980er Jahre setzt Marco Bellocchios Film ein.

Die Tanzszenen im grossen Saal erinnern an die entsprechende Szene aus Viscontis Il gattopardo.

Die verfeindeten Familien am Friedensfest © Ad Vitam

Ganz am Ende des Film folgt dann eine Einstellung, die den alten, müden Buscetta zusammengesunken auf einem Stuhl auf dem Dach seines Hauses in den USA zeigt: Ein Echo auf Coppolas The Godfather 3, in dem Don Michael Corleone (Al Pacino) in seinem Garten tot vom Stuhl rutscht.

Marco Bellocchio weiss, dass er der Filmgeschichte nicht ausweichen kann mit seinem Film über die Mafia-Prozesse der 80er Jahre, über den Kampf von Giovanni Falcone gegen die Cosa Nostra. Darum wohl solche Verweise. Und darum auch die Entscheidung, im Zentrum des Films jenen traditore (Verräter) zu behalten, der als erster die Omertà, das grosse Schweigen gebrochen hatte.

Pierfrancisco Favino spielt diesen Tommaso «Masino» Buscetta mit massiger Körperlichkeit und souveräner Eleganz. Buscetta, der mit seinem Reichtum aus dem Heroin-Handel Italien verlassen hatte und mit seiner dritten Frau in Brasilien lebte, hatte den Clan-Krieg angeblich nie gebilligt, jenen Krieg, den Toto Riina provozierte, als der Zigarettenschmuggel den lukrativeren Drogenhandel ablöste und die Corleones auch nicht mehr davor zurückschreckten, Frauen und gar Kinder der gegnerischen Familie umzubringen.

Marco Bellocchio zeigt das in einer langen «Mordsequenz», die ebenfalls wieder an Coppolas Godfather 3 erinnert. Allerdings lässt er am linken unteren Bildrand einen Zähler mitlaufen, der sehr schnell hunderte von Ermordeten registriert.

Die Konstellation des Films ist angemessen komplex. Antagonisten sind zunächst die Clans. Dann aber kommt die Staatsgewalt dazu. In Brasilien wird Buscetta mit Militärunterstützung verhaftet und gefoltert. In einer besonders erschreckenden Szene sitzt er halb nackt in einem Militärhelikopter, während seine Frau unter einem parallel fliegenden Helikopter hängt, festgehalten nur an den Armen.

Bei vielen Szenen ist nicht ganz klar, wie subjektiv sie sind. Bellochio arbeitet mit Flashbacks, Erinnerungen Buscettas werden als Rückblenden gezeigt.

Fausto Russo Alesi als Richter Giovanni Falcone,
Pierfrancesco Favino als Tommaso Buscetta © Ad Vitam

Mit der Auslieferung Buscettas an Italien kommt dann Giovanni Falcone ins Spiel, jener unerschrockene und durchsetzungsstarke Richter, welcher der Mafia den Krieg erklärt hatte. Ihm gelingt es, Buscetta zu seinem Kronzeugen zu machen.

Der grosse Prozess ist ein Kernstück dieses Films, mit Buscetta im Zentrum und all seinen aufgebrachten Gegenspielern in «Affenkäfigen» an der hinteren Wand des Gerichtssaals, während vom Balkon herunter der mafiafreundliche Teil des Volkes seine Verwünschungen brüllt.

Pierfrancesco Favino als Tommaso Buscetta am Prozess © Ad Vitam

Zwei Stunden und 25 Minuten dauert Bellocchios Film, um etwas über zehn Jahre (und viele Rückblenden) abzudecken. Mit der Ermordung Falcones am 23. Mai 1992 ist das alles noch nicht ausgestanden.

Vieles ist sorgfältig rekonstruiert nach Originalfotos oder Filmaufnahmen. Etwa eine Gesangseinlage des alten Buscetta an einem Familienfest. Anderes bekommt ein überraschendes Genre-Echo aus jüngerer Zeit. Am stärksten vielleicht jene Bilder, die den nach dem Prozess unter Zeugenschutz in den USA lebenden Masino beim Einkaufen in einem Supermarkt zeigen. Nach diversen Grosspackungen aus den Gestellen lässt er sich an der Waffentheke noch ein halbautomatisches Gewehr einpacken. Eine Sequenz, welche direkt aus der norwegischen Netflix-Serie Lilyhammer stammen könnte.

Steven Van Zandt in der Rolle des New Yorker Gangsters Frank Tagliano in der Serie ‚Lilyhammer‘

Il traditore passt bestens zwischen die Tradition der semifiktionalen Mafia-Filme und den neuen italienischen Vergangenheits- und Gegenwartsaufarbeitungen. Und dass Marco Bellocchio mit einer weiteren kurzen Traum- oder Erinnerungssequenz am Ende dafür sorgt, dass man unwillkürlich die moralische Position Buscettas noch einmal überdenken muss, ist ziemlich raffiniert.

 

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