Berlinale 14: JACK von Edward Berger

Ivo Pietzcker, Georg Arms © Jens Harant
Ivo Pietzcker, Georg Arms © Jens Harant

Schon während den ersten Einstellungen dieses Films ist mir ein anderer Film eingefallen: Sister (L’enfant d’en haut) der Schweizerin Ursula Meier: ein Kind, das die Verantwortung über einen Haushalt übernimmt, eine junge Mutter, die überfordert ist. Die titelgebende Figur Jack ist ein 10jähriger Junge, der nicht nur den Haushalt fast alleine führt, sondern sich auch noch um seinen kleinen Bruder Manuel kümmert. Seine Mutter ist sehr jung, sehr unbeschwert und vor allem: sehr sehr verantwortungslos.

Ivo Pietzcker © Jens Harant
Ivo Pietzcker © Jens Harant

Als sie plötzlich ohne Nachricht verschwindet, holt Jack seinen Bruder beim Babysitter ab und macht sich auf die Suche nach der Mutter. Sie streunen durch Westberlin, treffen immer wieder auf Menschen, die das Schicksal der beiden Jungen seltsam kalt lässt, und verwahrlosen langsam.

Ivo Pietzcker, Luise Heyer © Jens Harant
Ivo Pietzcker, Luise Heyer © Jens Harant

Und hier hat mich der Film dann – schmerzlich – noch an ein anderes Werk erinnert: an Hirokazu Kore-edas Meisterwerk Nobody Knows. Regisseur Edward Berger lässt – wie Kore-eda – den Fokus ganz auf den Kindern, der Film ist komplett aus der Perspektive von Jack erzählt.

Ivo Pietzcker, Atheer Adel © Jens Harant
Ivo Pietzcker, Atheer Adel © Jens Harant

Und die Kinder sind grossartig, vor allem Ivo Piezcker als Jack: Er spielt mit grosser Glaubwürdigkeit und Intensität diesen Jungen, der hin- und her gerissen ist zwischen der Last der Verantwortung, der unbändigen Wut in sich, und der Liebe zu seiner Mutter.

Zusammen mit seiner Frau Nele Mueller-Stöfen hat Berger die Geschichte geschrieben. Der 43jährige Deutsche hat vor 14 Jahren den letzten Kinofilm gedreht: Frau2 sucht Happyend. Seither hat er Filme und Serien für das Fernsehen gedreht.

Ivo Pietzcker 2 © Jens Harant
Ivo Pietzcker 2 © Jens Harant

Die Rückkehr zum Kino ist geglückt. Er habe einen Film machen wollen, der nur aus Haut und Knochen bestehe, ohne Fettpolster dazwischen.

Dass er den Film im bürgelichen Westend Berlins spielen lässt und nicht in irgendwelchen Brennpunkt-Hochhaussiedlungen, ist eine gute Entscheidung. Da fällt es einem noch schwerer, sich zu sagen: „Das geht mich nichts an“. Dieser Haut- und Knochenfilm ist mir gehörig unter die Haut gegangen.

Nur die Musik, die hat mich gestört, die war in meinen Ohren das sprichwörtliche dramatisierende Fettpolster, das es nicht gebraucht hätte.

Edward Berger © Joachim Gern
Edward Berger © Joachim Gern