Cannes 19: SIBYL von Justine Triet

Sibyl (Virginie Efira © MK2 Films

«Ich falle auseinander. Ich bin in gar keiner Realität mehr», heult Sibyl im letzten Drittel des Films. Bei Dreharbeiten auf Stromboli ist ihr alles aus dem Ruder gelaufen. Dabei hätte sie doch eigentlich die Kontrolle.

Sibyl ist nicht die Regisseurin des Films, der auf Stromboli gedreht wird. Das ist Mika, gespielt von Sandra Hüller. Sibyl ist bloss an den Drehort gekommen, weil sie ihre Patientin Margot (Adèle Exarchopoulos) psychiatrisch betreuen muss.

Adèle Exarchopoulos als Margot © MK2 Films

Margot hat die weibliche Hauptrolle in Mikas, Film. Sie verdankt sie dem Freund der Regisseurin, Igor (Gaspard Ulliel), der die männliche Hauptrolle spielt. Sie verdankt ihm auch, dass sie schwanger war. Da sie nach langem Zögern und gegen Igors Willen einen Abort gemacht hat, um ihre erste grosse Filmrolle nicht zu gefährden, ist Margot nun am Rande des Zusammenbruchs.

Aber ob das alles real ist, und falls ja, in welcher filmischen Realitätsebene angesiedelt, das ist nie ganz genau auszumachen. Denn Sibyl schreibt. Sie hat bis auf einige wenige die Patienten ihrer psychiatrischen Praxis weitergereicht, um mehr Zeit für ihre eigentliche Leidenschaft zu haben.

Gabriel (Niels Schneider) und Sibyl (Virginie Efira) © MK2 Films

Allerdings kommt ihr die ziemlich aufgelöste Margot mit ihrem Schwangerschaftsdilemma gerade recht. Sie zeichnet heimlich die Gespräche auf und macht aus Margot eine Romanfigur. Die vermischt sich bald mit einer anderen Version von Sibyl, der Alkoholikerin, der unglücklich Verliebten, der Schwangeren.

Justine Triet spielt den alten Filmtrick mit der szenisch umgesetzten Autorenimagination auf einem Level durch, der fast alles bisher versuchte in den Schatten spielt. Denn hier sind es nicht mehr einfach die Figuren, welche der Autorin entgleiten, sondern sie ist es selber.

Virginie Efira, Sandra Hüller © MK2 Films

Dass der Film mit der oft in harmloseren Rollen verbratenen, hier sichtlich furchtlosen Virginie Efira ein Zentrum hat, auf das Triet bauen kann, ist ein Glücksfall. Es gibt kaum Szenen, die nicht die ihren wären.

Eben so schön ist aber, dass die Frau, die sich hier multipel auflöst und selber sucht, im Leben der meisten Menschen und mehr noch der meisten Frauen keine Unbekannte ist. Professionell zu sein, zurückhaltend, entscheidungsstark als Psychiaterin, leidenschaftlich, hingebungsvoll, verloren in der Liebe – und dann auch noch ganz praktisch und zuverlässig im Alltag mit Mann und Kindern: Die unvereinbaren Rollen gehören zu unserer Existenz.

Justine Triet spielt das drastisch durch, aber auch urkomisch bisweilen. Wenn die Sibyls Schwester in einer Szene Sibyls kleiner Tochter beibringt, wie man die Schuldgefühle der Mutter und das berufliche Ethos der Psychiaterin auf einmal triggern kann, ist das unwiderstehlich lustig.

Sandra Hüller als Filmemacherin Mika © MK2 Films

Eben so Sandra Hüllers selbstloser Einsatz als rabiat zielgerichtete deutsche Filmemacherin, die dem Projekt alles unterordnet, selbst ihre eigene Verletztheit.

Ähnlich wie Céline Sciamma mit Portrait de la jeune fille en feu, hat auch Justine Triet ihr Drehbuch bis ins kleinste Detail durchkonstruiert. Dabei geht ihr allerdings die Leichtigkeit ab, die Fröhlichkeit und die liebevolle Melancholie, welche Sciammas Film zu einem absoluten Solitaire macht.

Das hat natürlich mit dem Sujet zu tun, mit der filmischen Anlage, mit der Gegenwärtigkeit von Sibyl. Beindruckend und clever, tragisch und bisweilen komisch ist Triets Wettbewerbsbeitrag aber auf jeden Fall. Und in Frankreich auch ab heute schon im Kino.

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