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    SFT10: Der Ruf vom Berg der Wahrheit

    Von Michael Sennhauser | 23. Januar 2010 - 00:01

    Marcel Hoehn, Thierry Spicher, Alberto Chollet, Adrian Marthaler (v.l.)

    Marcel Hoehn, Thierry Spicher, Alberto Chollet, Adrian Marthaler (v.l.)

    Heute durften wir im Solothurner Stadttheater einer Veranstaltung beiwohnen, die zunächst bloss leicht skurrile Züge aufwies, gegen ihr Ende aber vollständig in die Groteske abrutschte. Vier Branchenvertreter und ein Kommunikationsguru versuchten, die interessierten Teile der Medien und der Filmbranche über die Resultate eines Workshops zu informieren, welcher im August letzten Jahres auf dem traditionell bewusstseinserweiternden Monte Verità im Tessin durchgeführt worden war – auf Einladung der SRG SSR idée suisse. Die Frage, welche rund 50 eingeladene Branchenvertreterinnen und Branchenvertreter angehen sollten, war so einfach wie komplex: „Was müssen wir gemeinsam tun, um dem Schweizer Film eine erfolgreiche Zukunft zu geben?“ – Déjà vue? Genau: 1992 1994 (hey, ich bin jünger als ich mich fühlte letzte Woche!) rief die damalige Chefin der Sektion Film im Bundesamt für Kultur, Yvonne Lenzlinger, die Branche nach Locarno, zu den „Assisen des Schweizer Films“. Unter der Leitung von Lenzlingers baldigem Nachfolger im Amt, Marc Wehrlin, stellte sich die Filmbranche mehr oder weniger basisdemokratisch die Frage: „Was müssen wir … ?“

    An den damaligen Assisen wurden die ersten Weichen gestellt für die Reformen in der Filmförderung, welche Marc Wehrlin dann über rund zehn Jahre hinweg umsetzte, zum Beispiel die Idee einer erfolgsabhängigen Filmförderung. Die Unterschiede zwischen damals und heute sind allerdings klar dem Zeitgeist zu verdanken. Damals pilgerte sozusagen (nicht wirklich, aber gefühlt) die ganze Branche nach Locarno, man machte eine jener Vollversammlungen, wie sie noch dem Anti-Packeis-Geist der 80er Jahre entstammten. (Der Bericht von den 94er Assisen findet sich im Cinébulletin 226-227 vom August 1994)

    Auch die aktuelle Variante 2009 wurde zeitgemäss aufgezogen. Eingeladen wurden gezielt ausgewählte Branchenvertreterinnen und -Vertreter (und alle, welche nicht eingeladen waren, fragten sich, was denn wohl die Einladungskriterien gewesen seien). Und dann wurde unter der Leitung eines dafür angeheuerten Kommunikationsorganisators wie in Wirtschaft- und Industriebetrieben ein intensiver Findungsprozess in Gang gesetzt. Die auf dem Monte Verità Versammelten erarbeiteten einen „Massnahmen-Katalog von konkreten Empfehlungen für einen erfolgreichen Schweizer Film“. Dagegen ist nichts Grundsätzliche einzuwenden.

    Als dann allerdings heute in Solothurn der hip im schwarzen Leisure-Suit und Angora-Rollkragenpulli sauber zwischen Bill Gates und Steve Jobs gestylte Kommunikationsprofi schier endlos die Methodologie der Erkenntnisfindungsprozesse auf dem Berg der Wahrheit erläuterte, das drahtlose Mikrofon an der Backe und mit sparsamen Gesten und sauberen Power-Point-Folien wie an einer Apple-Keynote sozusagen „one more thing“ ankündigend, wurde mir schon ein wenig flau. Der Mann brauchte für die Präliminarien mehr Zeit, als die vier designierten Sprecher danach für die konkrete Information noch zur Verfügung hatten. Und warum? Weil er nicht nur erläuterte und einleitete, sondern ganz schamlos die Methodologie seiner Firma pitchte. Assisen mit McKinsey, sozusagen.

    Thierry Spicher, Alberto Chollet, Adrian Marthaler, Marcel Hoehn (v.l.)

    Thierry Spicher, Alberto Chollet, Adrian Marthaler, Marcel Hoehn (v.l.)

    Schliesslich kamen die vier fast schon eingeschlafenen Sprecher doch noch an die Reihe und sie stellten die konkreten Kern-Arbeitsgruppen vor, welche sich nun in den nächsten Monaten um die konkrete Weiterentwicklung der konkreten Massnahmen und Fragestellung kümmern werden – bis im August 2010 die Endauswertung der ganzen Übung über die Bühne gehen wird. Was da diskutiert wurde und wird, hat, so weit das in der leicht surrealen Atmosphäre noch zu erfassen war, durchaus Hand und Fuss. Es sind die bekannten Probleme, die Forderung nach mehr Gemeinsamkeit und weniger Partikularinteressenvertretung, nach einer stärkeren gemeinsamen Lobby-Organisation. Es gibt schon eine, sie nennt sich Cinésuisse, aber ein konkreter (Lenkungs-?) Ausschuss (oder war das eine Steuerungsgruppe?), also ein Ableger der Arbeitsgruppen vom Berg der Wahrheit soll künftig die Kommunikation mit Cinésuisse aufrecht erhalten. Oder so ähnlich. Ich habe leicht spotten, leider. Denn was die vier Herren da vorne vorstellten war keineswegs blöd oder auch nur banal. Neu war allerdings auch nichts davon, einfach darum, weil die vielfältigen Probleme der Filmbranche alle nicht neu sind (fast alle. Neue wie den digitalen Rollout in den Kinos gibt es nämlich auch). Aber nach der unternehmensberatungsprächtigen Einleitung vom Herrn im Rollkragenpulli hatten viele im Saal schon den automatischen Bullshit-Detektor auf Alarmstufe rot gestellt. Und als dann am Ende die konkreten Fragen aus dem Publikum kamen, öffnete sich die Kontrast-Schere vollends. Eine der ersten und noch durchaus interessanten Fragen stellte Produzent und Filmemacher Werner Schweizer. Er hätte gerne gewusst, ob man nicht einen konkreten Katalog aller in den letzten Jahren begangenen Fehler hätte erstellen können. Worauf Produzentenkollege Marcel Hoehn, ebenfalls sehr nachvollziehbar, erklärte, wenn man das hätte können, hätte man ja vielleicht auch die Fehler gar nicht gemacht. Das wurde dann wiederum vom Rollkragen weichgespült, indem der versicherte, beim ersten Sammeln von Kernaussagen im August 2009 seien viele Fehler genannt worden, aber die hätte man ja nur als Ausgangsbasis für positive Massnahmenvorschläge gebraucht. Fair enough, it’s all in the cloud. Or so they say. Und dann kam alles wieder auf dem Boden der real existierenden Branchengletscherspalten an, als Vertreter und Vertreterinnen der Filmschulen darauf hinwiesen, dass sie nicht vertreten gewesen seien in den Arbeitsgruppen, dass sie sich und ihre Arbeit dafür aber konkret angegriffen fühlten, und dass viel zu wenig Frauen an der ganzen Findung beteiligt gewesen seien. Was möglicherweise alles ganz konkret zutrifft, letztlich aber wieder die Kurve zurück zur Vollversammlungsstimmung der seinerzeitigen Assisen von Locarno machte – und in mir die endgültige und ganz konkrete Lust auf Kaffee und Kuchen weckte, die ich dann umgehend und in gleichgestimmter Begleitung befriedigt habe.

    Das Publikum. (stehend: Werner 'Swiss' Schweizer)

    Das Publikum. (stehend: Werner 'Swiss' Schweizer)

    Topics: CH Film, Film, Filmfestival, Filmpolitik | 8 Kommentare »

    8 Comments

    1. Hört sich nach viel verschwendetem Geld an, das besser in konkrete Filme investiert worden wäre. Der Schweizer Film analysiert sich zu Tode. Mundeten wenigstens Kaffee und Kuchen?

      Kommentar by Thomas — 23. Januar 2010 @ 09:19

    2. @Thomas Ja, Kaffee und Zwetschgenkuchen und das gemeinsame Lästern über die verschwendete Zeit haben heftig entschädigt :)

      Kommentar by Michael Sennhauser — 23. Januar 2010 @ 11:26

    3. Das sieht nicht besonders gut aus. Seit unserer 400asa Show ist der Schweizer Film nicht annähernd weiter gekommen ( siehe http://www.400asa.ch/hoerspiel/archiv/400asa-show/index.php ). Der Schweizer Film ist die Hölle und solange es diese Kommissionen gibt und nicht das holländisch/dänische System eingeführt wird, kann sich nichts ändern. Niemand und alle tragen die Verantwortung, ein unlösbares Paradox. Man müsste nur etwas ändern: Die Filmkommisission beim BAK könnte den Filmchef beraten, er hätte aber die Entscheidungsgewalt. Alle drei Jahre wählt ihn die Kommission neu oder ab. Wenn er kein Erfolg hat mit seinen Alleingängen, zurecht. Wenn er sich gegen die Kommission gewandt hätte, dabei aber Erfolge produziert hätte, würde er bleiben. So einfache Lösungen wären jetzt nötig, nicht Scheindiskussionen a la Mc Kinsey. Die Berner und Zürcher Kommissionen sollten sich zur zweiten Macht neben dem BAK aufbauen mit dem gleichen System. So hätten die Filmemacher zwei Intendanten ( wie in Dänemark ), die söllig unabhängig voneinander Filme möglich machen könnten.

      Kommentar by kammacher — 25. Januar 2010 @ 08:57

    4. Fragt sich eigentlich ein Land wie – nehmen wir – Äthiopien auch, warum es keine relevanten Filme (?) zustande bringt? Was ist das Problem, wenn die Schweiz keinen Hochspringer mehr hat, der 2 Meter 25 schafft? Okay, für die Hochsprung-Kenner und national Versierten halt. Und bei der Kunst nützt am Ende – ach gott – nicht einmal Training, Studium, Wissenschaft, M. Goldberg. Das beste wird sein, auszuwandern und weit weg zu sein – wieso nicht Äthiopien. Brüche, Abbrüche, tschüss Schweizer Film!, hau mal endlich ab, vielleicht kommst du dann wieder.

      Kommentar by Stefan Peter — 30. Januar 2010 @ 04:05

    5. @Stefan Peter Kein Land fragt sich. Es sind immer Menschen, allenfalls Medien, welche nach Aspekten fragen. Und abgehauen sind schon viele vom Schweizer Film, nach Frankreich, Deutschland, Kanada. Die kommen dann tatsächlich manchmal zurück, manchmal mit sehenswerten Filmen, wie Léa Pool oder Peter Mettler, manchmal mit Tatort-Krimis oder sonstiger Industrieware. Dass bei der Kunst das Studium nichts nütze ist allerdings eine Behauptung, die sich in die gleiche Umgebung begibt wie die Frage nach dem Nutzen der Kunst.

      Kommentar by Michael Sennhauser — 30. Januar 2010 @ 11:25

    6. Es fehlt oft an guten Drehbüchern, aber wer will schon im stillen Kämmerlein Monate lang über Dialoge brüten, wenn man z.B. als Regisseur, Produzent oder Kamermann eher was vom Glanz und Gloria der Filmwelt abbekommt.

      Kommentar by Roger — 31. Januar 2010 @ 23:05

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