NIGHTBORN (Yön lapsi) von Hanna Bergholm

Saga (Seidi Haarla) in ‚Nightborn‘ © Praesens

Mutterschaft ist nichts für Feiglinge. Vor einem Jahr hatte hier am NIFFF Johanna Moders Mother’s Baby seine Schweizer Premiere, die wunderbar auf dystopische Science-Fiction getrimmte weibliche Übernahme von Rosemary’s Baby. Gestern legte das NIFFF nach und zeigte – zur Eröffnung! – die radikal auf finnischen Troll-Wald getrimmte Bodyhorror Variation Nightborn von Hanna Bergholm.

Saga (Seidi Haarla) und Jon (Rupert Grint) wollen im einsamen Waldhaus von Sagas Grossmutter mindestens drei Kinder grossziehen. Das erste zeugen sie mit animalischer Begeisterung unter den knorrigen Stämmen im Wald hinter dem Haus beim ersten Besuch der zerfallenden Liegenschaft.

Als neun Monate später dieser Sohn zur Welt kommt, ist er Saga vom ersten Moment an fremd und unheimlich. Konsequent redet sie von «it, the baby» und beim ersten Säugen beisst der haarige, grunzende Kleine ihre Brust blutig. „NIGHTBORN (Yön lapsi) von Hanna Bergholm“ weiterlesen

LA HIJA CÓNDOR von Álvaro Olmos Torrico

Clara (Marisol Vallejo Montaño) und Ana (María Magdalena Sanizo) © trigon

In den bolivianischen Anden, auf 3304 Metern über Meer liegt der Ort Totorani. Dort hat der bolivianische Filmemacher Álvaro Olmos Torrico auf einer seiner Reisen eine Quechua-Hebamme kennengelernt, die letzte ihrer Art, in einer kleinen Gemeinschaft, welche zunehmend kleiner wird. Er hat sie mehrfach besucht und konnte sich schliesslich mit ihr verständigen, obwohl er selber kein Quechua spricht. Als sie starb, nahm er das zum Anlass für seinen zweiten Spielfilm.

Die Ana des Films, die alte Hebamme mit ihrer Schülerin und Ziehtochter Clara, ist das Herz, ein Hort alten Wissens, und für viele in der kleinen Gemeinschaft der Mensch, dem sie als erstes in ihrem Leben begegnet sind. Ana verkörpert die verschwindenden Gemeinsamkeiten in einer Welt, die von aussen bedrängt und geöffnet wird. „LA HIJA CÓNDOR von Álvaro Olmos Torrico“ weiterlesen

COSMOS von Germinal Roaux

León (Andrés Catzín) © Sister Distribution

Es ist unglaublich, wie stark diese schwarzweissen Bilder leuchten. Als Fotograf ist Germinal Roaux in dieser essentiell reduzierten Welt zuhause, die nur auf der Netzhaut existiert und sich direkt ins Gefühl einbrennt. Das Bild dafür stellt er an den Anfang von Cosmos, einen Baum auf einem dschungelartigen Hügel, aus dessen Stamm von innen heraus kleine Flammen schlagen, flüssig tropfendes Licht.

Im ländlichen Yucatán, in dem dieser Auftaktbaum zu totemartigem Leben erwacht, wie eine Prélude zu einer Pastorale, werden sich die sterbenskranke Literaturprofessorin Lena und der indigene, illiterate Maya-Kleinbauer León im Verlauf der 152 fiebertraumruhigschönen Minuten von Cosmos finden, verbinden und verabschieden. „COSMOS von Germinal Roaux“ weiterlesen

VON DEM, WAS BLEIBT von Lisa Blatter

Selma (Carla Juri) und Nori (Dashmir Ristemi) © Outside the Box

Nori findet sich verletzt und ohne Erinnerung an die letzten Stunden im Park wieder. Die Frühstücksgipfel, die er für sich und seine Freundin gekauft hat, sind bereits in der Wohnung. Und statt der schwangeren Selma findet er blutige Bettwäsche.

Amnesie-Geschichten und das Kino sind zweieiige Zwillinge; kein anderer Plot-Device ist näher an den Erzählmöglichkeiten der Montage. Und vom «Filmriss» reden wir im Alltag, um jenen Moment des Aussetzens der Erinnerungen zu bezeichnen. „VON DEM, WAS BLEIBT von Lisa Blatter“ weiterlesen

FUORI von Mario Martone

Roberta (Matilda De Angelis), Goliarda (Valeria Golino) © xenix

Auch wenn die Italianità für das nördliche Europa einst eher ein Lebensgefühl bezeichnete: Heute steckt die historische Exotik des Landes in seiner durchgängigen intellektuellen, linken, antifaschistischen, faschistischen, terroristischen und mafiösen Verästelung, in all diesen paradoxen Gleichzeitigkeiten.

Die Schauspielerin und Autorin Goliarda Sapienza, ihre das 20. Jahrhundert umfassende Familiengeschichte und vor allem ihre Bücher gehören zu diesem Mycel aus Ideen, Leidenschaften und politischen Widersprüchen; die Geschichte ihrer kurzen Inhaftierung im Frauengefängnis Rebibbia und ihrer dort entstandenen Freundschaften mit anderen gefangenen Frauen bilden die Basis für Mario Martones jüngsten Film.

Fuori heisst Martones faszinierender Tauchgang in die 1980er Jahre in Rom. Das Drehbuch hat er gemeinsam mit seiner Frau Ippolita di Mayo geschrieben, auf der Basis von Sapienzas Romanen «L’universitá di Rebibbia» and «Le certezze del dubbio». Und der Film zeichnet sich nicht zuletzt über das aus, was er gezielt alles nicht ist, obwohl er es hätte sein können. „FUORI von Mario Martone“ weiterlesen

LE LAC von Fabrice Aragno

Dieser Blogbeitrag ist eine erweiterte und überarbeitete Version meiner kurzen Filmbesprechung für die Schweizer Seiten von DIE ZEIT vom 11. Juni 2026

© adok films

Mann, Frau, Boot, See. Dokumentarische Fiktion. Ein maximal minimalisiertes Konzept.

Im Gefolge des letzten grossen 3D-Hypes im Kino, ausgelöst durch James Camerons Avatar und eine beispiellose Studiokampagne, die für ein paar Jahre sogar 3D-Fernseher in die Läden brachte, hat sich nicht nur Wim Wenders um einen sinnvollen Einsatz der Technik bemüht. Auch Jean-Luc Godard hat für eine Weile mit den Möglichkeiten – und vor allem den Unmöglichkeiten – des Präsentationsformates gespielt. „LE LAC von Fabrice Aragno“ weiterlesen

SOLOMAMMA von Janicke Askevold

Edith (Lisa Loven Kongsli) © frenetic

Die Suche von Teenagern oder jungen Erwachsenen nach einem unbekannten biologischen Elternteil ist ein dramatischer und cinematischer Topos, von allen Varianten auf Kästners doppeltes Lottchen bis zu Mike Leighs Secrets & Lies (1996), oder auch Stoff für Komödien wie Flirting with Disaster von David O. Russell (ebenfalls 1996).

Die in Paris ausgebildete norwegische Schauspielerin und Regisseurin Janicke Askevold hat nun die komplexen menschlichen Sehnsüchte hinter diesem Wunsch nach definierter Herkunft in einen sehr erwachsenen Film gepackt. „SOLOMAMMA von Janicke Askevold“ weiterlesen

LOVE ON TRIAL (Renai saiban) von Koji Fukada

Happy Fanfare: Promo und Image sind alles © trigon

Mai ist Teil der Japan-Pop-Idol-Group «Happy Fanfare». Zusammen mit ihren vier Kolleginnen absolviert sie Tag für Tag ein beinhartes Programm. Tanztraining, Studium neuer Songs, Choreographie büffeln, durchgetaktete Bühnen-Auftritte vor jubelnden Fans und danach organisiertes «Meet & Greet», kurze Begegnungen mit den treuesten Anhängern für Autogramme und klar geregelten Small-Talk im Minutentakt. Dates oder gar Liebesbeziehungen mit den Fans sind vertraglich verboten, Idols müssen unschuldig sein, süss, sexy und theoretisch verfügbar für alle. „LOVE ON TRIAL (Renai saiban) von Koji Fukada“ weiterlesen

I SWEAR von Kirk Jones

Dotty (Maxine Peake) und John (Robert Aramayo) © Präsens

Diese britische Kinoproduktion wird sicher helfen, das Tourette-Syndrom noch weiter bekannt zu machen, und das ist eine gute Sache. Und immer noch nötig, wie sich an der letzten BAFTA-Verleihung im Februar gezeigt hat.

Bei dieser Verleihung der britischen Filmpreise war nämlich auch John Davidson zugegen, der Mann, dessen Leben mit Tourette die Grundlage bildet für das Kinodrama I Swear. „I SWEAR von Kirk Jones“ weiterlesen

RENOIR von Chie Hayakawa

Fuki Okita (Yui Suzuki) © Xenix

Vor vier Jahren hat die Japanerin Chie Hayakawa die Welt sanft herausgefordert mit ihrem ersten Langspielfilm Plan 75. Sie erzählte (unter anderem) von der 78-jährigen Michi Kakutani, die sich für das – im Film – vom japanischen Staat gesponserte Gratis-Euthanasie-Programm anmeldet. Dieser Plan 75 ist eine staatliche Reaktion auf die von überzeugten Bürgern begangenen Morde an alten Menschen, die der Gesellschaft zur Last fallen. Der Film ist eine Dystopie, aber nahe an der Realität.

Nun geht Hayakawa das Thema Tod und Sterben und Gesellschaft vom anderen Ende der Altersskala her an und lässt in Renoir die 11jährige Fuki mit dem langsamen Sterben ihres krebskranken Vaters hadern, und mit der Überforderung ihrer Mutter. Und wie schon Plan 75 ist auch Renoir nicht das erschütternde Drama, das man allenfalls erwarten würde, sondern ein neugieriges, wildes, verblüffendes und ausgesprochen warmherziges Abenteuer. „RENOIR von Chie Hayakawa“ weiterlesen

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