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    Lachat zu Polanski: Die Nachtmahr wird Wirklichkeit

    Von Pierre Lachat | 7. Dezember 2009 - 11:35

    Polanski mit Mia Farrow bei den Dreharbeiten zu 'Rosemary's Baby' © Paramount

    Polanski mit Mia Farrow bei den Dreharbeiten zu 'Rosemary's Baby' © Paramount

    Die Nachtmahr wird Wirklichkeit

    Über alles gesehen hat die Chronik etwas konstant Unbeschreibliches an sich. Es ist wohl nur Wenigen, seien sie hiesige o­der andere Eu­ro­päer, auch Amerikaner, in seinem Aberwitz restlos auf­­gegangen. Ein angesehener Filmemacher seit bald 50 Jahren wird in ein Land eingeladen, das er schon oft besucht hat. Eine Auszeichnung für das Erbrachte winkt ihm dort, ähnliche sind im Dutzend beiläufiger. Der Ge­­danke, die Kultur liesse sich auch ohne­ den ganzen Firlefanz um Lorbeerkranz unterstüt­zen, ist keineswegs neu oder weit her­geholt. Goldene Palme, Oscars beeindrucken alle, die Ro­man Polanskis Filme weder kennen noch kennen lernen wol­len, geschweige denn zu schätzen versuchen.

    Der Kandidat hätte absagen können, kein Schaden wäre ihm oder an­dern daraus erwachsen. Schliesslich gibt es­ immer noch weniger­ Preise als mög­­­­­liche Empfänger. Wenn er wahrhaftig anreist, dann als ein Freund der Schweiz, oder weil er sich vielleicht nur als sol­cher ge­bär­det, aus nachvollziehbaren Grün­den wie Niederlassung, Bank­­ge­heim­nis oder Steuersatz. Wen kümmert’s ? So manche andere halten sich schadlos. Indessen will kein Mensch die ü­berflüssigerweise vor­be­reite Urkunde und Lobesrede und das unkassiert gebliebene bisschen Grapsch dem Ehrungswürdigen madig machen. Alles hätte er bekommen dürfen, ohne einen Hahnenschrei.

    ‹On n’arrête pas Voltaire›

    Seine Verhaftung schockiert so sehr, dass sich an­fänglich viele weigern, wohl auch der Arrestant selber, an eine arglistig gestellte Falle zu glauben. Aus der Gruft wird ein zerfallen geglaubter Skandal geschaufelt, was bedeutet, wie eh und je : Ursachen und Hergän­ge sind­ weniger gefragt als Urheber. Für alles angeprangert wird in diesem Fall der Herein­gefallene und -genommene, des­sen Vergangenheit in der Tat eine dü­stere Episode einschliesst. Doch welcher Mann kann schon mit 76 in Anspruch nehmen, nie je­man­dem ein Leids getan zu haben­?

    Polanski dreht 'Repulsion' mit Catherine Deneuve

    Polanski dreht 'Repulsion' mit Catherine Deneuve

    Mit 13 konnte jenes Mädchen wohl noch makellos sein­, das er missbraucht ha­ben soll, einem Bekenntnis zufolge, das un­ter höchst fragwürdigen Umständen auf den Tisch gefeilscht wurde­. Unter­dessen will die erwachsene Frau nichts mehr von der frisch gehobenen Schauermär wissen. Was bliebe der bis heute medial Mitverfolgten auch anderes übrig als den tatsächlichen oder angeblichen Unhold weder zu be- noch zu entlasten ? Anwälte, Richter hätten es leicht­, ihre Aussagen nachzulesen. Selber wäre die Zeugin ausserstande, sich zu erinnern, weil vermutlich unwillens.

    Polanskis aus- und inländische Plaggeister von damals und heute beriefen und berufen sich­ in der Tat nur auf die Paragrafen. ‹Nur› heisst : ohne Rücksicht auf Vorgeschichte oder Konsequenzen und ohne Ansehen der Per­son und ihres Ansehens. Erst mal dreinschiessen, Fragen werden Hinterher ge­stellt. ‹Shoot first, ask questions later.› Was immer sich nur holprig zu­sammen reimt, ein Reim wird sich darauf schon machen lassen: irgendwann später halt. Was waren­ schon, von e­he­dem aus gerechnet, ein pa­ar müde Dekaden Prozess, und was wären, von jetzt ausgesehen, ein paar weitere, solange am Ende der letzte Zweifel widerlegt ist­ und die letzte Strafe ausgehalten ? O­pera­zion gelungen, Pazient gestorben. ‹Vivat justitia, pereat mundus.› Die Justiz überlebt Täter und Opfer.

    Vor dem Ge­setz, heisst es unerbittlich, sei nun ein­mal kei­ner gleicher als ein anderer. Aber : ‹On n’arrête pas Voltaire›, soll Char­les de Gaulle gesagt haben, als eine Verhaftung Jean-Paul Sartres anstand. Die Staatsan­wäl­­­te hätten den Filosofen und Schrift­steller für Jahre hin­­ter Gitter brin­gen können. Freilich liess sich absehen, dass dem Recht wohl Genüge getan, aber kein Gefallen erwiesen worden wäre. Die in Kalifornien ausgerichteten Ent­schädigungen, die wohl eher Schweigegelder, ‹hush mo­ney› waren, lassen sich ausser Acht lassen­, desgleichen der Profit, den die Medien aus der schmuddeligen Endlos-Affä­re schlugen und schlagen. Für alles Übrige a­ber hat die Verfolgung und Einkerkerung Roman Polanskis jedermann nur Verdruss und Ver­lus­te gebracht. Ein Wegschlies­sen für den Rest seiner Tage bleibt gewiss mach­bar, wie viel auch im­mer schon dazwischen gekommen ist und weiter in die Que­re geraten mag. Er wird also noch bereuen müssen, wenn er’s nicht schon getan hat – aber mit ihm­ alle andern. Hätte ich doch nie. Hät­ten wir doch nie auch nur daran gedacht­.

    ‹Corriger la fortune›

    Jene historische Begebenheit mag Tatsächliches und Hinzugefügtes um­fasst haben. Tinsel Town kennt sich aus mit Fakten und deren Anreicherung. Das, was als verbriefte Wahrheit so oder anders dargestellt wird, von den einen bekräftigt, von den andern bezweifelt, ist aus einem Han­del hervorgegangen, der an die marokkanischen Kamel­märkte erinnert, aber auch an das­ mittelalterliche christ­liche Absoluzions-Bu­siness oder die­ Qua­dratmeterpreise und Neu­wa­gen-Ra­bat­te in Wallisellen. Das Höchstmass, heisst das, wird über alle Gipfel emporgeschoben, aber der Ra­batt ist von Anfang an­ einkalkuliert. Sechs An­klage­punk­te bekommt der Beschuldigte um die Ohren gehauen. Fünf werden weggeputzt, wenn er bei­ einem gesteht.

    Was für ein breites Entgegenkommen! Fast lebenslänglich kriegen Sie, aber nur gegen Dankbarkeit fürs ungehängt Bleiben. Läge den­ Rechts-Sy­stemen weniger an den fleissig betriebenen Einknastungen und Aufknüpfungen und dafür mehr am persönlichen Gewissen, müss­ten derlei Praktiken des Hochstapelns mit dem Zweck des­ Runterkrämerns ei­ne­ sofortige Annulazion des Verfahrens bewirken, ge­folgt von der Verfolgung der Verfolger. Oh­ne wenn und aber sollten Anwürfe ent­weder erhoben werden oder n­icht. Aber worum schon einmal ge­mark­tet wurde, lässt sich­ logischerweise jederzeit nachverhan­­deln. Noch von den Alpen aus steuert Po­lanski revidierte Vergleiche an, um herauszufinden, ob noch etwas mehr zer­knirsch­te Schuldbeteuerung, zu­mal von der anhaltenden Sorte, zu­sätz­li­chen Nach­lass schindet.

    Die Spekulazionen, die auf Jahre hinter Gittern zielen, könnten plötz­­lich in ihr Gegenteil umschlagen:  Freilassung, Gala in Hollywood, die verpatzte Zürcher Ehrung vom Sep­tember 2009 wird nachgeholt. Schwarzen­eg­ger, auch er eine Figur der Leinwand­, druckst feige herum und denkt an seine Wähler. Sarkozy schüttelt die Hand und ent­sinnt sich Charles de Gaulles. Auf einen Aus­­gang der ‹cause­ cé­lèbre› wird entweder bereits gewettet, oder das heitere Ratespiel setzt mit der Ankunft des Häftlings in den USA ein und spätestens da­­mit eine Ma­nipu­la­zion des Prozesses, die dann wohl kaum die erste ih­­rer Art gewesen wäre­ : jenes ‹corriger la fortune›, das so manches andersrum krümmt. Da liessen sich reichlich Vorteile spenden und annehmen.

    So gesehen wäre eine Abschiebung ein unsinniger Schritt, der sich in eine Reihe schon vollzogener glatt einfügt. Polanski weiss, wovon er re­­det, wenn er sagt, seine­ grösste Angst seien die­ amerikanischen Medien, die immer wieder­ volksnahe Wunschurteile erwirkt ha­­ben. Als er sich damals, um einen kurzen Zwangsaufenthalt anzutreten, in einem Gefäng­nis des Staates Kalifornien einfand, standen gleich zwei Meuten bereit, je eine drinnen und draussen. Termingerecht waren Insassen und Repor­ter zum Empfang aufgeboten worden­. Doppelt gemobbt trifft tiefer ins Gemüt. ‹Hi, Planski› sollen sie gerufen haben, mit verschluck­tem O. Jetzt bist auch du nur noch eines von uns armen Schwei­nen.

    Ausgeburt

    Seine­ Filme zeichnen sich gewiss auch durch ein prononciertes, manch­mal auf- bis zudringliches Interesse für die weibliche und jungweibliche Erotik aus. Mehr aber noch handeln sie von dem, was er am besten kennt, seit den Zeiten im deutsch besetzten Polen und, später, des Mordes an seiner schwangeren Gattin Sharon Tate. Leitmotiv ist die Verfolgung durch Fluch und Geschick, die bisweilen die Form einer ü­ber­natürlichen Fügung anzuneh­men scheint­. Die Ängste, der Schrecken, das­ Leid, der Gedanke an die unglücklichen Zufälle müssen dem Regisseur nachgerade abhan­­den gekommen sein. Er hat sie alle, aus der eigenen hautnahen Erfahrung, mittels Blitzableiter an­ seine­ Stoffe weitergereicht.

    Rosemary’s Baby, um nur ein Beispiel zu nennen, schildert eine satanische Schwan­ger­schaft und wandelt dabei mit einem sehen­den und einem geschlossenen Auge entlang der Gren­ze zwischen Alp­traum und Realität. ‹This is not a dream. This is really happening.› Mit den legen­där gewordenen Worten quittiert die noch sehr mäd­chen­haft naive Titelheldin, in schlaftrunkenem Zu­stand, noch kaum halbwach, die nächtliche Begattung durch den Herrn der Höl­­­le in Person, der nach Vollzug schleunigst die Rück­fahrt unter­tags antritt­.

    Er sei ‹a man of wealth and taste› sangen in jener Zeit die Rolling Stones, ein Mann von Ver­mögen und Geschmack, und bezeugten Mitleid mit dem Teufel, ‹Sympathy for the Devil›. Rosemary, die jungfräu­liche Rose, wird einen Sohn zur Welt brin­gen. Mit den­ raubtierähnlich gelben Au­gen seines Erzeugers ist er ei­ne Wirklich­keit ge­wor­dene Nacht­mahr, ei­ne Ausge­burt. Das Schlimmste treffe nie mit Sicher­­heit ein, sagt man leichthin­. Polanski hat’s auch schon anders erlebt.

    Pierre Lachat

    Plakat zu Polanskis 'Cul-de-sac' von 1966

    Plakat zu Polanskis 'Cul-de-sac' von 1966

    Mehr zu Polanski hier im ursprünglichen Blogeintrag vom Tag nach seiner Verhaftung (mit über 150 Kommentaren).

    Topics: Autor / Drehbuchautorin, Film, Film und Kunst, Filmgeschichte, Leute, Regisseur/in | 1 Kommentar »

    1 Kommentar

    1. lieber herr lachat

      diese art von lamento macht mich richtig wütend – je mehr davon ich lese. es zeugt von einem verständnis des rechtsstaates, das mich immer wieder erstaunt. wir haben uns gesetze gegeben und haben die möglichkeit, diese zu ändern, sofern eine mehrheit dem zustimmt.

      momentan steht fest: herr polanski hat eine offene rechnung mit dem rechtsstaat usa – und wir haben ein auslieferungsabkommem mit den usa.

      wieso gibt es immer wieder leute, die alles besser zu wissen meinen als die gerichte? wenn die justiz unserer ansicht nach falsch funktioniert, haben wir die möglichkeit, richter (ab)zuwählen oder über gesetze abzustimmen. heutzutage müssen wir aber wohl aufpassen, dass diese nicht noch weiter in die andere richtung entgleisen: ich erinnere ungern an die aufhebung der verjährungsfrist für vergewaltigungen und an das jüngste minarettverbot…

      wo bleiben in diesen debatten die stimmen der kulturschaffenden – und gehen sie auch alle immer abstimmen und wählen?

      eine m.e. zutreffendere sicht auf den sachverhalt finden sie da: http://bit.ly/LK79F

      Kommentar by bierino — 8. Dezember 2009 @ 11:45

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