LEONORA IN THE MORNING LIGHT von Thor Klein & Lena Vurma

Leonora (Olivia Vinall) in Las pozas © dragonflyfilms

Dafür, dass Leonora Carrington dem Surrealismus Zeit ihres Lebens treu geblieben ist, hält sich dieser Spielfilm zu ihrem Leben inszenatorisch erstaunlich zurück. Die surrealsten Einstellungen wurden an einem existierenden Ort gedreht, im mexikanischen Skulpturengarten «Las Pozas» des Kunstsammlers Edward James. Wenn die Schauspielerin Olivia Vinall als Leonora Carrington dort hoch über den Pflanzen des Dschungels von Plattform zu Plattform geht, sieht das tatsächlich aus, als ob sie durch eines ihrer Bilder via Max Ernst und Luis Buñuel direkt in einen M. C. Escher gestiegen wäre.

Und dann gibt es noch diese Szene, in der Leonoras Vater, der britische Textilfabrikant Harold Wylde Carrington, hinter einem massiven Holztisch von einer riesigen Hyäne zerfleischt wird. Unter anderem darum, weil er seiner Tochter nie geglaubt hatte, dass sie mit den Tieren reden konnte. Aber auch darum, weil Leonora zu dem Zeitpunkt auf Veranlassung ihres Vaters in einer spanischen Nervenheilanstalt festgehalten wurde. „LEONORA IN THE MORNING LIGHT von Thor Klein & Lena Vurma“ weiterlesen

BROKEN ENGLISH: MARIANNE FAITHFULL von Jane Pollard & Iain Forsyth

The Overseer (Tilda Swinton) © xenix

Die Welt solle Marianne Faithfull ganz bestimmt nicht einfach als «Mick Jagger’s Girlfriend» in Erinnerung behalten, sagt Tilda Swinton: «Fuck that!»

Swinton ist «The Overseer» des fiktiven «Ministry of Not Forgetting» in diesem irritierend und hypnotisch mäandrierenden Dokumentarfilm über die britische Sängerin und Schauspielerin. Zusammen mit George MacKay, dem «Record Keeper», holt sie in ihrem als BBC-Vintagekulisse gestylten Studioministerium Archivmaterial zu Marianne Faithfulls Leben ans Tageslicht, büschelt die Filme und Interviews und kommentiert bisweilen bissig die klare Absicht, vergangene mediale Entgleisungen zur Biografie der stets ungewöhnlich offenen und medial stoisch ehrlichen Künstlerin zu korrigieren.

Dazu legt George MacKay der am Sauerstoffschlauch hängenden, aber sichtlich gerührten, erfreuten und hinreissend kooperativen 78jährigen das zusammengetragene Material vor und stellt ihr ergänzende Fragen, lässt sie Filmausschnitte, Interviews und Zeitungsartikel kommentieren und einordnen. „BROKEN ENGLISH: MARIANNE FAITHFULL von Jane Pollard & Iain Forsyth“ weiterlesen

FRANZ K. von Agnieszka Holland

Dr. Franz Kafka (Idan Weiss) In der Versicherungsanstalt © frenetic films

Franz Kafka und seine Texte seien für sie so prägend gewesen, sagt Agnieszka Holland, dass sie unbedingt in seinem Prag studieren und die Filmschule machen wollte, bevor sie nach Polen zurückkehrte und ihre eigene Karriere als Assistentin von Krzysztof Zanussi und Andrzej Wajda startete. Das war in den frühen 1970er Jahren und seit damals muss sie diesen Franz K. und dieses Prag mit sich als Projekt herumgetragen haben, mehr als ein halbes Jahrhundert.

Entsprechend umfassend, reichhaltig, überbordend und aus allen Nähten platzend ist ihr Film nun geworden. Aber zugleich – und zum Glück – getragen von einer fröhlich enzyklopädischen Leichtigkeit. In Franz K. steckt nicht nur ein Leben und ein Werk, nicht nur die Biografie und die Wirkungsgeschichte und der Mythos von Kafka, sondern ein ganzer Strauss biografischer, literarischer und vor allem multiperspektivischer Blütenstände und Dornensträucher. Dieser Film ist ein Fest, eine Feier, eine Versuchung. „FRANZ K. von Agnieszka Holland“ weiterlesen

BERLINGUER: LA GRANDE AMBIZIONE von Andrea Segre

Elio Germano als Enrico Berlinguer © cineworx

Italiens Filmemacher sind besessen von Italiens Politikern. Jedenfalls jene ihrer Generation und deren Väter. Marco Bellocchio hat mit Buongiorno, notte (2003) die Entführung und Ermordung Aldo Moros durch die Brigate rosse rekonstruiert. Paolo Sorrentino hat Giulio Andreotti Il divo gewidmet, und dem Phänomen Silvio Berlusconi gar einen Zweiteiler mit Loro 1 und Loro 2. Und Nanni Moretti, der 1991 in Il portaborse von Daniele Lucchetti als Schauspieler die Mühlen politischer Korruption durchlitt, hat in seinen Filmen immer wieder direkt Bezug genommen auf die reale italienische Politik. Mit Il sol dell’avvenire (2023) hat er zuletzt gar die Wechselwirkungen und Ähnlichkeiten zwischen Filmemachern und Politikern direkt auf die Schippe genommen.

Andrea Segre kommt vom Dokumentarfilm, sein Berlinguer profitiert davon, dank etlicher dokumentarischer Archiveinschübe und sorgfältiger Abwägung. Aber Berlinguer: la grande ambizione ist dennoch, wie der Titel vermuten lässt, ein Heldenporträt. „BERLINGUER: LA GRANDE AMBIZIONE von Andrea Segre“ weiterlesen

MONSIEUR AZNAVOUR von Mehdi Idir & Grand Corps Malade

Tahar Rahim als Aznavour © Pathé

Schauspieler Tahar Rahim bekam für diesen Film eine falsche Nase verpasst, damit sie sich die Figur, die er verkörpert, wegmachen lassen kann. Auf Anraten von Edith Piaf. Das Schöne daran? Der Umstand repräsentiert perfekt die Geschichte, die der Film erzählt.

Shahnourh Vaghinag Aznavourian, Sohn armenischstämmiger Einwanderer aus Georgien, verwandelte sich mit Beharrlichkeit und harter Arbeit in den Sänger (und Schauspieler) Charles Aznavour. Und der wiederum verkörperte schliesslich weltweit die «frenchness», wie vor ihm nur? Edith Piaf. „MONSIEUR AZNAVOUR von Mehdi Idir & Grand Corps Malade“ weiterlesen

MARIA von Pablo Larraín

Angelina Jolie als Maria Callas © Pathé Films AG

«I still hate Opera – Ich hasse Oper noch immer. Und ich liebe Dich noch immer», erklärt Aristoteles Onassis (Haluk Bilginer), als Maria Callas (Angelina Jolie) ihn 1975 an seinem Sterbebett in in Neuilly-sur-Seine besucht. Beide lächeln dazu, wie es das Drehbuch verlangt. Denn sie kennen auch den entscheidenden Satz von Maria dazu: «My life is opera. There is no reason in opera» – Mein Leben ist Oper. Es gibt keine Vernunft in der Oper. „MARIA von Pablo Larraín“ weiterlesen

BLAZE von Ethan Hawke

Alia Shawkat, Ben Dickey © Look Now!

Ethan Hawke kennt man vor allem als Schauspieler, etwa aus Linklaters Before Sunrise/Sunset/Midnight-Filmen mit der Französin Julie Delpy. Er schreibt aber auch, und nun kommt mit Blaze ein sehr ungewöhnlicher Musiker-Film von ihm ins Kino. Blaze erzählt aus dem Leben des Country-Singer/ Songwriter Blaze Foley, der 1989 erschossen wurde und schon zu Lebzeiten eher ein Geheimtipp war, eine rebellische Legende. „BLAZE von Ethan Hawke“ weiterlesen

Cannes 14: SAINT LAURENT von Bertrand Bonello

Gaspar Ulliel ist Yves in 'Saint Laurent' von Bertrand Bonello
Gaspar Ulliel ist Yves in ‚Saint Laurent‘ von Bertrand Bonello

Jalil Jespert war schneller im Kino mit Yves Saint Laurent und schaffte es dafür bloss in die Berlinale. Bertrand Bonello kommt erst jetzt, muss auf das ‚Yves‘ im Titel verzichten und hat es dafür mit Saint Laurent in den Wettbewerb von Cannes geschafft. Warum? Naja. Bonello. Cannes. Frankreich. YSL.

Nicht nur in Fankreich kommt es hin und wieder zum Produzentenkrieg um einen Filmstoff. Zuletzt vor drei Jahren um das Remake des Klassikers La guerre des boutons, von dem dann tatsächlich zwei neue Versionen ins Kino kamen, eine schlechte und eine schlechtere. „Cannes 14: SAINT LAURENT von Bertrand Bonello“ weiterlesen