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    Zum Tod von Harun Farocki

    Von Michael Sennhauser | 31. Juli 2014 - 17:43

    Harun Farocki an der 35. Duisburger Filmwoche

    Harun Farocki an der 35. Duisburger Filmwoche

    Der deutsche Essayfilmer, Künstler und Autor Harun Farocki ist gestorben. Er wurde nur gerade 70 Jahre alt. Farocki war Gast an der Dokumenta in Kassel, er stellte an der Art Basel aus, schrieb aber auch Drehbücher für Spielfilme, zum Beispiel für den Grosserfolg Barbara von Christian Petzold.

    Harun Farocki wird fehlen. Neugier und analytisches Talent haben andere auch bewiesen. Aber Harun Farocki vermittelte seine eigene, unnachahmliche Mischung von Faszination und Misstrauen. Wenn er in den letzten Jahren den „Serious Games“ zu Leibe rückte, den Computersimulationen für Armeetraining oder für optimale Ladeneinrichtungen, dann wusste er sein Publikum zu packen mit der nötigen Begeisterung über das technisch Machbare, das Verspielte. Und er vermittelte zugleich das Grauen und die manipulativen Züge dieser Simulationen.

    Farocki setzte sich mit Bildern und ihrer Wirkung auseinander. Für ihn stand schon vor seinem Studium im ersten Jahrgang der Deutschen Film und Fernsehakademie in Berlin fest, dass die Kunst der Inszenierung nicht nur am Theater und im Kino zu finden ist, sondern täglich in der Realität, in den Medien, in der Architektur.

    Kriegsbilder und Propaganda, Wirtschaft und Repräsentation – über allem liegt bei ihm die Faszination und das Misstrauen gegenüber jeglicher Bilderwelt und ihrer jeweiligen Wirkung.

    Harun Farocki hat Filme über Bilder gemacht, Filme über Filme, und Filme über den Einsatz von Bildern. Er hat den Einsatz von Kriegsbildern in den Medien analysiert und herauszufinden versucht, welche Strategien dahinter steckten, von Seiten der Kriegsparteien, aber auch von Seiten der Medien.

    Er hat mit der Dokumentation „Schöpfer der Einkaufswelten“ nachgezeichnet, wie minutiös Ladenplanungen, Kundenführung, Verkaufstrategien und der gezielte Aufbau von Erlebnis-Umgebungen funktionieren. Und nicht nur er war ein Grenzgänger zwischen den Disziplinen, sondern auch seine Arbeiten wanderten. So wurde „Schöpfer der Einkaufswelten“ zu einer Inszenierung am Theater Basel, seine Dokumentarfilme zu „Serious Games“ zu einer ganzen Ausstellungskonzeption und seine filmischen Essays immer wieder auch Teile von Installationen.

    Und wenn Harun Farocki als Drehbuchautor mit Filmemacher Christian Petzold zusammenspannte, entstanden Spielfilme wie „Yella“ und „Barbara“ mit Nina Hoss – Lehr- und Ergründungsstücke um starke Frauenfiguren in unserer eigenen ureigenen Realität. Diese Filmgeschichten haben wenig mit Hollywood zu tun, auch wenn sie die gleiche Dramaturgie anwenden und mindestens so unterhaltsam funktionieren: Ihre Figuren leben in einer Welt, die tatsächlich die unsrige repräsentiert (oder die DDR), eine Welt, die von wirtschaftlichen und politischen, gesellschaftlichen und sozialen Zwängen dominiert wird – und bevölkert von (vor allem) Frauen, denen das eine oder andere Licht aufgeht.

    Harun Farocki wird fehlen, weil niemand diese gnadenlos charmante Mischung von Neugier, Begeisterung und analytischem Scharfsinn auf die gleiche Weise vor sich her tragen kann. Bei jeder Begegnung, die letzten Jahre insbesondere an der Duisburger Filmwoche, war da dieser Mann, neugierig, offen, diskussionsfreudig, freundlich und immer leicht amüsiert und ironisch und doch herzlich.

    Farocki wusste um die Macht der Bilder, und er bestand darauf, dass man selbst der Entlarvung der Macht dieser Bilder in seinen eigenen Arbeiten misstrauen sollte. Schliesslich waren das ja auch wieder auf Wirkung hin hergestellte Inszenierungen. Und dann lachte er wieder.

    Topics: Dokumentarfilm, Film, Film und Kunst, Filmgeschichte, Leute, Regisseur/in | 2 Kommentare »

    2 Comments

    1. Schöner Text, danke, Michael. Nicht nur uns in Duisburg wird er fehlen. Aber wir werden ihn in seinen Arbeiten besuchen können.

      Kommentar by Werner Ruzicka — 31. Juli 2014 @ 18:20

    2. Ein annus horriblis fürwahr: Liechti, Glawogger, Farocki …

      Kommentar by Werner Ruzicka — 31. Juli 2014 @ 18:22

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