Locarno 13: MARY QUEEN OF SCOTS von Thomas Imbach

Camille Rutherford als Mary Stuart
Camille Rutherford als Mary Stuart © pathé

Eigentlich ist das ja durch mit den Tudors, den Sex & Crime-Eskapaden in Fernsehmehrteilern, und es wäre wieder an der Zeit für die grossen Königsdramen – wenn Jean-Stéphane Bron schon einleuchtend seinen L’expérience Blocher als „seinen Blocher“ bezeichnet, in Analogie zu „seinem Hamlet“ oder „seinem Lear“ im Gesamtwerk eines Theaterregisseurs. Und nun also Thomas Imbach mit „seiner“ Maria Stuart?

Nun, zunächst ist es nicht Imbachs Maria, sondern jene von Stefan Zweig, die hier der Leinwand angewandelt wird. Und zudem interessiert sich Thomas Imbach nicht einfach für die Königin und ihr tragisches Schicksal, sondern offensichtlich für Wandlungen und Interpretationen und Verstofflichungen des teils historischen und teils literarischen Materials. Entstanden ist dabei ein exquisiter Film.

Der Stil zwischen kostümiertem Realismus, spielerischer Reduktion und bildstarker, kontrastreicher Inszenierung erinnert dabei an die französische Schule, ein wenig an Eric Rohmers theatralischen Perceval, ein bisschen an die neueren Historien-Interpretationen wie La religieuse von Guillaume Nicloux oder gar den deutlich dramatischeren Michael Kohlhaas von Arnaud des Pallières, der im Mai in Cannes zusehen war.

Thomas Imbach hat einen einzigartigen Stil entwickelt, der Intimität, Abstraktion und immer wieder auch Humor verbindet. Seine Zweig-Lektüre scheint ähnlich obsessiv wie seinerzeit seine Beschäftigung mit Büchners Lenz. Wo Imbachs Lenz allerdings autobiografische Elemente aufwies, scheint er dieses Mal eher interessiert daran, Stefan Zweigs eigenes Flüchtlings- und Emigranten-Schicksal mit dessen Blick auf die Königin und ihre diversen Verpflanzungen und Fluchten zu durchweben.

Joana Preiss als Marie de Guise mit der kleinen Mary
Joana Preiss als Marie de Guise mit der kleinen Mary

Der Film ist ein durchdachtes Vergnügen auf jedem Kanal. Von der Farbgestaltung über die Kameraführung von Rainer Klausmann bis zur wirkungsvollen Kostümierung wirkt er diszipliniert und sparsam. Im Kontrast dazu steht die grossartige Musik von Sofiya Gubajdulina, welche eine Opulenz andeutet, die dann doch vor allem im Kopf der Zuschauer entsteht.

Die Erzählökonomie ist bewundernswert und einfallsreich. Wenn Marias Mutter beschliesst, die Tocher übers Meer ins Exil zu schicken, um ihre Selbstbestimmtheit zu sichern, dann spielt das kleine Mädchen mit einem Holzschiffchen am Wasser. Und der von Stefan Zweig seltsam überbetonte verwandschaftlich ambivalente Zickenkrieg zwischen Maria Stuart und Elizabeth Tudor wird im Film von einem Puppenspieler mit zwei grossen Königinnenpuppen immer wieder durchgespielt.

Für Buch und Produktion zeichnen Thomas Imbach und seine Partnerin Andrea Staka gemeinsam. Die Schauspielerinnen und Schauspieler kommen aus England und Frankreich und aus diversen, zum Teil unerwarteten Ecken. So verköpert beispielsweise der Schweizer Musiker Stephan Eicher den Henry II von Frankreich. Figurenkonstellationen sind in einer Art „Cluster“ angeordnet, da sind etwa die vier Marys, Maria Stuarts Gesellschafterinnen aus diversen noblem Familien, die tatsächlich allesamt Mary hiessen – und denen Imbach schon früh einen überaus reizenden Auftritt gewährt.

Thomas Imbachs Mary Queen of Scots arbeitet mit dem maximalen Kontrast zwischen der unglaublich komplexen Historie und der sparsamen, disziplinierten Inszenierung. Die Vielschichtigkeit des Films mag überwältigend sein – das erste Seherlebnis besticht aber gerade mit seiner durchtrainierten Magerkeit. Der Opulenz der Ideen und Verknüpfungen stellt Imbach Tableaus und Szenen von eindrücklicher Klarheit gegenüber.

Thomas Imbach
Thomas Imbach

2 Replies to “Locarno 13: MARY QUEEN OF SCOTS von Thomas Imbach”

  1. Was würde die Schweizer Filmkritik ohne Michael Sennhauser machen, erneut eine geniale Einschätzung und Besprechung eines Schweizer Films.
    Persönlich bin ich noch etwas irritiert, wie ich das Thema des neuen Films mit dem von mir äusserst geschätzten Schaffen, sprich der filmische Handschrift, von Thomas Imbach zusammen bringe.

  2. Hoffe dieser Film kommt nie in Schottland auf die Leinwand. Das wäre eine Kriegserklärung.
    Schade um die Filmförderung.

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