URCHIN von Harris Dickinson

Karyna Khymchuk, Frank Dillane und Shonagh Marie in ‚Urchin‘ von Harris Dickinson © Charades

Harris Dickinson spielte das männliche Model in Ruben Östlunds Triangle of Sadness und den jungen Samuel, der Nicole Kidmans Romy in Halina Reijns Baby Girl dominierte. Dass der Schauspieler vor seinem Durchbruch schon vier Kurzfilme inszeniert hat, den ersten davon, Who Cares? (auf Youtube) mit 17 Jahren, als Regisseur und Haupdarsteller, das schlägt durch bei seinem aktuellen Langfilmdebut: Urchin ist ein reifes, gestalterisch ambitioniertes und inhaltlich aussergewöhnliches Drama.

Frank Dillane, fünf Jahre älter als Dickinson und seinerseits ein aufgehender Stern des britischen Kinos, spielt den obdachlosen Mike. Seit fünf Jahren lebt dieser Mike auf der Strasse, hält sich mit Gelegenheitsjobs wie Mülleinsammeln über Wasser und driftet zwischen Biernebel und Drogendröhnung durch den Alltag, in Gesellschaft und gelegentlichem Streit mit ähnlichen Existenzen.

Bald nach Filmbeginn schlägt er einen Mann nieder, der ihm etwas zu essen hat kaufen wollen, und raubt ihm die Uhr. Das bringt ihn innert weniger Minuten in Polizeigewahrsam (dank der im UK allgegenwärtigen CCTV-Kameras) und, nicht zum ersten Mal, ins Gefängnis.

Mike (Frank Dillane) © Charades

Mit seinem erstaunlichen Langfilmdebut steht der Londoner Dickinson durchaus in der britischen Tradition des sozial engagierten Erzählens. Aber anders als die vom sozialen Realismus geprägten Autorenfilmer des klassischen «kitchen sink realism» und ihren dezidiert politischen filmischen Vertretern wie Ken Loach verzichtet Dickinson fast vollständig auf einen wie auch immer gearteten sozialpädagogischen Impetus.

Dafür setzt er auf gestalterische Überhöhung und kritische Subjektivität über die Perspektive seiner Hauptfigur. So rafft er etwa Mikes Zeit im Gefängnis auf wenige Minuten, indem er ihn unter der Dusche zeigt und dann mit der Kamera dem abfliessenden Wasser «down the drain» in eine von bunten Mehrzellern belebte innere Höhlenwelt folgt, bis wir schliesslich irgendwo im Wald wieder ans Tageslicht auftauchen.

Das erinnert ein wenig an das Eintauchen in das abgeschnittene Ohr, welches Jeffrey Beaumont (Kyle McLachlan) in David Lynchs Blue Velvet in den Orkus einer dunklen Welt eintauchen lässt. Aber natürlich auch an das sprichwörtlich gewordene «Rabbit Hole» von Alice im Wunderland. Auch später, als Mike sich im Bewährungshelfersystem darum bemüht, ein tolerierbares Mitglied der Gesellschaft zu werden, nutzt Dickinson in verschiedenen Momenten surreale Sequenzen voller Stürze, rutschen oder fliegen.

Mike (Frank Dillane) © Charades

In mancher Hinsicht ist Dickinson mit seinem Sozialdrama näher bei Mike Leigh als bei Ken Loach. Aber eigentlich, und hier lässt sich ein sanfter Kalauer nicht vermeiden, steht Dickinson mit Urchin in der grossen erzählerischen Tradition seines Landsmannes Charles Dickens, dessen Londoner Figurenwelt auch oft vom typischen «street urchin», dem verwahrlosten Strassenkind geprägt war.

Was Dickinsons Film Urchin so einzigartig macht, neben seinen surrealen, erhöhten (oder abgetieften) Sequenzen, ist sein vordergründiger Verzicht auf eine moralische Haltung. Einerseits erfährt Mike eigentlich so gut wie keine direkte gesellschaftliche Ächtung oder gewaltsamen Ausschluss. Im Gegenteil: So gut wie alle Begegnungen, die er im Verlauf seiner versuchten «Resozialisierung» hat, sind wohlwollend und tolerant. Anders als Loach brandmarkt Dickinson nicht grundsätzlich eine asozial gewordene Gesellschaft.

‚Urchin‘ von Harris Dickinson © Charades

Was nicht heisst, dass er auf kritische Einwürfe verzichten würde. Sie kommen aber psychologisch nachvollziehbar und in der inneren Logik des Films schön eingebettet, direkt aus der Persönlichkeit von Mike heraus. Am deutlichsten in einer Szene, in der ihn ein Sozialarbeiter auf die Restorative Justice (wiedergutmachende Gerechtigkeit) Begegnung mit seinem früheren Raubopfer vorbereitet. Mike bittet den Mann überraschend: «don’t do that voice», er solle ihm gegenüber bitte nicht diese einfühlsam-herablassende Sozialarbeiterstimme anwenden, die ebenfalls im Büro anwesende Kollegin würde er ja durchaus mit seiner normalen Stimme ansprechen.

Was Mike wirklich nicht erträgt, ist die von ihm als Herabsetzung empfundene fürsorgliche Zuwendung, sei es durch Freundlichkeit oder Zuneigungsbezeugung. Sie läuft seinem aus dem Lot gefallenen Selbstwertgefühl dermassen entgegen, dass er die Diskrepanz nur mit Selbstbetäubung oder Selbstzerstörung angehen kann.

Urchin ist ein eindrücklicher, eigenständiger und bisweilen überraschend witziger Film. Und ein Beispiel für innovatives Kino, das sich aus grossen Traditionen heraus selbstbewusst und selbständig zu behaupten weiss.

In der Schweiz leider ohne Verleih
Zu sehen im Kino Xenix als Premiere am 5. Februar 2026
und in vier weiteren Vorstellungen im Februar


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