
Eines der vielen seltsamen Spiele der Schwestern September und July geht besteht darin, dass die Forschere der beiden die andere zu einer mehr oder weniger absurden Handlung auffordert: «September says: we don’t eat anymore red food», worauf July den Befehl ohne zu zögern befolgt. Im Gegenzug hilft September ihrer Schwester immer wieder aus der Patsche, wenn diese sich mit ihrer vertrauensseligen Art irgendwo in die Klemme manövriert hat: «Silly July!»
In der Schule werden die beiden als Freaks gehänselt. Auf Übergriffe an July reagiert September zunehmend aggressiv. So schneidet sie etwa einer Mitschülerin zur Strafe während des Unterrichts von hinten mit einer Schere den Rossschwanz ab.
Wenn Ariane Labed mit ihrem Regiedebut von zwei eigenwilligen jungen Frauen erzählt, tauchen Erinnerungen auf an den Film, mit dem sie als Schauspielerin bekannt wurde: Athina Rachel Tsangaris Attenberg von 2010. Und der wiederum erinnerte nicht von ungefähr an Vera Chytilovás weiblich-anarchische «Max & Moritz»-Variante Tausendschönchen (Sedmikrásky) von 1966.

Labed hat als Grundlage für ihren ersten Langspielfilm den Roman «Sisters» der britischen Autorin Daisy Johnson gewählt. Das Buch von 2020 ist eine zeitgenössische gothic novel. Davon lässt Labed mit ihrer zunächst eher fröhlich ironischen Inszenierung aber nur wenig erahnen, auch wenn sie die beiden Schwestern schon in den ersten Einstellungen irgendwo zwischen (indirekt) Wednesday Addams und (direkt) den Shining-Zwillingen verortet.

Das eigenwillige Dreieck zwischen Mutter Sheela (Rakhee Thakrar), einer Künstlerin, die mitunter eher wie eine ältere Schwester wirkt, und dem Doppelpack September und July, gibt Labed viel Spielraum, um spezifisch weibliche Geschwister-, Mutter- und Gesellschaftsdynamiken durchzuspielen, immer mit einem Hauch von Rebellion bei allen dreien.
Das beginnt sich zu verschieben, als September wegen einer besonders heftigen Strafaktion an einer Mitschülerin für einige Zeit vom Unterricht suspendiert wird, und sich die für neue (Beziehungs-) Erfahrungen viel offenere July für einmal unbehütet, aber auch ungebremst in die Gefahren der Adoleszenz zu stürzen beginnt. Mit weitreichenden Folgen, welche Labed zunächst mit einer interessant gesetzten Schwarzblende abschliesst.
Im zweiten Teil des Films hat sich Sheela mit den Töchtern in das Haus ihrer Mutter an der irischen Küste abgesetzt, ein Ort, an dem sie und ihre Töchter mit eigenen Kindheitserinnerungen zu kämpfen haben.

Ariane Labed baut grossartig Stimmungen, zunächst fröhlich ironisch, später gezielt befremdlich und zunehmend dramatisch. Damit wird sie der Stossrichtung der Buchvorlage perfekt gerecht, aber auf einem dramaturgischen Weg, der ungemein persönlich wirkt. Sie betont weibliche Befindlichkeit mit einer ungewohnten Selbstverständlichkeit, die beschämt – und eben auch wieder an Attenberg erinnert.
Dabei nutzt sie souverän körperlich-alltägliche Momente, die im Mainstream-Kino so tabu sind, dass ihre beiläufige Inszenierung hier eine eigene Gravitas bekommt. Etwa der übertriebene Ekel der Mitschülerinnen über die nicht rasierten Achselhaare der Schwestern, die zu einem Aufstand im Hallenbad führen. Oder Sheela, die mit September zusammen zu lauter Musik tanzend das Badezimmer putzt. Die Kamera blickt ohne falsche Distanz auf die rhythmisch wackelnden Hintern der Frauen, bei Sheela mit einer ganz selbstverständlich sichtbaren Slipeinlage in den transparenten Unterhosen.

Es ist nicht die wörtlich unverschämte Inszenierung weiblicher Alltagskörperlichkeit, welche hier schockiert, sondern tatsächlich die Erkenntnis, wie diese im Unterhaltungskino und in unserem retuschierten medialen Alltag noch immer ausgeblendet bleibt.
Im Prinzip geht Ariane Labed mit ihrem Film (durchaus der Buchvorlage folgend) auch auf der dramatischen und psychologischen Ebene ganz ähnlich unverblümt vor, indem sie klar ungesunde, aber real existierende Phänomene wie Co-Abhängigkeit, Dominanz und Unterwerfung, Loyalitätsverpflichtung, Trotz oder Ablösung in die Beziehungsdynamik der Mutter und ihrer Töchter einbringt.

Eine britische Kollegin war so verblüfft über die subtile Steigerungsdramaturgie von September says, dass sie die letzten Szenen des Films als Exorzismus bezeichnet hat. Im Hinblick auf all das, was Ariane Labed mit ihrem Film ins Spiel bringt, ist das vielleicht durchaus angemessen.
September says (der «deutsche» Filmtitel September & July ist der Titel des ersten Kapitels der Buchvorlage) ist ein Filmerlebnis, das sich ins Gedächtnis einschreibt, mit Darstellerinnen, deren Gesichter noch eine Weile nach Filmende nachleuchten.
Im Kino ab 24. Juli 2025
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