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    Cannes 13: LA VIE D’ADÈLE – CHAPITRE 1 & 2 von Abdellatif Kechiche

    Von Michael Sennhauser | 23. Mai 2013 - 14:43

    Adèle Exarchopoulos, Léa Seydoux

    Adèle Exarchopoulos, Léa Seydoux

    Goldene Palme 2013 für Abdellatif Kechiche

    Ungefilterter, keuchender, klatschender Sex zwischen zwei schönen jungen Frauen, eine Kamera, welche die Körper fast berührt – und keine Spur von Pornographie. Abdellatif Kechiche hat einen Blick, dem wir uns anvertrauen.

    Intimität ist im Kino fast immer eine Behauptung. Da geschieht etwas auf der Leinwand, und wir schauen zu. Damit echte Intimität entsteht, müssen wir uns nicht nur selber dabei vergessen können, sondern auch noch die Perspektive wenigstens einer der Figuren übernehmen, denen wir zuschauen. In La vie d’Adèle ist es das Erleben der zum Filmbeginn 15jährigen Gymnasiastin Adèle, dem wir uns überlassen.

    Wir sehen sie auf den Bus rennen, sitzen mit ihr im Schulzimmer, sehen, wie sie ihre stets irgendwie hochgewuschelten Haare durch die Finger dreht und sind irgendwie fast wieder im gleichen Alter. Abdellatif Kechiche schafft das Wunder, indem er weit über das Dokumentarische hinaus geht beim Filmen.

    Die Szenen sind inszeniert, gespielt, geschrieben, geschnitten – und so real, dass es schmerzt und rührt. Mit wenigen Momentaufnahmen entwirft der Film ein Teenagerleben, das wir wiedererkennen, das uns aber auch überrascht, weil Adèle eben doch jemand anders ist.

    Und Adèle wird ebenfalls überrascht. Noch während sie ihre erste Beziehung mit einem Jungen einfädelt, scheu und unsicher und wild entschlossen, scheint ihr etwas zu fehlen. Beim Sex besonders. Dafür träumt sie in der Nacht von der Frau mit den blau gefärbten Haaren, die sie Arm in Arm mit einer anderen Frau zusammen gesehen hat, und erwacht mit der Hand zwischen den Beinen und Tränen in den Augen.

    Es ist ein langer Weg von der 15jährigen, welche zuerst alle Selbstverständlichkeiten und Vorgaben aufgeben muss, bis zu der wahrscheinlich etwa Zwanzigjährigen, die ihre erste grosse Liebe verloren hat. Kechiche braucht bloss drei Stunden Film dafür, drei Stunden, in denen wir mit Adèle altern, weinen und eine Intimität erleben, die wir kaum für möglich gehalten hätten – im Kino.

    Adèle Exarchopoulos, Léa Seydoux

    Die Schauspielerinnen Adèle Exarchopoulos und Léa Seydoux ergeben sich einander und der Kamera mit Haut und Haaren. Die Sexszenen sind ausgedehnt, heftig, direkt – und unsere eigenen, anders lässt sich das kaum beschreiben. Ich muss mich als Zuschauer willentlich in die Rolle des Zuschauers zurückversetzen, um zu erkennen, wie mir geschieht. Zumindest am Anfang. Später im Film fällt das leichter, wird es mir auch mal zuviel, noch bevor es den Figuren selber zu viel wird.

    La vie d’Adèle lässt sich nur bedingt mit den bisherigen Filmen von Kechiche vergleichen. Zwar hatte auch La graine et le mulet schon diese Direktheit, diese Intimität, die dem banalsten Moment eine lebensweisende Richtung zu geben scheint. Aber diesmal erzählt er nicht mehr Geschichten von Menschen, diesmal erleben wir tatsächlich was Adèle erlebt. Nicht subjektiv, nicht stellvertretend, sondern synchron, mit einem doppelten Bewusstsein: Unserem eigenen und dem von Adèle.

    Diese seltsame Distanz, welche es einem Erwachsenen manchmal so schwer macht, den Gefühlssturm und den Überschwang jüngerer Menschen nicht dauernd durch die eigene Erfahrung zu filtern und zu bremsen, hebt Kechiche auf. Das ist ein Film, den man in seinem Realismus mit jenen der Dardennes vergleichen möchte oder mit Entre les murs, dem Cannes-Sieger von 2008, dieser am Dokumentarfilm geschärften cineastischen Unmittelbarkeit.

    Aber La vie d’Adèle ist noch etwas mehr, etwas Neues, von dem ich nicht sagen kann, ob ich mehr davon möchte, oder ob ich mir das Erlebnis einzigartig erhalten möchte. Adèle Exarchopoulos und Léa Seydoux sind Kandidatinnen für einen geteilten Darstellerinnenpreis. Und eine Cannes-Palme für den ganzen Film würde ich auch nicht ausschliessen.

    Abdellatif Kechiche

    Abdellatif Kechiche

    Topics: Filmbesprechung, Filmfestival, Regisseur/in, Schauspieler/in | 1 Kommentar »

    1 Kommentar

    1. Als häufiger Kinogänger und jemand der schon unzählige Filme gesehen hat muss ich sagen: Noch nie habe ich eine Liebesgeschichte realistischer, offener, ehrlicher, unverfälschter und intimer verfilmt erlebt, als die Beziehung zwischen Emma und Adele in diesem Film.
      Seit ich ihn vor einigen Tagen gesehen habe, geht er mir nicht mehr aus dem Kopf, wühlt mich immer noch auf, beschäftigt mich ständig und rührt mich zu tiefst. – Kein anderes Movie hat mich bisher so tief berührt, wie dieses. Einfach grandios und unvergleichlich!
      Danke an die beiden Protagonistinnen. Mir bleibt unerklärlich, wie es möglich ist, als Schauspielerin in einem Film die ganze Palette an Gefühlen derart realistisch, ehrlich und ungekünstelt offenzulegen.
      Danke an den Regisseur, der mit seiner manchmal unkonventionellen Arbeitsweise den Darstellern den notwendigen Raum und die Zeit gab, um diesen Film zu einem grandiosen Meisterwerk werden zu lassen.

      Kommentar by frabu — 25. März 2014 @ 11:00

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