BERLINALE 2020: MARE von Andrea Štaka (Panorama)

‚Mare‘ Marija Škaričić © frenetic

Erst im Abspann ihres Films lässt Andrea Štaka das Klischee von der Leine, leise ironisch und voll schmerzlicher Schönheit. Da singt Ana Prada «Soy pecadora, soy mala, madre de todos los pecados» (Ich bin eine Sünderin, ich bin schlecht, die Mutter aller Sünden).

Mare (Marija Škaričić) hat den Moment da schon hinter sich. Ihr ältester Sohn ist ein nicht ganz einfacher Teenager, sein jüngerer Bruder und die Schwester der beiden hängen noch deutlicher an der Mutter.

Marija Škaričić, Goran Navojec © frenetic

Auch Mares Mann Đuro (Goran Navojec) hängt an seiner Frau und dem zuweilen anstrengenden Familienalltag. Dass sich daran auch mal wieder etwas ändern könnte, ahnt er, als Mare beiläufig darauf hinweist, dass sie eigentlich gerne auch wieder am Flughafen von Dubrovnik arbeiten würde, wie vor den Kindern.

Andrea Štaka inszeniert den Alltag von Mare in dichten Szenen auf Super 16mm, unter anderem darum, wie sie sagt, weil es da beim Drehen ernst gilt: Was beim intensiven Proben und ausprobieren mit den Schauspielerinnen und Schauspielern gefunden wurde, muss möglichst effizient in die handliche Kamera gepackt werden. Trial and Error, wie es beim digitalen Dreh üblich geworden ist, sei da keine Option.

Das führt nicht nur zu sehr physischem Bildmaterial mit ungewohnt verbindlicher Farbgebung, es spiegelt auch die Sicherheit, mit der sich Mare in eine Affäre mit einem polnischen Bauführer stürzt, als sich die Gelegenheit bietet.

Goran Navojec © frenetic

Da ist kein zögerliches Ausprobieren, Mare hat sich entschieden, nicht gegen ihren Mann und nicht gegen ihre Familie, aber ganz klar für diese überraschende, leidenschaftliche heimliche Freiheit.

Weil die Handkamera den Figuren oft direkt über die Schulter filmt, bei Mare manchmal sogar auf der Schulter zu sitzen scheint, wie eine unbeirrbare Katze, gibt es keine Distanz zu überwinden.

Wenn die Mutter ihrer Tochter wunschgemäss ihre warme Hand auf die Stirn legt, wie es ihre Mutter schon bei ihr zu tun pflegte, spürt man im Kino die Wärme. Wenn die Tochter hoffnungsvoll fragt, ob denn dereinst auch ihre Hand so warm sein werde, gibt es daran auch bei mir als Zuschauer keinen Zweifel.

Marija Škaričić, Mirjana Karanović © frenetic

Alles an diesem Film ist wohl dosiert, genau richtig, stimmig, zurückhaltend. Der erste grosse Musikeinsatz kommt nach etwas mehr als einer halben Stunde, überraschend zunächst, weil einem das Fehlen von Musik bis dahin ja nicht aufgefallen wäre. Aber nun ist das ein unscheues Schwelgen für kurze Zeit.

Der Blick in die Landschaft ändert sich mit der Musik. Wenn Mare mit ihrem Polen im Auto fährt, scheint das Radio zu spielen, auch wenn auf dem Dashboard nichts davon zu sehen ist. Und wenn die beiden beim Kochen – die Familie ist in Split an einem Fussballspiel – ausgelassen um den Küchentisch tanzen, kommt die Musik ostentativ vom Fernseher, auch wenn sie raumfüllend präsent ist: Es ist Mares Präsenz, die Musik gehört ihr.

Mare (Marija Škaričić) © frenetic

Andrea Štakas Film bleibt in der (ihrer) Familie. Marija Škaričić, ihre Mare, war schon zentral in Das Fräulein mit dem Štaka 2006 den goldenen Leoparden von Locarno gewann. Mares Mann Đuro wird von Goran Navojec gespielt, im richtigen Leben der Partner der Schauspielerin. Und Mirjana Karanović, das Fräulein, spielt dieses Mal Mares Mutter. Die Brücken nach Zürich und damit zum Leben der Regisseurin und ihrem ersten grossen Erfolg werden mehrfach verbal geschlagen.

Und schliesslich klingt der Filmtitel Mare wohl nicht zufällig wie Cure (gesprochen «Tsure»), von Štakas letztem Spielfilm, der sich schon von Zürich nach Dubrovnik bewegte.

Mare ist ein täuschend einfacher Film, ohne die mysteriösen Doppelungen von Cure, viel näher beim beobachtenden, mitfühlenden Realismus von Das Fräulein, und gleichzeitig noch einmal reifer, entschlossener und persönlicher.

Im Kino in der Deutschschweiz ab 12. März 2020

Filmemacherin Andrea Štaka © frenetic

 

 

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