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    Duisburg 15: WIE DIE ANDEREN von Constantin Wulff

    Von Michael Sennhauser | 4. November 2015 - 22:15

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    Die Psychiatrie, dieser Ort jenseits des Alltags. Und erst die Jugendpsychiatrie! Völlig jenseits. Unbekannt. Unheimlich. Kann man da filmen? Willigen Kinder und Jugendliche ein, da mitzuwirken? Machen Ärztinnen und Pfleger mit?

    Constantin Wulff wusste es nicht sicher. Sein Dokumentarfilm In die Welt (2008) über eine Wiener Geburtsklinik war nicht nur grossartig, er zeigte auch ein grossartiges Spital und einen Ort der grossen Hoffnungen.

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    Vielleicht lag es am Erfolg dieses Filmes, vielleicht am Leistungs- und Vertrauensbeweis, den er zweifellos darstellt. Vielleicht aber auch an all den eingangs erwähnten Vorurteilen: Nicht nur die Klinikleitung der Kinder- und Jugendpsychiatrischen Abteilung eines Krankenhauses in Niederösterreich sagte auf Anfrage zu, auch die meisten Jugendlichen und Kinder und ihre Eltern willigten ein, sich filmen zu lassen.

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    Und spätestens nachdem man den Film gesehen hat, ist auch klar warum. Constantin Wulff erzählt von kranken Menschen und ihren Angehörigen, von Ärzten und Pflegern, von kleinen Kindern in kritischen Situationen, von jungen Mädchen mit selbstzerstörerischen Gewohnheiten, und er tut dies mit Distanz und Ernsthaftigkeit, mit Neugier, Zurückhaltung, Anstand und Zuneigung – kurz: Er filmt mit einer klaren, zuverlässigen Haltung.

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    Wie stark der Film geworden ist, beweist nicht zuletzt die Selbstverständlichkeit, mit der er wirkt, die Leichtigkeit, ja Klarheit seiner Konstruktion. Wie der grosse Frederick Wiseman (der im Abspann auch verdankt wird), blickt Wulff auf die Institution mit Interesse und im Bewusstsein um die eigenen und die fremden Vorurteile, die keine bleiben sollen.

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    Und wie bei Wiseman entsteht auch bei Wulff ein stetig klarer werdender Eindruck von dieser Institution, ohne Kommentar, ohne Nachfragen im Film, einfach über das Beobachten, das Zuhören, das Hinblicken – und die schlüssige, unaufdringliche, täuschend leicht und selbstverständlich wirkende Montage der Eindrücke zu einem Realitätsabbild aus ungestellten Fragen und ungefragten Antworten.

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    Dabei kommt die Dramaturgie in keiner Sekunde zu kurz. Ob der geduldige und souverän kompetente Arzt mit seiner jungen Patientin über ihr Selbstbild verhandelt und sie zwischendurch ganz direkt fragt, ob sie jetzt eben versucht habe, ihn zu manipulieren, oder ob in der täglichen Fallbesprechung im Team diskutiert wird, wie einem Kind, bei dem sexueller Missbrauch offensichtlich erscheint, am ehesten geholfen werden kann: Stets spielt diese menschliche Interaktion die Hauptrolle, welche jeder Geschichte ihre Spannung verleiht, jedes Erzählen relevant macht, jeden Film lebendig.

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    Das ist die grosse Kunst des Dokumentarfilms, die Balance der menschlichen Spannung, die Dosierung des Kampfes, die Abwägung der Kräfte und der Abgründe. Eine wütende Diskussion mit dem Klinikleiter über das Fehlen eines Facharztkollegen, die Überlastung des Teams, wird zu einem Angelpunkt im institutionellen Gefüge, das der Film sichtbar macht, zum Haken, an dem augenblicklich jeder Zuschauer, jede Zuschauerin hängen bleibt, der oder die auch nur ansatzweise mit unserer europäischen Arbeitswelt verhängt ist.

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    Und über diesen Haken eben so wie die gezeigten Einzelschicksale erfolgt die Einführung und Annäherung in eine Institution, die den gleichen Gesetzmässigkeiten unterliegt wie alle unsere gesellschaftlichen Institutionen, auch wenn sie von besonders geduldigen, einfühlungswilligen und hochspezialisierten Menschen eben so belebt ist wie von besonders tragischen, extremen oder hilflosen Versionen von uns selbst in weniger glücklicher Ausprägung.

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    Dabei spart Wulff auch die harten Momente nicht aus. Er zeigt zum Beispiel, was es braucht, bis eine Patientin stillgestellt und auf dem Bett angebunden werden muss, wie die Abläufe sind, wie hart die Entscheidung für die Pflegerinnen ist, was es alles zu bedenken und zu beachten gibt dabei, und was dieser institutionell verordnete und offensichtlich notwendige Gewaltakt mit sich bringt. Und das bringt der Film in aller Intensität fertig, ohne das Festbinden selbst zeigen zu müssen.

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    Wie die anderen möchte ein Junge sein, der zu Beginn des Films einer Ärztin seine Situation schildert, mehrdeutig, auf ihre Fragen und Wünsche eben so eingehend wie auf seine eigenen, im Spiel mit der Abhängigkeit und der Hilflosigkeit, als williger und demütiger Patient eben so sehr wie als manipulativer Erfüller angenommener Erwartungen.

    Der Dokumentarfilm von Constantin Wulff hat diese Lebendigkeit und Intelligenz aufzuweisen. Er ist wie die anderen, die Besten, jene, denen man Blut, Schweiss und Tränen ihrer Entstehung nicht mehr ansieht, ein Film, der sein Ziel mit Würde, Haltung und täuschender Leichtigkeit erreicht, formvollendet, packend, informativ und überzeugend.


    In Österreich läuft der Film schon seit einiger Zeit sehr erfolgreich, vor allem im Parallel-Circuit, in institutionellen und thematischen Vorführungen, mit Podiumsdiskussionen und Panels. In der Schweiz soll er auch demnächst zu sehen sein, ob über regulären Kinoeinsatz oder ebenfalls gezielt in thematischen Zusammenhängen, ist noch offen. Mehr und aktualisierte Informationen finden sich unter www.wiedieanderen.at

    Topics: Dokumentarfilm, Film, Filmbesprechung, Filmfestival, Regisseur/in | Kommentare deaktiviert für Duisburg 15: WIE DIE ANDEREN von Constantin Wulff

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