Locarno 18: GLAUBENBERG von Thomas Imbach (Wettbewerb)

Zsofia Körös © frenetic

Der Glaubenberg ist keiner. Kein Berg. Sondern ein Pass. Aber wenn der Glauben Berge versetzen könnte, dann wäre es Lena wohl gelungen.

Lena liebt ihren wenig älteren Bruder Noah. Schon immer. Schon damals, als die Kinder auf dem Glaubenberg-Pass spielten. Und jetzt, als Siebzehnjährige, liebt sie ihn rasend, unaufhaltsam, unnachgiebig.

Die ersten vierzig Minuten von Thomas Imbachs jüngstem Film erreichen einen perfekten Flow, einen hypnotischen Fluss, ein spielerisches Ineinander aller Ebenen.

Noah und Lena © frenetic

Imbach schneidet mühelos die spielenden Geschwister von früher auf Szenen von Noahs Maturfeier, Lenas erotische Noah-Tagträume auf Alltagsszenen, Musik auf Stille, Geräusche und Soundscapes auf aufsteigenden Nebel. Man überlässt sich diesem Fliessen, hin und wieder gebremst von kleinen Irritationen, so wie Lenas Träumereien hin und wieder von stechender Eifersucht auf die realen Frauen in Noahs Umgebung oder von einer instinktiven Zurückweisung durch den Bruder gebremst werden.

Milan Peschel, Bettina Stucky, Zsofia Körös © frenetic

Glaubenberg sei biographisch begründet, erklärt Thomas Imbach, und inspiriert von einer Legende, steht im Vorspann. Die Legende stammt aus Ovids «Metamorphosen», es ist die Geschichte von Byblis und Kaunos, in der die von ihrem Bruder zurückgewiesene Byblis lange umher irrt und schliesslich zum Ursprung einer Quelle wird.

Faszinierend an Glaubenberg ist der fliessende Perspektivenwechsel auf allen filmischen Ebenen. Die tragische Hauptfigur ist klar Lena, überzeugend und einnehmend gespielt von Zsofia Körös. Aber Noah (Francis Meier), auch eines der vielen Alter Egos des Regisseurs (sein Sohn heisst so), ist für das Publikum der andere Ankerpunkt.

Lena und die Lehrerin (Morgane Ferru) © frenetic

Dazwischen liegen die Eltern, die mehr ahnen als wissen, eine junge Lehrerin, welche sich Lena als Eifersuchprojektion und als Vertraute zugleich erträumt. Und Enis (Nikola Šošic), Noahs bester Freund, den sich Lena scham- und skrupellos zur Ersatzerfüllung ihrer Sehnsucht holt, ihm eine von Noahs Wintermützen schenkt und ihn schliesslich verführt, unter der Bedingung, dass er dabei Noahs T-Shirt tragen muss – während der echte Noah längst auf einer Grabung in der Türkei ist.

Imbach spielt viel lockerer und souveräner als in seinen früheren Filmen auch mit den ironischen und komischen Momenten, die sich aus den Konstellationen ergeben.

Er spielt sogar mit der Wahrnehmung des Publikums. Denn nach all den Szenen, die sich als Tagträume und Projektionen Lenas entpuppen, sind wir nicht darauf gefasst, dass ein besonders bitterer Ausbruch des missbrauchten Enis während eines familiären Weihnachtsessens tatsächlich in der Wahrnehmung und Realität der ganzen Familie stattfindet.

© frenetic

Ein gewisses Risiko geht Thomas Imbach mit dem Rhythmuswechsel des Films ein. Während die ersten vierzig Minuten tatsächlich mit einer an Perfektion grenzenden Flüssigkeit ablaufen, fliessen, im Flow bleiben, kommt dann ein disruptiver mittlerer Teil, die Zeit, in der Lenas Träumereien Auswirkungen zeigen, in der Noah deutlich zu blocken beginnt, und sie erst recht mit Realitätsverzerrung reagiert.

Da werden langsam alle in der Familie und ihrer Umgebung einbezogen und reagieren mit unterschiedlichen Aus- und Abblendestrategien.

Dieser mittlere Teil des Film ist angemessen unruhig, zerhackt, kippend.

© frenetic

Und dann folgt die Disintegration Lenas, das zunehmende Herumirren der Byblis. Lena reist ihrem Bruder in die Türkei nach, oder träumt davon, sicher ist da schon nichts mehr. Sie sieht sich immer häufiger selber zu, probt Auftritte, nimmt Reaktionen vorweg. Hier arbeitet Imbach mit konventionellerem, härterem Schnitt und erhöht den Kontrast zwischen Lenas Wahrnehmung und einer filmischen Realität.

Bis er am Ende das Bild der Legende wörtlich nimmt, Wasser immer stärker zu fliessen beginnt, und damit auch Sequenzen aus Imbachs bisherigen Arbeiten, etwa Mary, Queen of Scots, in der Erinnerung auftauchen, glucksend. Und weinend.

Glaubenberg ist ein echter Imbach, einzigartig und kunstvoll, kompromisslos schön und tragisch zugleich. Und – vielleicht weil er autobiographisch weiter geht, als alle seine bisher schon meist biographisch verankerten Kunststücke – gesegnet mit einem trockenen Humor, einem aufblitzenden Bildwitz, der nie die Trauer stört, der Leidenschaft nie im Wege steht.

Deutschschweizer Kinostart : 22. November 2018
SRF hat diesen Film mitproduziert