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    Diagonale 17:
    DIE DRITTE OPTION von Thomas Fürhapter

    Von Michael Sennhauser | 31. März 2017 - 12:19

    ‚Die dritte Option‘ von Thomas Fürhapter © Navigator Film

    Das seltsame Bild von der «Bild-Ton-Schere» wird oft bemüht, wenn die gesprochene Tonspur eines Films sich die Bilder nicht gefügig machen kann, oder, noch irritierender, die Bilder nicht erklärt.

    Die hohe Kunst des «direct cinema» im Dokumentarfilm lässt es gar nicht so weit kommen und arbeitet ohne Kommentarspur oder gar voice over. Wenn dann trotzdem Diskrepanzen entstehen, dann sind sie besonders fruchtbar, weil etwa ein Protagonist sich mit seinen Worten selber Lügen straft.

    ‚Die dritte Option‘ von Thomas Fürhapter © Navigator Film

    Thomas Fürhapter nennt seinen Dokumentarfilm einen «Essay» und baut sich die Diskrepanzen zur Tonspur gezielt. Das ist im besten Fall irritierend und anregend, im schlimmsten Fall aber auch manipulativ und simplifizierend.

    Die «dritte Option» des Titels bezieht sich auf die Möglichkeit, einen Fötus abzutreiben, wenn die pränatale Diagnostik eine schwere Behinderung des künftigen Kindes für wahrscheinlich oder sicher erklärt. Dabei geht es nicht etwa darum, die sogenannte «Fristenlösung» in Frage zu stellen, sondern um spätere Entscheidungen – die allenfalls gar keine sind, wie der Film sehr deutlich postuliert.

    Anonymisiert, neutral gelesen und befreit von Äusserungsanlässen lässt die Tonspur Ärztinnen zu Wort kommen, Pränataldiagnostiker, betroffene Frauen und ihre Männer. Neben den zu erwartenden ethischen Fragen, ob es angehe, werdendes Leben selektiv abzutöten, ob der Wunsch nach einem Kind automatisch das Recht auf ein «gesundes» Kind beinhaltet, postuliert der Film aber ganz zentral, dass «gesund» und «nicht behindert» erstens nicht das Gleiche sei und dass zweitens die «Normalität» etwa eines Körpers einzig auf normativen gesellschaftlichen Vorgaben beruhe.

    Der normative gesellschaftliche Druck lasse einer Frau je nach pränataler Diagnose gar keinen Entscheidungsspielraum wird – durchaus einleuchtend und nachvollziehbar – postuliert.

    Diese wirklich zentrale Perspektive lässt wenig Spielraum zu, denn Körperideale sind unbestritten normativ und sowohl historisch wie auch sozial wandelbar, aber der Film, bzw. der Filmemacher untermauert das mit Bildsequenzen, welche diese Normativität über die Massenproduktion und -Konsumation ad absurdum führen.

    ‚Die dritte Option‘ von Thomas Fürhapter © Navigator Film

    Wenn hunderte von identischen Playmobilfiguren vom Fliessband rollen, oder eine Kamerafahrt Gestelle voller identischer Barbiepuppen im Spielzeug-Supermarkt präsentiert, dann ist das von der Bildsetzung her eben auch normativ. Schlagend bis erschlagend in seiner Kontrastfunktion, aber immerhin noch legitim als Abbild einer gesellschaftlichen Vorgabe.

    Schwieriger finde ich die vergleichbar gesetzten Sequenzen aus einer Sargfabrikationshalle, in der Kindersärge in Serie zusammengesetzt und anschliessend weiss gespritzt werden. Um mein Unbehagen zu verstehen, stelle man sich vor, die gleichen Bilder wären bei einem Dorfschreiner gedreht worden, der einen einzelnen kleinen Sarg in Handarbeit anfertigt. Die Sequenz steht in einer Reihe mit späteren Aufnahmen von der Kindergrabsektion eines Friedhofes, zu der Fürhapter in der an die Diagonale-Vorführung anschliessenden Diskussion die Information nachreichte, dass es sich bei diesen überraschend zahlreichen frischen Kindergräbern keineswegs nur um solche von abgetriebenen Föten handle, sondern auch um Gräber «natürlicher» Totgeburten oder von Kindern, die kurz nach der Geburt verstorben sind.

    Und vollends denunziatorisch wirken dann Bilder von Kindern beim Gehtraining in Laufmaschinen, geschnitten auf eine Sequenz von einem Leistungssportler, der im Labor an seine physischen Grenzen gebracht wird und weiteren Bildern vom Einsatz von Crash-Test-Dummies an der technischen Universität von Graz.

    Die dritte Option ist als Film durchaus anregend und sowohl filmisch wie auch textlich eine Herausforderung. Aber der Einsatz von kontrastierenden Bildsequenzen ist nicht nur zu sehr auf Wirkung bedacht, sondern hin und wieder auch ganz einfach billig.

    Damit macht sich Fürhapter angreifbar, wo er eigentlich erst Fragen stellt. Er denunziert, wo er bloss zu beobachten vorgibt, und er setzt bewusst die Keule ein, wo ein Winken auch reichen müsste.

    Dabei liefert schon die Textebene allein absolut bedenkenswerte, verblüffende Aussagen. Etwa die eines Mannes, dem im Spital die Geburts- und die Sterbeurkunde seines Kindes gleichzeitig ausgehändigt werden und der dabei darüber nachdenkt, dass rein technisch der Sterbezeitpunkt, also der der Abtötung des Fötus, einige Stunden vor dem Geburtstermin liegen müsste. Was das für rechtliche, ethische und allenfalls computertechnische Konsequenzen hätte, mag man sich gar nicht ausmalen.

    Topics: Dokumentarfilm, Filmbesprechung, Filmfestival, Regisseur/in | Kommentare deaktiviert für Diagonale 17:
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