PETITE SOLANGE von Axelle Ropert

Solange (Jade Springer) ©2021 Aurora Films

Axelle Ropert schrieb das Drehbuch zu Madame Hyde mit Isabelle Huppert, der 2017 in Locarno zu sehen war. Ihr präziser Blick auf Klassenzimmer und Teenager ergänzte dort wunderbar die zunehmend überzeichneten Leiden der Lehrerin und ihr anschliessendes kathartisches Wechseln in den Monster-Modus.

Für ihre vierte lange Regiearbeit hat sie auch das Drehbuch selber geschrieben. Und die Geschichte der «kleinen» Solange bleibt realistisch und fein. „PETITE SOLANGE von Axelle Ropert“ weiterlesen

NEBESA (Heavens Above) von Srđan Dragojević

© Delirium Films

Der Regisseur von Parada hat sich einiges vorgenommen für diese satirische Komödie. Drei Kurzgeschichten, angesiedelt in drei verschiedenen Epochen, 1993, 2001 und 2026 gehen der Frage nach, was aus christlichen Vorstellungen so hat entstehen können in der postkommunistischen Zeit im heutigen Serbien.

Dragojević vergleicht das mit dem Auftauchen christlicher Ideen, die sich mit vorchristlichem Glauben und Aberglauben mischen. Und das zieht er durch, indem er Metaphern wörtlich nimmt.

Natürlich geht das im Film, in den ersten zwanzig Minuten sogar ganz gut. „NEBESA (Heavens Above) von Srđan Dragojević“ weiterlesen

AL NAHER von Ghassan Salhab

Yunna Marwan und Ali Suliman © Khamsin Films

In einer bergigen Landschaft im Libanon gehen ein Mann und eine Frau ziellos zwischen Felsen, Bäumen, Zäunen und Apfelbäumen umher. Zuvor haben sie sich in einem Gartenrestaurant angeschwiegen und angeschaut.

Auf der Tonspur schwillt Musik mit Geräusch mitunter bedrohlich an, dann donnern wiederholt Kampflugzeuge über den Himmel. Man hört Bombeneinschläge und Helikopter. „AL NAHER von Ghassan Salhab“ weiterlesen

BECKETT von Ferdinando Cito Filomarino

John David Washington als Beckett und Alicia Vikander als April © Netflix

Auf Tenet folgt Beckett. Und schon wieder ist John David Washington gehetzt unterwegs, ohne zu wissen wie ihm geschieht.

Zu Beginn des Films ist das us-amerikanische Liebespaar Beckett und April (Alicia Vikander) in den griechischen Bergen unterwegs. Sie necken sich, sie ziehen sich auf, sie lieben sich. „BECKETT von Ferdinando Cito Filomarino“ weiterlesen

MEMORIA von Apichatpong Weerasethakul

Tilda Swinton © Kick the Machine

Vor etwas über zehn Jahren hat Weerasethakul mit Uncle Bonmee uns in Cannes das kindliche Vergnügen am magischen Denken zurückgebracht. An diesen Onkel, der sich an seine früheren Existenzen erinnern konnte, erinnert Weerasethakuls erster ausserhalb von Thailand spielender neuer Film.

Tilda Swinton ist als Schottin in Kolumbien unterwegs, schläft in einer Wohnung und schreckt mitten in der Nacht auf, als sie einen lauten, dumpfen Knall hört. „MEMORIA von Apichatpong Weerasethakul“ weiterlesen

LES OLYMPIADES, Paris 13e (Paris 13th District) von Jacques Audiard

Noémi Merlant und Makita Samba in ‚Les olympiades‘ © page 114

Gleich drei Cannes-Stars haben am Drehbuch zu Jacques Audiards jüngstem Film gearbeitet: Der Regisseur selbst, Léa Mysius, die 2017 mit Ava überrascht hatte, und Céline Sciamma, deren Portrait de la jeune fille en feu an der letzten regulären Cannes-Ausgabe den Drehbuch-Preis und unzählige Herzen gewonnen hatte.

Gemeinsam haben sie drei Kurzgeschichten des graphic novelist Adrian Tomine (Amber Sweet/Killing and Dying/Summer Blonde/Hawaiian Getaway) in ein episodisches, perfekt verknüpftes Drehbuch gepackt. „LES OLYMPIADES, Paris 13e (Paris 13th District) von Jacques Audiard“ weiterlesen

RED ROCKET von Sean Baker

Mikey Saber (Simon Rex) © FilmNation

Sean Baker bleibt konsistent. Schon der Titelschriftzug Red Rocket ist in der gleichen kalligraphischen Retro-Pop-Schrift gehalten wie der Titel von The Florida Project (oder seinem Tangerine von 2015).

Auch der Stil ist wieder so etwas wie «scripted reality». Dokumentarisch auf den ersten Blick, aber hoch verdichtet, detailliert geschrieben und dieses Mal auch von den ersten Einstellungen an fiktiv überhöht. „RED ROCKET von Sean Baker“ weiterlesen

TITANE von Julia Ducournau

Palme d’or 2021

Agathe Roussell © Frakas Prod.

Seit dem FIPRESCI-Preis für Grave in Cannes erwarten Genrefilmfans, und nicht nur die, von Julia Ducournau grosses, seltsames, anderes Kino.

Ihre sehr zeitgenössische Variation auf den Werwolf-Film mit Garance Marillier und Ella Rumpf war ungemein sicher inszeniert, etwas blutig, etwas fremd. Und so eindeutig nicht männlich in seinem Blick, dass sich schon allein dadurch eine ungewohnte Stimmung einstellte. „TITANE von Julia Ducournau“ weiterlesen

A HERO (Ghahreman) von Asghar Farhadi

Rahim (Amir Jadidi) und sein Sohn © filmcoopi

Kunstvoll geschrieben, mit lebendigen, abgerundeten Figuren ist der vierte Film, mit dem Farhadi in Cannes in den Wettbewerb geladen wurde.

Seit ihn Cannes von der Berlinale «abgeworben» hat, hat Farhadi etliches ausprobiert, auch eine Version von A Separation in Frankreich, mit Le passé,  und eine Variation darauf in Spanisch, mit Todos lo saben. „A HERO (Ghahreman) von Asghar Farhadi“ weiterlesen

DRIVE MY CAR (Doraibu mai kâ) von Ryûsuke Hamaguchi

Hidetoshi Nishijima, Tôko Miura © Bitters End

Dass einem ein orangeroter Saab Turbo und Tschechows Onkel Wanja über drei Stunden hinweg gleichermassen ans Herz wachsen können, musste auch erst mal bewiesen werden.

Und auch, dass man aus einer Kurzgeschichte von Haruki Murakami mit dieser Leichtigkeit einen Film voller Perspektive machen kann. Hamaguchi kann es. „DRIVE MY CAR (Doraibu mai kâ) von Ryûsuke Hamaguchi“ weiterlesen