YES! (!כן – Ken!) von Nadav Lapid

Y (Ariel Bronz) © Sister Dist.

Nach genau einer Stunde orgiastischer Partylaune mit Musik, Alkohol, Drogen und vielen reichen und offensichtlich mächtigen Israeli passiert es: Der Musiker und Unterhalter Y (Ariel Bronz) bekommt eine Meldung seines Managers auf sein Mobiltelefon. Er soll die Musik liefern für eine Gedenkfeier anlässlich des Massakers vom 7. Oktober 2023. Und nicht nur das. Er soll auch die dazu passende Rache-Wut-und-Einigkeits-Hymne vertonen:

«Yes! Your wish is my command, Mephisto!»

Der Moment ist die Kulmination seiner Karriereträume und jener seiner Frau Yasmine (Efrat Dor). Die goldene Zukunft ist zum Greifen nah, das gemeinsame Leben mit dem kleinen Sohn Noah in Stil und Luxus gesichert.

Bis zu diesem Moment ist nicht auszumachen, wo der neue Film von Nadav Lapid hinsteuern wird. Das erste Kapitel mit dem Titel «The Good Life» lässt allenfalls eine Ahnung aufsteigen. Y(ehuda) ist der israelische Jedermann, der Künstler, der Sucher, der Faustus der vielen kleinen Päkte mit den Reichen und Mächtigen und (Y)asmin, seine Frau, die Mutter seines Sohnes kein Gretchen, sondern eine biegsame Tigerin, eine Tänzerin, welche die Träume mitträgt, allerdings ohne sich im Rausch der gemeinsamen Karriereprostitution so zu verlieren wie ihr Mann.

Yasmin (Efrat Dor) und Y (Ariel Bronz) © Sister Dist.

Wir lernen das Paar in dieser ersten Stunde als Einheit kennen, als effiziente Unterhaltungs- und Andienungsmaschine, die den Mächtigen gibt, was sie wollen, sei das ein flotter Dreier mit Ohrlecken in der Villa einer Millionärin oder den untertänig offerierten Sieg für den Chef des Generalstabs in einer Song-Battle, welche für einen Moment wie ein pervertiertes Spiegelbild der Marseillaise-Szene in Casablanca aufblitzt.

Dabei zitiert Nadav Lapid kaum, er lässt assoziieren, beschwört Stimmungen und Zeiten und liefert die Bestätigungen unserer Assoziationen wie kleine Ohrfeigen nach, wie eben – zum Beispiel – wenn Y seinen Manager mit Mephisto assoziiert.

Es ist diese Klarheit im beiläufigen Benennen, welche Lapids Film seine luzide Wucht verleiht.

Yasmin (Efrat Dor) und Y (Ariel Bronz) beim Ohrenlecken mit Idit Teperson © Sister Dist.

Natürlich geht es um Israel, um Gaza, um Macht und Ohnmacht, Wut und Rache, und Hilflosigkeit. Aber da schwingt unsere ganze Welt mit. Nadav Lapids Alltagsrebellen aus seinen früheren Filmen, die kleinen Widerständler, die Künstler, Kinder, Träumer, sie sind hier den Ja-Sagern gewichen, den Durchwurstlern, jenen, die versuchen, ihre Ohnmacht in eine Energiequelle umzudeuten.

«Aber er weiss, dass du ein Clown bist?» fragt Yasmin ihren Y, nachdem dieser ihr die frohe Botschaft übermittelt hat. «Ich bin Pianist, Yasmin!»

«Du akzeptierst also?» murmelt sie ungläubig und mit Tränen in den Augen, die sie in dem Moment noch ihm zuliebe zu Freudentränen umdeutet. Aber Yasmin weiss bereits, was Y erst ein paar Stunden später begreifen wird, als er im Copy-Shop den Hymnen-Text ausdrucken lässt, den er vertonen soll. Und nach dem ersten Überfliegen die Frau an der Kasse entgeistert bittet, ihm vorzulesen, was er da eben gelesen hat:

«Over the Beach of Gaza / Falls the autumn night / Planes are bombing / Destroy Destroy / Tsahal’s brave soldiers / Cross the front line / To wipe out those bearers of swastikas»

(Über dem Strand von Gaza / Fällt die Herbstnacht / Flugzeuge bombardieren / Zerstören Zerstören / Zahals tapfere Soldaten / Überqueren die Frontlinie / um diese Hakenkreuzträger auszulöschen)

«Amen!» kommentiert die Frau, ohne den bei Y aufdämmernden Horror zu sehen.

Den Liedtext hat Nadav Lapid nicht erfunden. Der wurde im Nachgang zum Massaker vom 7. Oktober 2023 in Israel tatsächlich in Umlauf gebracht, inbrünstig gesungen von Kindern in einem Video, das tausendfach gesehen wurde. Im Film hat Lapid das Originalvideo eingebaut, allerdings mit schwarzen Balken vor den Gesichtern der Kinder.

Y (Ariel Bronz) und sein Impresario Avinoam (Sharon Alexander) © Sister Dist.

Im zweiten Teil des Films bricht Y auf zu einem Roadtrip durch Israel, zu einem Augenschein hinüber nach Gaza, zum Wiedersehen mit seiner grossen Liebe Leah (Naama Preis). Auf der Suche nach einer moralischen Motivation, um seinen Kompositionsauftrag zu erfüllen, lässt er sich von Leah Details von der Mordnacht schildern, er geht in die Wüste und hadert, er wird von seiner verstorbenen Mutter für seine Feigheit gesteinigt, er liest immer wieder Meldungen über die Zerstörungen im Gaza-Streifen.

Im dritten und letzten Kapitel, «The Night», schliesslich kommt es zur Generalprobe für die Aufführung mit dem Auftraggeber und da ist auch Yasmin wieder dabei, in ihrer aktiven Rolle als unterstützende Verführerin. Zugleich aber voller Ekel und Abscheu für die moralische Rückgratlosigkeit ihres Mannes. Yasmin will weg mit dem Sohn, nach Europa, weg aus dem Albtraum aus Gewalt und Unterwerfung. Und reicht Y dann doch die Hand zum Ende.

Feiern mit den Mächtigen: Yasmin (Efrat Dor) © Sister Dist.

Yes! ist ein wilder, verzweifelter, ausufernder Film, auch formal voller Brüche und stilistischer Bocksprünge, mit gezielt eingesetzter Musik von Bach über Thelonious Monk bis zu Elvis. Ein Film voller Leben am Abgrund zum Tod. Und zugleich, gerade weil er im Prinzip der Anlage von Klaus Manns Gustav-Gründgens-Schlüsselroman «Mephisto» folgt, der Geschichte des genialischen Künstlers, der nicht anders kann, als sich der Macht anzudienen, erschreckend einfach zu erfassen.

Wir leben längst global im Dilemma des unauflösbaren Konflikts, der sich nicht nur rund um Israel manifestiert. Yes! bietet nicht Hand, um irgend etwas daran besser zu verstehen. Aber der Film erfasst das emotionale Chaos und erinnert uns an unsere Menschlichkeit und die aller anderen. Das ist kein Trost. Aber überraschend hilfreich.

Im Kino ab 16. Oktober 2025
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