COVER-UP von Mark Obenhaus & Laura Poitras

Angesichts des Zustandes der gegenwärtigen Medien in den USA muten die Rekapitulationen der grossen Enthüllungen wie My Lai oder Watergate seltsam heroisch an. Dabei wäre es an den Journalisten, ihren Job zu machen, statt sich zum Beispiel darüber zu beklagen, dass einige von ihnen zu den Pressekonferenzen des Pentagon nicht mehr zugelassen werden.

Film gesehen an den Visions du réel 2026 in Nyon

Das sagte Laura Poitras gestern Abend in Nyon, nach der Vorführung ihres Dokumentarfilms über die Arbeit von Seymour Hersh. Sie bezog sich damit ziemlich direkt auf einen Satz, den Hersh seinerzeit nach seinen Recherchen zum Vietnam-Massaker von My Lai in die Kamera sagte, in einem Clip, der im Film zu sehen ist: Er könne all die Kollegen nicht verstehen, die zur Pressekonferenz gingen, ihre 500 Wörter Zusammenfassung an die Redaktion abliefern und sich damit zum Sprachrohr der Behörden machten, statt raus zu gehen und selber Fragen zu stellen.

Cover-Up ist ein Dokumentarfilm über diese Haltung, über den Mann, der damit in den USA Karriere machte, sich aber auch Angriffen aussetzte und der heute vor allem auf Substack schreibt, weil die Corporate-Medien der USA sich kaum mehr gegen die Reichen und Mächtigen, denen sie gehören, zur Wehr setzen.

Auch das zeigen Poitras und Obenhaus exemplarisch anhand der Arbeit von Hersh. Während ihn seine Vietnam-Recherchen zur New York Times brachten und zum Star machten, drehte der Wind sehr schnell, als er begann, Corporate America unter die Lupe zu nehmen – und dabei auf die Tatsache stiess, dass sein Arbeitgeber auch längst Teil dieser Machtstrukturen war.

Laura Poitras wurde bekannt mit Citizen Four, ihrem grossen Enthüllungsfilm mit Edward Snowden, Obenhaus hat mehrfach mit Hersh zusammengearbeitet. Und das Dokumentarfilmprojekt über Hersh und seine Arbeit hing zwanzig Jahre in der Luft, vor allem, weil Hersh selbst nicht wollte, niemandem wirklich traute.

Und selbst im nun fertigen Dok gibt es Szenen, in denen er hinschmeissen will. Meist dann, wenn er nach seinen Quellen gefragt wird. Hersh insistiert, dass der Quellenschutz das Wichtigste sei bei seiner Arbeit. Was ihm ein grosses Netzwerk eingebracht hat, ihn aber auch immer wieder angreifbar machte.

Poitras und Obenhaus haben exemplarisch zwei Fälle eingebaut, in denen sich Hersh geirrt hatte – was dieser auch nie bestreitet: Er ist einem Betrüger aufgesessen, der ihm gefälschte Briefe von Marylin Monroe an JFK angedreht hatte, bei seinen Recherchen über die «Dunkle Seite von Camelot». Und er hat sich in Syriens Diktator Assad getäuscht, mit dem er gute Kontakte pflegte und sich schlicht nicht vorstellen konnte, zu welchen mörderischen Entscheidungen dieser tatsächlich fähig war.

Cover-up ist ein gut gebauter, manchmal formal über Musik oder Montage effektvoll dramatisierender Dokumentarfilm, der mitten im Paradox der heutigen Medienlandschaft zusätzlich exemplarisch wirkt. Schliesslich gehört einerseits Brad Pitt mit seinem Plan B zu den Produzenten, andererseit ist die Plattform, auf der der Film nun weltweit zu sehen ist, ausgerechnet Netflix, also ein gewichtiger Teil von Corporate America.

Emilie Bujès und Laura Poitras (c) sennhauser

Für die Visions du réel in Nyon ist die Entscheidung, diesen Film zur Eröffnung zu zeigen pragmatisch und richtig, zumal Laura Poitras mit ihrer Anwesenheit den Entscheid sowohl für das Publikum wie auch medial nachvollziehbar macht. Und auch wenn Nyon nach wie vor vor allem ein Ort der Entdeckungen sein will: Es schadet nichts, wenn ein Film für das Publikum ohne viel Aufwand erreichbar ist. Zumal einer wie Cover-up.

Film gesehen an den Visions du réel 2026 in Nyon
Verfügbar auf Netflix


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