BAD LUCK BANGING OR LOONY PORN (Babardeală cu bucluc sau porno balamuc) von Radu Jude (Berlinale 2021, Wettbewerb)

Goldener Bär für den Besten Film 2021

Katia Pascariu © Silviu Gheti / Micro Film

Was für ein Trip! Dieser «Verrückten-Porno» des Rumänen Radu Jude (Vernarbte Herzen) ist – rein formal argumentiert – ein schlampig zusammengeschusterter Unfall, inhaltlich ein Pandemie-Seufzer und ganz sachlich der erste reguläre Maskenfilm in Kinolänge an einem Filmfestival. Aber er trifft.

Vor dem Filmtitel wird erst einmal ein per Mobifon gefilmter Amateur-Porno auf die Leinwand geschmissen. Ein Paar hat Sex mit Spielchen, ein wenig Blowjob, etwas Peitsche, ein wenig Doggy-Style. Zwischendurch hört man eine ältere Frauenstimme durch die Zimmertür quengeln, es geht wohl um das Kind des Paares. Das ist nicht übertrieben hübsch anzuschauen, aber auch nicht wirklich ungewöhnlich. Ausser als Anfang eines Berlinale-Wettbewerbsfilmes vielleicht.

Katia Pascariu © Silviu Gheti / Micro Film

Solche Filmchen finden sich auf einschlägigen Internet-Seiten zu tausenden, mehr als einmal würde kaum jemand gerade auf diesen klicken. Ausser natürlich die Schülerinnen und Schüler der Frau, denn Emi Cilibue (Katia Pascariu) ist im Alltag eine engagierte und beliebte Lehrerin an einer renommierten Schule in Bukarest.

Ihr Mann hat arglos seinen Computer zur Reparatur gebracht, und wie es aussieht, hat einer der Servicetechniker auf der Festplatte gestöbert und das private Filmchen auf Pornhub hochgeladen.

Das ist als Plot nicht neu, wir erinnern uns (ungern) etwa an die verklemmte Komödie  Sextape mit Cameron Diaz von 2014.

Radu Jude ist allerdings nicht an einer plotmechanischen oder gar komödiantisch verwertbaren Storyline interessiert. Der Filmemacher nennt sein im Sommer 2020 unter Coronabedingungen in Bukarest gedrehtes Feuerwerk einen «Entwurf für einen populären Film» und präsentiert tatsächlich eher eine Materialsammlung, die weit über die Diskussion hinausgeht, wie weit das private Sexleben eines Paares die Öffentlichkeit zu interessieren hat.

Claudia Ieremia, Alex Tocilescu (im Hintergrund), Costel Băloiu, Katia Pascariu © Silviu Gheti / Micro Film

Nach dem Titelvorspann folgt denn auch erst mal ein fast dokumentarischer Sommerspaziergang durch Bukarest 2020. Katia Pascariu geht zu Fuss durch die Stadt, besucht ihre Schulleiterin (deren Mutter offenbar im Sterben liegt), kauft mit Maske ein, telefoniert unterwegs mit ihrem Mann und anderen und ist schliesslich unterwegs zu einem ausserordentlichen Elternabend an der Schule, an dem ihr «Fehlverhalten» diskutiert werden soll.

Diese rund zwanzig Minuten in den sommerlichen Strassen und Geschäften von Bukarest sind eine Momentaufnahme, die es jetzt schon in sich hat, als Zeitdokument. Da gibt es Maskendiskussionen in Geschäften, Abstandsregeln im Strassencafé und zunehmend rüpelhaftes Verhalten der gestressten Städter.

Vor allem die Arroganz der Autofahrer eskaliert so sehr, dass man hin und wieder daran erinnert wird, dass man eben nicht einem Dokumentarfilm beiwohnt. Erst fordert Emi einen SUV-Fahrer auf, seinen urbanen Panzer bitte vom Gehsteig zu fahren, was der fluchend verweigert. Dann versperrt ein aufgemotzter Humvee tatsächlich den Zugang zu einem Fussgängerstreifen (und der eher kurzgewachsene Fahrer hat sichtlich Mühe, sein Gefährt überhaupt ohne Absturz zu verlassen). Und schliesslich nimmt ein weiterer Autofahrer einen Fussgänger wütend auf die Haube, als dieser darauf aufmerksam macht, dass er daran sei, die Strasse korrekt via Fussgängerstreifen zu überqueren.

Und das alles ist erst Teil 1 des Films.

Teil 2 besteht aus «Skizzen und Anekdoten» und ist an grausamer Absurdität kaum mehr zu überbieten. Da folgen im Sekundentakt Filmclips und Bildmontagen zu einer Reihe von alphabetisch dargebotenen Stichwörtern. Auf Kolonialoffiziere, die mit nackten Eingeborenenfrauen posieren, folgt ein inszenierter Blondinenwitz, der darin gipfelt, dass die vom Stier verfolgte Nackte schliesslich erklärt, sie bekäme doch lieber ein Kalb als einen Herzinfarkt. Nonnen singen einem Popen eine Faschistenhymne, Touristen machen Selfies vor dem einstigen Ceaușescu-Palast…

Dieser zweite Teil lässt einen erschöpfter in sich zusammensinken als eine Stunde swipen auf TikTok. Aber doch auch deutlich angeregter und faszinierter. Die geballte Ladung an Scheinheiligkeit, Absurdität und Verleugnung elementarer Klarheiten fährt satirisch ein.

Paul Dunca / Paula Dunker, Nicoleta Lefter, Nicodim Ungureanu, Ana Ciontea, Petra Nesvačilová © Silviu Gheti / Micro Film

So weichgeklopft stolpert man dann ins Finale, das grosse Courtroom-Drama der Elternversammlung gegen Emi im malerischen Innenhof der Schule. Da laufen dann philosophische und gesellschaftspolitische Argumentationsketten aus dem Ruder, die ganzen grassierenden Verschwörungsphantasien des Pandemielebens heben ihre hässlichen Fratzen, und gerade wenn du denkst, es reiche jetzt in jeder Beziehung, offeriert Radu Jude drei verschiedene Film-Enden.

Katia Pascariu © Silviu Gheti / Micro Film

Bad Luck Banging ist nicht einfach die Hälfte des Filmtitels, sondern tatsächlich auch das ästhetische Programm dieser irren Müllkippe mit Pandemiegesellschaftszwischenfazit.

Das ist anstrengend, zuweilen lustig, zuweilen erschlagend. Aber erstaunlicherweise irgendwie genau der richtige Kommentar zur richtigen Zeit.


Nachtrag 5. März 2021:

Goldener Bär für den Besten Film (an die Produzent*innen)

Babardeală cu bucluc sau porno balamuc (Bad Luck Banging or Loony Porn)
von Radu Jude (Rumänien / Luxemburg / Kroatien / Tschechische Republik)
produziert von Ada Solomon

Jury-Begründung:
„Der Goldene Bär geht an einen Film, der die seltenen und grundlegenden Eigenschaften eines beständigen Kunstwerks besitzt. Es fängt auf der Leinwand den eigentlichen Gehalt, die Quintessenz, Geist und Körper, die Wertvorstellungen und das nackte Fleisch unseres gegenwärtigen Augenblicks ein. Genau dieses Augenblicks menschlichen Daseins.
Er tut das, indem er den Zeitgeist heraufbeschwört, ihn ohrfeigt, zum Duell herausfordert. Und damit hinterfragt er auch den gegenwärtigen Zeitpunkt im Kinofilm, indem er mit derselben Kamerabewegung unsere gesellschaftlichen und filmischen Konventionen erschüttert.
Es ist ein kunstvoll ausgearbeiteter Film, der zugleich ausgelassen ist, intelligent und kindisch, geometrisch und lebendig, auf beste Art ungenau. Er greift die Zuschauer*innen an, ruft Widerspruch hervor, und erlaubt doch niemandem, Sicherheitsabstand zu halten.“

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