
Niemand ist leichter zu verunsichern, als eine Frau, die eben ihr erstes Kind bekommen hat. Die Erwartungen an sie sind enorm, Mutterglück eine zwingende Erfordernis, und die Ratschläge und Ermahnungen prasseln auf sie ein wie Sperrfeuer. Den definitiven Horrorfilm zum Thema hat ein Mann gemacht.
Aber fast sechzig Jahre nach Rosemary’s Baby (1968) holt sich eine Frau aus Österreich das Kind zurück. Mother’s Baby von Johanna Moder fährt nicht mit dem Teufel ein, die sechsundvierzigjährige Filmemacherin schichtet subtil und unaufhaltsam kleinere und grössere Ängste um Geburt und Mutterschaft zu einem postnatalen Crescendo furioso.

Marie Leuenberger spielt die Dirigentin Julia, die sich zur Ergänzung ihres hart erarbeiteten beruflichen Erfolges mit ihrem Mann Georg (Hans Löw) ein Kind wünscht, aber einfach nicht schwanger wird. Schliesslich klappt es mit Hilfe des charmanten und selbstsicheren Dr. Vilfort (Claes Bang) in dessen Privatklinik. Die Geburt jedoch verläuft nicht ohne Probleme, als das Kind endlich da ist, wird es von Arzt und Hebamme sogleich weggebracht, unter permanenter Versicherung, alles sei in Ordnung.

Sie habe eine eigene traumatische Geburtserfahrung zum Anlass genommen, diesen Film zu machen, hat Johanna Moder nach der Schweizer Premiere am NIFFF erzählt. Das ist in jeder Sekunde von Mother’s Baby zu spüren. All die kleinen und grösseren Hilflosigkeiten, die wir im Umgang mit Spitälern und Ärzten aus eigener Erfahrung kennen, steigern sich für Julia.
Der Arzt, der nicht Klartext spricht. Die Anästhesieschwester, welche Fragen mit einem Lächeln wegwischt. Die Hebamme, die trotz Panik im Gesicht und hektischer Aktivität weiter versichert, alles sei in Ordnung.
Und dann die seltsamen Elemente, wie der Axolotl im Aquarium im Büro des Dr. Vilfort, von dessen erstaunlichen Regenerationsfähigkeiten über Stammzellenmutation der Arzt mit Begeisterung redet.

Als Julia das Kind schliesslich gebracht wird, mit einer vagen Erklärung, es habe wegen einer Nabelschnurverwicklung unter zeitweiligem Sauerstoffmangel gelitten und sei darum in die Neonatologie gebracht worden, aber jetzt sei alles in Ordnung, bleibt die erwartete Magie aus. Das Kind bleibt Julia fremd.
Johanna Moder baut diese Distanz sehr realistisch immer weiter aus. Dabei hilft ihr die wirklich grossartig physische Darstellungskunst von Marie Leuenberger. Diese bringt die Mischung aus Panik, Distanz, schlechtem Gewissen und totaler Überforderung immer stärker zum Ausdruck, unterbrochen von kurzen Wutausbrüchen und kleinen Erfolgserlebnissen im Umgang mit dem stillen Baby.

Es sind die einfachsten Szenen, welche diesem Film seine Wucht verleihen. Wenn Julia die Musik immer lauter aufdreht, angesichts des still da liegenden Kindes, dann zur Geige greift und mit immer heftigerem Spiel vergeblich auf eine Reaktion hofft. Wenn sie das Kind schliesslich zum erschreckten Weinen bringt, mit einem Qietschspielzeug direkt neben dem Ohr, und sich bei dem Kleinen sofort und entsetzt über sich selbst entschuldigt.
Oder wenn sie dem Arzt gegenüber ihre Besorgnis darüber kundtut, dass das Baby offenbar keinen Schmerz spüre – und dieser sie fragt, wie sie zu dieser Annahme gekommen sei.
Mother’s Baby ist eine feinfühlige, subtil zum Thriller anschwellende, kammermusikalische Variation über postnatale Depression, die irrwitzigen Erwartungen an Mutterschaft und die Unsicherheiten jeder Frau (und ihrer Männer), die in perfekter Verwendung der Genrekonventionen zu einem starken Ende findet.
Kinostart Deutschschweiz: 18. September 2025
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