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    Cannes 17: THE SQUARE von Ruben Östlund

    Von Michael Sennhauser | 19. Mai 2017 - 22:58

    Elisabeth Moss und Claes Bang in ‚The Square‘ © xenix

    Am Anfang einer Ausstellung, die Christian in seinem renommierten Kunstmuseum kuratiert, muss die Besucherin ihren Weg aufgrund einer Selbsteinschätzung wählen: Ich vertraue Menschen vs. Ich misstraue Menschen.

    Wer den Weg des Vertrauens wählt, wird im ersten Raum schon aufgefordert, Geldbörse und Mobiltelefon am Boden zu deponieren.

    Kunst zuhauf in ‚The Square‘ © xenix

    Dieses soziale Experiment spiegelt im Kern das Prinzip wieder, das dieser Film komisch und böse, ernsthaft und verspielt, satirisch und todernst wieder und wieder durchspielt. Ein wenig uferlos, aber schlüssig und überraschend.

    Ruben Östlund hat mit seinem letzten Cannes-Film Turist (Force majeure) von 2014 schon ein extremes Sozialkonstrukt konsequent abgehandelt. Der Ehemann und Vater, der in Panik vor einer Lawine flüchtet und seine Familie im Stich lässt, bloss um danach kaum mehr mit sich selber und seiner Umwelt ins Reine zu kommen, ist ein Vorläufer des nun von Claes Bang gespielten Christian.

    Claes Bang als Christian, Museumskurator © xenix

    Als Kurator und Spezialist für moderne Kunst, insbesondere Interaktions- und Interventions-Stücke, ist er theoretisch bestens beschlagen. So fällt es ihm zum Beispiel nicht schwer, seinem Publikum das Konzept von «The Square» zu vermitteln. Es handelt sich dabei um ein weiss eingegrenztes Quadrat von vier auf vier Meter auf einem beliebigen öffentlichen Platz.

    «Das Quadrat ist ein Refugium für Vertrauen und Fürsorge. Innerhalb seiner Grenzen teilen wir alle die gleichen Rechte und Pflichten»

    The Royal Palace als Kunstmuseum ‚The Square‘ © xenix

    Dass dieser Satz im Kern den modernen demokratischen Sozialstaat definiert, versteht sich von selber. Und dass die Vorstellung utopisch bleibt, noch viel mehr.

    Nicht nur Christian, aber vor allem er, wird im Verlauf des Films in seinem Alltag immer wieder auf die Probe gestellt, was seine hehren Prinzipien angeht. Als er Zivilcourage zeigt und mit einem anderen Unbekannten zusammen auf einem öffentlich Platz eine schreiende Frau vor ihrem offenbar gewalttätigen Verfolger schützt, stellt er wenig später fest, dass es sich dabei um ein raffiniertes Spiel von Taschendieben gehandelt hat.

    Und als er den Rat eines Kollegen annimmt und in dem Sozialblock, in dem das Computersignal sein Mobiltelefon ortet, Drohbriefe an den Dieb in alle Briefkästen steckt, löst er damit eine Kettenreaktion aus, die ihn später einholen und zur Verantwortung rufen wird. Denn da taucht ein etwa zehnjähriger, sehr wütender Junge auf, der von ihm verlangt, er solle die Anschuldigungen zurücknehmen und ihn vor seiner Familie rehabilitieren.

    He is mad as hell and he is not going to take it anymore © xenix

    Und auch die amerikanische Journalistin Anne (Elisabeth Moss aus «Mad Men») stellt ihn mehrfach zur Rede. Zuerst in einem Interview, in dem sie ihn mit seinem Kataloggeschwurbel von der Museumswebsite konfrontiert, bis er ihr in zwei einfachen Sätzen erklärt, was damit gemeint sein könnte: «Wenn ich Ihre Handtasche hier im Museum ausstelle, ist sie dann ein Kunstwerk?»

    Und später, nachdem er mit ihr im Anschluss an eine Vernissagen-Party Sex gehabt hat (und sich dabei weigerte, ihr danach sein gebrauchtes Kondom zum Entsorgen auszuhändigen – man weiss ja nie, was damit noch angestellt werden könnte…) stellt sie ihm wieder sehr einfache, aber grundsätzlich moralische Fragen, die er bloss noch mit reiner Arroganz abzuwehren weiss.

    Dominic West und Terry Notary © xenix

    The Square ist ein Experimentierkasten mit etlichem bis zum Anschlag ausgereizten Satire-Potential, aber auch mit mindestens eben so viel Ernsthaftigkeit. Die künstlerische Provokation wird parallelgesetzt mit jener einer Werbeaktion, die ein «virales» Video für die Ausstellung hervorbringt, das dermassen gut funktioniert, dass Christian von seinem Posten zurücktreten muss. Und so holt ihn auf jeder Ebene immer wieder das Leben ein, dem er hin und wieder verzweifelt und gekonnt kunsttheoretisch diskursierend auszuweichen versucht – bis er sich dann doch noch eines besseren besinnt.

    Dass die Einfälle auf allen Ebenen überborden, die Satire und das Experiment Hand in Hand gehen bei diesem Film, das führt einerseits zu einer gewissen Uferlosigkeit, die auch formal nicht zu bändigen ist. Andererseits sind die hundertzwei Minuten so durchgehend unterhaltsam, erschreckend, amüsant oder auch furchteinflössend, dass man über lose Fäden, unaufgelöste Plotmechaniken oder konsequenzfreie Performances gerne hinwegsieht.

    Im Hinblick auf seine künstlerische Verspieltheit ist The Square ein Verwandter von Stefan Sagmeisters The Happy Film, aber dramaturgisch dann doch wieder viel näher bei Turist. Und in Sachen Bildwitz ist das alles noch einmal überbordender; von der kopflos abstürzenden Reiterstatue am Anfang, über den nie erwähnten Schimpansen in der Wohnung der von Elisabeth Moss gespielten Anne bis zum gefakten YouTube-Video mit seinem potentiell skandalträchtigen Twist, steht letztlich alles im Dienst der Idee einer sozialen Verantwortung, die bei jedem einzelnen liegt und nicht bei einer abstrakten Gesellschaft, die stets aus den anderen zu bestehen scheint.

    Insofern ist auch The Square wieder mehr eine Wundertüte als ein kompaktes Kunstwerk. Aber für jene haben wir ja Michael Haneke, und bei dem gibt’s auch dieses Jahr bestimmt wieder nichts zu lachen.

    Topics: Film, Filmbesprechung, Filmfestival, Regisseur/in, Schauspieler/in | Kein Kommentar »

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