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    Locarno 10: BAS-FONDS von Isild Le Besco

    Von Michael Sennhauser | 10. August 2010 - 17:40

    Bas fonds von Isild Le Besco

    Dass es eine Schauspielerin vom Kaliber von Isild Le Besco fertig bringt, eine potentiell tragische, extreme Geschichte mit Nicht-Schauspielerinnen zu besetzen, ist ja schon paradox. Fast würde man da an Berufsneid denken, an ein unbewusstes Bedürfnis, sich als Schauspielerin nicht die Butter vom Brot nehmen zu lassen. Bas-Fonds ist eine jener erschreckenden Geschichten, die zu rekonstruieren versuchen, wie Menschen zu Unmenschen werden, wie sich gruppendynamische Prozesse in einer Abwärstspirale verhöllisieren. Drei junge Frauen brüllen sich in einer völlig verwahrlosten Wohnung an, zwei Schwestern und ein Mädchen, das sich offenbar vor längerer Zeit in die ältere der Schwestern verliebt hatte. Der Film setzt allerdings zu einem Zeitpunkt ein, als das schon alles Bas-Fonds erreicht hat.

    Magalie dominiert die zwei Jüngeren, terrorisiert sie, spielt sie gegeneinander aus, und erschiesst bei einem betrunkenen Versuch, eine Bäckerei auszurauben, aus Versehen den jungen Bäcker. Das ist der Anfang vom Ende, der Rest des Film rekonstruiert vom Untersuchungsgefängnis und dem Prozess her die Vorgeschichte. Das hätte spannend und erschütternd sein können, eine extreme Frauengeschichte in der Tradition von Natural Born Killers oder Baise-moi.

    Tragisch ist an diesem Film allerdings vor allem die Inszenierung und erschütternd das vollkommene Untalent der drei Darstellerinnen. Wenn die junge Frau, welche Magali verkörpert, herum brüllt und tobt, dann tobt da eine Laiendarstellerin im Schultheater. Verstärkt wird dieser Eindruck durch die relativ professionelle Bildgestaltung.

    Bas-Fonds ist einer der schlechtesten Filme die ich je in Locarno gesehen habe, selbst dann noch, wenn die sozusagen entfremdete Schauspieltechnik ein Kunstgriff sein sollte, der Distanz zu schaffen hätte. Es bereitet körperliche Übelkeit, den drei Frauen beim angestrengten Leiden und Leiden lassen zuzusehen, aber nicht im reflexiven Sinn, schon gar nicht kathartisch oder gar dramatisch, sondern ganz einfach, weil man sich peinlich berührt zusammenkrümmt.

    Isild le Besco hat sich als Schauspielerin einen Namen gemacht, sie trägt ebenfalls als Schauspielerin den diesjährigen Eröffnungsfilm auf der Piazza Grande von Locarno, den an Bas-Fonds anklingenden Au fond des bois, und sie gleichzeitig als Jungregisseurin am Festival zu haben bedeutet durchaus einen kleinen Coup für Festivaldirektor Olivier Père. Allerdings hat er weder seinem Wettbewerb noch der Jungfilmerin einen Gefallen getan, indem er diesen Film innerhalb der Konkurrenz laufen liess. Ganz einfach, weil man sich nur schwer vorstellen kann, dass dieses hölzerne Filmchen eine Chance gehabt hätte ohne die illustre Schauspielerin als Regie-Zugpferd.

    Isild Le Besco

    Topics: Allgemein, Film, Filmbesprechung, Filmfestival | 4 Kommentare »

    4 Comments

    1. Hm, ist natürlich immer alles möglich. Aber Le Besco hat bisher zwei wirklich extrem starke Filme gedreht (als Regisseurin) – kann ich gar nicht glauben, dass der so völlig missraten sein soll.

      Kommentar by Ekkehard Knörer — 10. August 2010 @ 20:46

    2. @Ekkehard: es besteht ja immer noch die Hoffnung, dass mir da etwas ganz wesentliches einfach entgangen ist. Wäre doch toll, wenn dem so wäre. ich täusche mich ja grundsätzlich lieber so als umgekehrt ;)

      Kommentar by Michael Sennhauser — 10. August 2010 @ 23:42

    3. Lukas sieht das ja nun in der Tat ganz anders: http://www.cargo-film.de/artikel/vom-festival-locarno-teil-4/

      Ich poste das nicht aus Rechthaberei oder Cargo-Eigenwerbung, sondern weil mir Le Besco nach „Demi-Tarif“ und „Charly“ – beides Filme, die für mich zu den schönsten des jeweiligen Entstehungsjahrs gehören – als wirkliche Meisterin in etwas sehr Seltenem scheint: nämlich der völlig unerschrockenen, sich bei totaler Solidarität mit den Figuren zugleich jeden Urteils enthaltenden, wenn es sein muss sehr ungefälligen Darstellung von Delinquenz. So wie Lukas den Film beschreibt, ist er eine sehr konsequente Fortsetzung und Fortentwicklung dieses Projekts. Ich würde viel dafür geben, ihn zu sehen.

      Kommentar by Ekkehard Knörer — 12. August 2010 @ 10:21

    4. @Ekkehard: Ich kann Lukas‘ Überlegungen fast völlig nachvollziehen. Bis zu dem Haken, den er schlägt im Hinblick auf die Laiendarstellerinnen. Denn für mich ist eben genau darum der entscheidende Funken nicht übergesprungen, weil die Darstellerinnen von Isild le besco „nicht instrumentalisiert“ werden, wie Lukas schreibt. Das mag ja ein prinzipiell interessanter Ansatz sein, aber er ist auch absurd. Beim Akt des Filmens für ein Publikum wird grundsätzlich instrumentalisiert, sogar beim Dokfilm. Nun haben wir mit dieser Version von Bas-Fonds ein gut gefilmtes, raffiniert und funktional aufgebautes Storyboard, um das zugespitzt zu sagen. Aber nicht den fertigen Film. Denn die Schere zwischen dem ausstatterisch angestrebten Realismus und dem „Spiel“ von Valérie Nataf (das keines ist, sondern eine Art Ausdruckstanz) zerstört nicht eine Illusion, sondern den Weg von mir zum Film. Ich bleibe dabei: Mit Schauspielerinnen hätte das Konzept überwältigend aufgehen können. In der bestehenden Form empfinde ich es als vergewaltigend.

      Kommentar by Michael Sennhauser — 12. August 2010 @ 12:38

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