Nachdem sie in der Schule von ihrer Freundin geohrfeigt wurde, hört und sieht Marielle plötzlich ihre Eltern im Kopf, als ob sie dabei wäre. Sie erlebt, wie ihre Mutter bei der Arbeit mit einem Kollegen die Möglichkeit von Bürosex kontempliert, und sie sieht die Demütigung ihres Vaters bei einer Team-Sitzung im Buchverlag.
Darum platzt es dann aus ihr heraus beim Abendessen mit den Eltern, als der Papa stolz erzählt, wie souverän er seinen jungen Kollegen in den Senkel gestellt hatte: «Aber das stimmt doch gar nicht, Papa!»
Wie das wohl aussieht, wenn eine Medienanthropologin sich der eigenen Familiengeschichte zuwendet? Dieser Dokumentarfilm ist die denkbar erfreulichste Antwort auf die Frage. Laura Coppens befragt ihren DDR-Grossvater liebevoll, vorsichtig, reflektiert und sehr zielgerichtet.
Der Film basiert auf akribischen Nachforschungen, greift zurück auf Briefe, Familienfotos, historische Unterlagen und Archivmaterial. Laura Coppens hat mit wissenschaftlicher Sorgfalt Materialien zusammengetragen, analysiert und verglichen.
Zugleich aber bleibt sie die Enkelin, die zusammen mit dem geliebten Opa Schicht für Schicht die Sedimente in der Familiengeschichte überprüft, mit seinen Erinnerungen abgleicht und sich dabei selbst dauernd daran erinnert, dass auch die eigene Erinnerungskultur von der Familiengeschichte geprägt ist. „SEDIMENTE von Laura Coppens“ weiterlesen
Jule hat drei Kinder und viele Probleme. Sie hat kein Geld, kaum Einkommen, eine kleinkriminelle Vergangenheit und dazu den unbändigen Willen, sich nicht unterkriegen zu lassen. Das wäre überall auf der Welt schwierig, zumal sie eben so entschlossen ist, ihren Kindern nichts als Normalität und Familienfrieden zu bieten.
Noch schwieriger aber gestaltet sich das im Rhonetal im unteren Wallis, in der Kleinstadt in dieser Talweite, wo dann doch alles an solide Grenzen stösst, auch die Geduld der sozialen Institutionen. „LES COURAGEUX von Jasmin Gordon“ weiterlesen
«Versprichst Du mir, dass Du mir das nicht wieder versaust?»
Das fragt Mutter Monica (Lisa Brühlmann) ihre fünfzehnjährige Tochter Valeska (Paula Rapaport), bevor sich die beiden auf den Weg machen, um mit Monicas neuem Freund und dessen Tochter Lena (Malou Mösli) nach Griechenland in die Ferien zu fahren.
Die Berliner Influencerin Leonie hat allein auf Instagram 1.6 Millionen Follower. Der Dokumentarfilm von Susanne Regina Meures hat «Leoobalys» auf ihrem Weg dahin vier Jahre lang begleitet.
Mit einer aufgeregten Menge sehr junger Mädchen hinter einer Absperrung vor einem Kaufhaus beginnt der Film. Es sind die Wiener Fans von Leonie, wie wir später erfahren. Acht-, Neun-, Zwölfjährige, die ihre vierzehn Jahre alte Online-Freundin einmal «in echt» sehen wollen.
Die Aufregung, die Tränen, das auf der Tonspur nur gedämpft wahrnehmbare Kreischen, das alles erinnert an die alten, schwarzweissen Aufnahmen von vorwiegend sehr jungen, weiblichen Beatles-Fans der 1960er Jahre.
Ein Vergleich, mit dem ich mich als alternder Kinogänger natürlich hoffnungslos in jenem Zuschauer-Segment verorte, das zum Phänomen «Influencer» vor allem Vorurteile und Kopfschütteln bereithält.
Die Dokumentarfilmerin Susanne Regina Meures hat sich ein paar dramaturgische Kunstgriffe überlegt, um mich genau da abzuholen – und gleichzeitig auch das zu erwartende Publikum aus dem unüberschaubaren Segment jener 1.6 Millionen «Follower», welche Leonie täglich mit Einblicken in ihren Mädchen-Alltag bedient.
Die Musik, welche da bald am Anfang einsetzt, die ist stimmbetont und feierlich, eine Art Kirchenchor, Elfenklänge aus abgehobenen Sphären. Und dann folgt auf der Tonspur eine Stimme mit einem Märchenanfang, die von einem Mädchen erzählt, dass sich in seinem «schwarzen Spiegel» spiegelt, fasziniert und faszinierend.
Der schwarze Spiegel ist, klar, das Mobiltelefon. Damit teilt die 14jährige Leonie die Freuden und Entdeckungen ihres täglichen Lebens mit immer mehr Freundinnen auf der halben Welt. Neue Schuhe, Klamotten, Mittel gegen Pickel, TikTok-Tricks und kleine Freudentänze.
Susanne Meures ist mit ihrer Kamera dabei, sie zeigt, wie Leonies Eltern das Management ihrer Tochter übernehmen, wie die Kleinfamilie mit Hund und Katze und Einfamilienhaus zur Firma wird, wie der Vater gezielt und geschickt immer grössere Firmenaufträge hereinholt.
Leonie ist ein Selfmade-Profi, sie beherrscht die Apps, die Plattformen, die Filter und den richtigen Ton. Die Eltern sorgen für geregelte Abläufe, Disziplin und die nötige Unterstützung.
Zwei Dinge macht der Film sehr schnell sehr klar: Was Leonie da macht, ist knallharte Arbeit. Mit der Vorstellung des «perfekten Lebens», das ihre Fans zu sehen bekommen, hat der Alltag wenig zu tun.
Wenn Leonie lacht, lacht sie in die Telefonkamera hinter dem Ringlicht.
Ist das Licht aus, ist sie gestresst, wirft dem mahnenden Vater oder der auf Zeitpläne drängenden Mutter vor, anstrengend zu sein und erweist sich zunehmend als pubertärer Teenager zwischen Disziplin und Einsamkeit.
Parallel dazu montiert der Film das Leben von Leonies Fan Nummer eins, Melanie, die mit ihren Fan-Accounts nicht nur Leonies online-Leben mitlebt, sondern auch über ihre versammelten Mit-Fans zu ihrer Reichweite beiträgt.
Ist Meures’ Kamera Leonie und ihrer Familie gegenüber betont neutral, wird Melanie als Proto-Fan von Anfang an mit einer gewissen Hysterie und in Dunkelheit inszeniert. Bis sie sich nach Jahren von ihrem Stellvertreterleben emanzipiert und eine richtige beste Freundin findet.
Das ist der eine gezielt manipulative Kunstgriff dieses Dokumentarfilms. Der andere besteht darin, dass Leonies Eltern an einigen Stellen im Off-Ton über ihre eigenen Ängste und Träume reden. Aber nie miteinander und nie mit der Tochter.
Es gibt keine dokumentarische Neutralität. Wer filmt, steuert Blicke und Vorstellungen. Daran erinnert «Girl Gang» auf jeder Ebene. Auch mit dem letzten Satz im Film, der dem Märchen (und dem Mädchen) ein gutes Ende wünscht.
Meures kam 1977 in Deutschland zur Welt. Sie studierte Fotografie und Kunstgeschichte am Courtauld Institute of Art in London, danach Film an der Zürcher Hochschule der Künste. Meures ist in der Regel ihre eigene Kamerafrau.
Ihr erster langer Dokumentarfilm war Raving Iran (2016), die Geschichte zweier iranischer Underground-Techno-DJs die über ihre internationale Karriere die Flucht versuchen.
Daran schloss 2020 Saudi Runaway an, in dem eine Frau in Saudi-Arabien ihre Flucht aus dem Land vorbereitet und sich dabei auch selbst filmt. Auf Wunsch der Protagonistin wurde der Film nach diversen erfolgreichen Festivalaufführungen schliesslich vom Produzenten vor der Kinoauswertung und weiteren Festivaleinladungen zurückgezogen.
Damit ist Girl Gang nun Meures’ dritter Film über Selbstbestimmtheit und komplexe Lebensumstände junger Menschen.
Während es aber bei den ersten beiden Filmen weitgehend unmöglich war, die in repressiven Ländern heimlich gefilmten Vorgänge unabhängig zu überprüfen, liegt beim aktuellen Film so ziemlich alles offen.
Für das frischpensionierte Ehepaar Alice und Peter entpuppt sich der Start in Die goldenen Jahre als unerwartet dramatische Knacknuss. Petra Volpe (Die göttliche Ordnung) hat das Drehbuch geschrieben, Barbara Kulcsar (Nebelgrind) inszeniert Esther Gemsch, Stefan Kurt und Ueli Jaeggi in dieser Dramödie, die am ZFF ihre Premiere feierte.
«Unser Sohn ist ein Gigolo. Und unsere Tochter trinkt zu viel».
Das bemerkt der frisch pensionierte Peter (Stefan Kurt) gegenüber seiner Frau Alice (Esther Gemsch) am Schluss der grossen Feier mit Familie und Freunden.
«Magischer Realismus» in einem Film aus Chile: Damit kann man Tote wecken. Im Falle von Magdalena (Mía Maestro) passiert das inmitten einer lokalen Umweltkatastrophe.
Einen schöneren, eindringlicheren, magischeren und zugleich realistischen Film hätte man dem NIFFF nicht zur Eröffnung wünschen können. Direkt von der Quinzaine in Cannes nach Neuchâtel, ein Film, der aus unerfindlichen Gründen erst in Frankreich und Spanien einen Verleih gefunden hat.
Nachtrag: Und in der Schweiz, bei der filmcoopi in Zürich.
Wer genau die fünf Teufel des Titels sind, erschliesst sich nicht auf Anhieb. Aber das ist das Wunder dieses Films von Léa Mysius: Sie erzählt von Gefühlen und Vorgängen, Ängsten und Sehnsüchten, die wir begreifen, ohne sie verstehen zu müssen. „LES CINQ DIABLES von Léa Mysius“ weiterlesen
Von den drei Schweizer «Vaterfilmen» im Programm der diesjährigen Visions du réel ist das der direkteste, derjenige, der die geweckten Erwartungen am einfachsten umsetzt und sie dann doch deutlich übertrifft.
Rudy Vit hat 43 Jahre für die gleiche Schweizer Firma gearbeitet, immer auf Geschäftsreise, oft in Asien. Nun steht die letzte dieser Reisen an, vor seiner Pensionierung. „FÜR IMMER SONNTAG von Steven Vit“ weiterlesen
Allein aus der Schweiz sind in diesem Jahr mindestens drei explizite «Vaterfilme» im Programm der Visions du réel. Der ungewöhnlichste ist auf jeden Fall der von Jules Guarneri.