KONTINENTAL ’25 von Radu Jude

Die Poster für Rossellinis ‚Europa ’51‘ und Judes ‚Kontinental ’25‘

Nicht nur der Filmtitel und das Plakat von Radu Judes neuem Film beziehen sich auf Europa ‘51 von Roberto Rossellini. Wie damals Ingrid Bergmans Irene Girard, richtet nun auch Eszter Tompas Orsolya, nach dem Suizid eines Mannes von Schuldgefühlen überwältigt, den Blick auf den Zustand der Welt und der Gesellschaft.

In langen, ruhig gefilmten und gleichzeitig durch absurde Alltags-Settings aufgelockerten Gesprächen versucht Orsolya ihren Schuldgefühlen beizukommen, während alle ihre Gesprächspartner, vom Ehemann über die Freundin, die Mutter und den einstigen Studenten bis zum orthodoxen Priester ihr erklären, warum sie persönlich doch eigentlich keine Schuld treffe.

Kontinental ‘25 ist eine Bestandsaufnahme unseres modernen Grundzustandes: Wir halten unsere latente Verzweiflung über den Lauf der Welt in Schach, indem wir eine gemeinsame Meisterschaft der Verdrängung etablieren. „KONTINENTAL ’25 von Radu Jude“ weiterlesen

YES! (!כן – Ken!) von Nadav Lapid

Y (Ariel Bronz) © Sister Dist.

Nach genau einer Stunde orgiastischer Partylaune mit Musik, Alkohol, Drogen und vielen reichen und offensichtlich mächtigen Israeli passiert es: Der Musiker und Unterhalter Y (Ariel Bronz) bekommt eine Meldung seines Managers auf sein Mobiltelefon. Er soll die Musik liefern für eine Gedenkfeier anlässlich des Massakers vom 7. Oktober 2023. Und nicht nur das. Er soll auch die dazu passende Rache-Wut-und-Einigkeits-Hymne vertonen:

«Yes! Your wish is my command, Mephisto!»

Der Moment ist die Kulmination seiner Karriereträume und jener seiner Frau Yasmine (Efrat Dor). Die goldene Zukunft ist zum Greifen nah, das gemeinsame Leben mit dem kleinen Sohn Noah in Stil und Luxus gesichert. „YES! (!כן – Ken!) von Nadav Lapid“ weiterlesen

Berlinale: Gescheiterte Söhne, schuldige Mütter

George Pistereanu, Ada Condeescu in: 'Eu cand vreau sa fluier, fluier'
George Pistereanu, Ada Condeescu in: 'Eu cand vreau sa fluier, fluier'

Gleich zwei Filme im Wettbewerb hatten heute die gleiche Konstellation: jeweils zwei Brüder mit gebrochenen Biographien und dahinter eine Mutter, die offensichtlich versagt hat. Aber das ist eben das Tolle am Kino: wiederkehrende Themen in ganz unterschiedliche Werke. Der erste Film stammt aus Rumänien und heisst Eu cand vreau sa fluier, fluier (Wenn ich pfeifen möchte, pfeife ich) und ist von Florin Serban. Mit ganz einfachen Mitteln – Handkamera, Originalschauplatz, Laiendarsteller – setzt der junge rumänische Regisseur ein Bühnenstück der Autorin Andreea Valean um: Silviu sitzt als jugendlicher Straftäter in einer Anstalt. Die Verhältnisse sind hart: Silviu ist in der Rangordnung weit unten. Schon zu Beginn des Filmes schwant einem, dass die baldige Entlassung auf der Kippe stehen wird. Silvius Familienverhältnisse sind ebenfalls schwierig – er hat seinen kleinen Bruder praktisch allein aufgezogen, weil seine Mutter in Italien lebt. Er selber wurde als Kind von der unsteten Mutter immer wieder weggegeben.

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Nyon 09: Pizza in Auschwitz

pizzainauschwitz

Dokumentarfilme rund um den Holocaust haben meist ihren getragenen Ton und ihr ganz spezielles, unangreifbares Pathos. Pizza in Auschwitz von Moshe Zimerman ist anders. Der weit über 70jährige Danny aus Israel gehört zur zweiten Sorte dewr Holocaust-Überlebenden, zumindest nach der Einteilung der zweiten Generation, der auch seine Tochter und sein Sohn angehören. Die eine Sorte redet nie über die schreckliche Vergangenheit, die zweite hört nie mehr auf damit. Danny hat seine Kinder mit dem Holocaust aufgezogen, Birkenau und Auschwitz gehörten zu ihren Gute-Nacht-Geschichten. Jetzt erfüllt er sich einen Lebenstraum und reist mit seinen beiden Kindern und einem Filmteam zurück nach Polen, in die Vergangenheit, an die Orte seiner Kindheit, ins Ghetto, und schliesslich von Lager zu Lager.

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