
Kennen Sie diese Kippbilder, bei denen man entweder eine Ente sieht, oder einen Hasen? Albert Serra nutzt das Prinzip für seinen Dokumentarfilm über den Stierkampf. Wer fasziniert ist von dem blutigen Ritual, kommt auf ihre oder seine Kosten. Wer überzeugt ist von der Sinnlosigkeit und dem Unrecht der Tierquälerei, sieht sich durchgehend bestätigt.

Und ein zweites Prinzip setzt Serra ein: Er filmt und montiert die Kämpfe des peruanischen Matadors Andrés Roca Rey analog zu der Figur, welche der Torero während des Kampfes einnimmt: Hochkonzentriert und nonchalant abgewendet im gleichen Moment. So wie Roca Rey den Stier wieder und wieder dicht an seinem eigenen Körper vorbei in das Tuch rennen lässt, lenkt Serra den Blick der Kamera, scheinbar neutral, beobachtend, emotionslos, urteilsfrei.
Ein Dokumentarfilm über Stierkampf ist grundsätzlich eine zwiespältige Angelegenheit. Es gibt keine ethische oder emotionale Neutralität angesichts eines Spektakels um Leben und Tod.

Hemingway hat versucht, über «Death in the Afternoon» seine Faszination mit der «corrida de toros» in eine Lebensmetapher zu destillieren, und Albert Serras Filmtitel «Nachmittage der Einsamkeit» bezieht sich klar darauf. Aber gerade auch darum ist Serra im Vorteil. Die nicht nur über Jahrzehnte, sondern über Jahrhunderte geführten Diskussionen um das ritualisierte Spiel mit Tod und Töten bilden den murmelnden Hintergrund zu den Bildern und Sequenzen, die Serra einfängt und montiert.

Die ersten Szenen geben das Kippbild vor. Auf der Leinwand sind einzelne Stiere zu sehen, schnaufend auf der nächtlichen Weide, mal den Blick direkt auf die Kamera gerichtet, mal abgewandt, aber wach und wachsam. Nach einem weiteren Schnitt ist Andrés Roca Rey im Tourbus zu sehen, genau so frontal gefilmt wie die Stiere, in seinem barock bestickten Anzug, mit seinen Kollegen und der Entourage, auf der Fahrt zu einem weiteren Kampf.

Von hier an überlässt es Serra dem Publikum, welche Perspektive es einnehmen möchte, die des Stierkämpfers oder jene des Stiers. In den nah und präzise gefilmten Kämpfen sind oft nur der Torero und der Stier im Bild, während die Kommentare der Kollegen und der Lärm des Publikums die konzentrierte Einsamkeit der beiden zentralen Protagonisten verstärken.
Mit jedem Lanzenstich der berittenen Picadores quillt mehr Blut aus dem Nacken des verwundeten Stiers, wird seine Fähigkeit, den Kopf zu heben, weiter eingeschränkt. Mit jedem Setzen der Banderillas wird die Muskulatur weiter geschwächt, der Blutstrom angefacht. Der Jubel des Publikums aber gilt den Toreros und ihren ritualisierten Aktionen. Der Stier wird in den Kommentaren auf der Tonspur als «hijo de puta» beschimpft, zum bösartigen Biest stilisiert und vom tatsächlich in der Arena ausgesetzten Opfer zum Gegner gemacht.
Haben Sie am letzten Absatz etwas auszusetzen? Ja, ich habe das Kippbild gekippt, zugunsten des Stiers.

Wenn Roca Rey dann wieder im Bus sitzt, abgekämpft, erledigt, von Schmerzen gezeichnet, wenn er seinen Rosenkranz küsst, das Madonnenbild auf dem Hotelnachttisch berührt, sind wir wieder bei ihm.

Bis er sich für den nächsten Kampf kleidet, in eine dünne Ganzkörperunterhose die bis unter die Achseln reicht, lange Strümpfe überzieht, ihn sein Famulus in die Brokat- und pailletenbestickten Hosen gleiten lässt, die Kordeln an den Waden schnürt, ihn in die Jacke presst und die ganze Szenerie unwillkürlich an die Bühnengarderobe einer grossen Drag-Queen-Show zu erinnern beginnt.
Wer will, bekommt mit diesem Film die Bilder und die Vorstellungsmöglichkeiten, um sich zu positionieren im Hinblick auf das Ritual, das Menschenbild und die Ideale, welche der Stierkampf portiert. Das geht nicht ohne Schmerzen, Idealisierung oder gar Abscheu.
Aber: Als Dokumentarfilm ist Tardes de soledad ein Solitär, ein unkommentiertes, direktes Meisterwerk.
Im Kino ab 28. August 2025
Spielorte und -Zeiten
Sondervorführungen in Anwesenheit von Regisseur Albert Serra in:
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- Zürich, Do, 28. August, 20.00 Uhr, Kino Xenix
- Basel, Fr, 29. August, 20.30 Uhr, Stadtkino
- Bern, Sa, 30. August, 20.00 Uhr, Kino Rex
- Zürich, So, 31. August, 12.15 Uhr, Arthouse Le Paris
- Winterthur, So, 31. August, 18.30 Uhr, Kino Cameo
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