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    HER von Spike Jonze

    Von Michael Sennhauser | 24. März 2014 - 17:54

    Joaquin Phoenix, Amy Adams © Ascot-Elite

    Joaquin Phoenix, Amy Adams © Ascot-Elite

    Ein einsamer Mann verliebt sich in sein neues Computerbetriebssystem. Das ist nachvollziehbar, schliesslich sind wir im Kino, und der Computer spricht mit der Stimme von Scarlett Johansson. Aber Her von Spike Jonze lässt keinen Zweifel zu: Zentrale erogene Zone des Menschen ist das Gehirn.

    Er hat 2009 Maurice Sendaks „Wilde Kerle“ zu grandiosem Leinwandleben erweckt und er hat uns 1999 mit Being John Malkovich direkt in den Kopf des Schauspielers geführt. Spike Jonze macht „High Concept Movies“ für Gehirnakrobaten.

    Hollywoods High Concept-Filme sind spektakuläre Versprechen wie Snakes on a Plane (2006, Schlangen im Flugzeug) oder Jurassic Park (Wissenschaftler klonen Dinosaurier) deren Schlüsselreiz in einem einzigen Satz zu vermitteln ist und bei denen das Publikum vor allem gespannt ist, wie glaubwürdig ihm die irre Prämisse verkauft werden wird, beziehungsweise, mit welchem Illusions-Spektakel die logischen Löcher in der Geschichte gestopft werden können.

    Joaquin Phoenix © Ascot-Elite

    Joaquin Phoenix © Ascot-Elite

    Spike Jonze nutzt das gleiche Konzept minus das Spektakel und minus die logischen Löcher. Der kleine Junge Jack findet ganz einfach die Insel mit den Wilden Kerlen, wir steigen ohne viel Federlesens in den Kopf von John Malkovich, und in Her verliebt sich der von Joaquin Phoenix gespielte Berufsbriefschreiber Theodore in sein Computerbetriebssystem Samantha.

    Jonze interessiert sich dabei allenfalls am Rand dafür, wie das gehen soll, und was die Voraussetzungen dafür sein müssten. Wichtig ist viel mehr, was bei den Vorgängen passiert. Wie sie sich in unsere Welt einfügen.

    Amy Adams, Joaquin Phoenix © Ascot-Elite

    Amy Adams, Joaquin Phoenix © Ascot-Elite

    Theodores urbane Welt wird kurz eingeführt, der Mann schreibt gefühlsbetonte Briefe für seine Kunden bei einem online-Service. Wenn es sein muss, übernimmt er auch den ganzen Briefwechsel zwischen zwei Menschen – also seine Briefe ans sie und ihre an ihn. Das heisst, er ist geübt darin, sich andere Leben auszumalen. Seine eigene Ehe ist gescheitert; Theodore leidet und trauert.

    Und da passiert ihm Samantha, das neue Betriebssystem, das er sich auf PC und Smartphone installiert. Es spricht, wie Apples real existierende „Siri“ und es ist dafür geschaffen, auf seine Bedürfnisse einzugehen, ihm zuzuhören und auf seine Wünsche zu reagieren.

    Joaquin Phoenix, Rooney Mara © Ascot-Elite

    Joaquin Phoenix, Rooney Mara © Ascot-Elite

    Darüber hinaus aber hat Samantha eine sich entwickelnde Persönlichkeit, einen ganz eigenen Humor und eine gutgelaunte Neugier auf alles was Theodore ihr an neuen Erfahrungen und Erkenntnissen bieten kann, dass es wohl nicht einmal die Stimme von Scarlett Johansson brauchen würde, um Theodores zunehmende Zuneigung glaubwürdig zu machen.

    Eine ganze Weile spielt Jonze mit dieser Prämisse, malt den Alltag von Theodore mit Samantha, zeichnet die zunehmende Verliebtheit der beiden bis hin zum ersten (Telefon-) Sex. Er spielt die potentiellen gesellschaftlichen Konflikte durch, die Reaktion der Ex-Frau auf die Erkenntnis, dass Theodores „Neue“ rein virtuell ist, und Theodores eigenen Konflikt mit diesem Aspekt.

    Joaquin Phoenix, Olivia Wilde © Ascot-Elite

    Joaquin Phoenix, Olivia Wilde © Ascot-Elite

    Aber dann schlägt Spike Jonze‘ eigentliches Genie durch und der Romantiker hinter der sanften Science Fiction, und die Geschichte wird zum alltäglichen, einzigartigen, wunderbaren und zugleich traurigen Beziehungs-Mobile.

    Das wahre Problem von Samantha und Theodore ist nicht seine physische und ihre virtuelle Präsenz , sondern ihr unendlich viel grösseres Entwicklungspotential, ihre nie verebbende Neugier, ihr exponential wachsendes Wissen, ihre Fähigkeit, überall und nirgends gleichzeitig zu sein und letztlich tausende von Existenzen gleichzeitig zu leben.

    Schliesslich sieht Theodore in ihr nicht mehr seine eigene Liebenswürdigkeit gespiegelt, seine Wünsche erhört und sein Potential erkannt, sondern ganz im Gegenteil seine Limitiertheit, seine Grenzen, seine menschliche Beschränktheit.

    Joaquin Phoenix © Ascot-Elite

    Joaquin Phoenix © Ascot-Elite

    Und damit ist die Beziehung von Theodore und Samantha nicht mehr High-Concept Mensch-Computer sondern letztlich Mensch-Mensch in extremis. Das macht „Her“ zu einem wirklichen Erlebnis, zu einem aussergewöhnlich romantisch-melancholischen Film und zu einem Liebes-Spiel wie es sie im Kino nur selten gibt.

    Das letzte vergleichbare Beispiel war wohl Michel Gondrys Eternal Sunshine of the Spotless Mind, jene hinreissende Geschichte um das Paar, das seinen Liebesschmerz zu bewältigen suchte, indem es die gegenseitigen Erinnerungen löschte. Gondrys Ko-Autor war damals vor ziemlich genau zehn Jahren Charlie Kaufman, der Drehbuchautor von Spike Jonze’s Being John Malkovich.

    Und auch Michel Gondry wirkt irgendwie präsent in Her, vor allem in der Anmutung der liebevoll retrofuturistischen Ausstattung und dem grossartig rotbetonten Farbkonzept: Her ist nicht nur ein grossartiger „Overload“ für Kopf und Herz, sondern auch ein Augen- und Ohrenschmaus.

    Topics: Film, Filmbesprechung, Regisseur/in, Schauspieler/in | 3 Kommentare »

    3 Comments

    1. Zwar finde ich die Anordnung dieser Geschichte durchaus reizvoll und auch anrührend, vor allem anrührend gespielt. Aber formal eher einfallslos, kein Vergleich mit „Being John Malkovich“ oder „Spotless Mind“, in welchen sich die erzählerische Innovation auch stilistisch niedergeschlagen hat.

      Kommentar by Barbara Flückiger — 28. März 2014 @ 20:06

    2. @Barbara Ich glaube, die formal simple filmische Weise tut der Geschichte gut. Schliesslich ist die „virtuelle Liebe“ ohnehin eher ein McGuffin. Ersetzt man Samantha mit einer realen Frau, hat man einen ganz einfachen Film über die Schwierigkeiten, in eine Beziehung gleich schnell zu wachsen, eine Art Liebesnovelle.

      Kommentar by Michael Sennhauser — 29. März 2014 @ 15:42

    3. Liebevoll – das ist das erste, was mir zu diesem Film einfällt. Wer immer diesen Film ausgestattet hat, er hat sich mal so richtig Mühe gegeben. So schöne Hosen, mit dem Bund eine deutliche Handspanne höher als alles, womit man sich heutzutage auf die Straße traut! Dreidimensionale Computerspiele, in den man Track-and-Field-like einen Sisyphus auf Schneegipfel hinauftreibt! Die ganze Kulisse von Shanghai im Hintergrund! Da stimmt einmal alles.

      Mehr zum Film unter: http://friendly101.blogspot.de/2014/09/her.html

      Kommentar by Friendly — 19. September 2014 @ 11:36

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