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    Locarno 13: GARE DU NORD von Claire Simon

    Von Michael Sennhauser | 10. August 2013 - 14:00

    Nicole García, Reda Kateb

    Nicole García, Reda Kateb

    Vor 27 Jahren machte der junge Luc Besson mit Subway eine Pariser Metrostation zu einem extrem lebendigen Oekosystem menschlicher Protagonisten und ihrer Geschichten. Nun gelingt dem Multitalent Claire Simon (von ihr stammt der brillante Dokumentarfilm Coûte que coûte) eine fast dokumentarisch angelegte Ausweitung des Prinzips auf den Pariser Gare du nord.

    Um zwei zentrale Figuren, die kranke Mathilde (Nicole Garcia) und den Soziologiestudenten Ismaël (Reda Kateb) herum schichtet Claire Simon ein grosses Knäuel locker verwebter Einzelschicksale. Ismaël macht im Auftrag der Métro RATP Passagierumfragen, um damit seine eigentliche Aufgabe zu finanzieren: Das soziologische Erfassen möglichst vieler der globalisierten Schicksale im Bahnhof.

    Nicole García

    Nicole García

    Die Ausgangslage erlaubt es dem Film, unzählige realistische Geschichten von Menschen zu präsentieren und zugleich ganz langsam und unaufdringlich einen wahrhaft magischen Realismus zu entwickeln, in dem auch Bahnhofsgespenster und andere Phantome Platz haben.

    Gare du nord ist zwar ganz klar geschrieben und konstruiert. Aber die Menschen, die der Film vorstellt, die wirken real. Und sie wirken nach. Ein Vorbild für den Film könnte durchaus der dreiundachtzig Jahre alte Halb-Dokumentar- Klassiker Menschen am Sonntag von Robert Siodmak und Edgar G. Ulmer sein.

    Reda Kateb

    Reda Kateb

    Arbeitslose und Heimatlose, Ausreisserinnen und Herumhänger, Kranke, Verliebte und Polizisten, ein Vater auf der Suche nach seiner Tochter, Aktivisten und Proteste, Selbstmörder, Verrückte und Wachpersonal, Verkäuferinnen und Kellner, Immigranten und Sans papiers – sie alle passieren den Bahnhof, arbeiten da, leben da, oder sterben. Das packt einen von der ersten Minute an und verkommt dennoch nie zu einem dieser perfekt totgeschriebenen Spielfilmsysteme, wie sie Hollywood mit Crash oder ähnlichen Publikumserfolgen durchexerziert hat.

    Müsste man denn einen modernen Vergleich wagen, käme am ehesten noch Robert Altmans Short Cuts in Frage, dem aber Claire Simon nun auch noch die relative Einheit des Ortes voraus hat.

    Gare du nord ist der erste grosse Leopardenkandidat im diesjährigen Wettbewerb von Locarno.

    Regisseurin Claire Simon

    Regisseurin Claire Simon

    Topics: Filmbesprechung, Filmfestival | Kommentare deaktiviert für Locarno 13: GARE DU NORD von Claire Simon

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