MEANWHILE IN NAMIBIA von Jonas Spriestersbach

© Jonas Spriestersbach

Es ist immer wieder erstaunlich, mit welcher Bereitwilligkeit sich viele Leute vor einer Kamera um Kopf und Kragen reden, ohne es zu merken. Der Altmeister solcher Sammeltätigkeiten ist der Österreicher Ulrich Seidl, aber mit seinem jüngsten Dokumentarfilm kann ihm der Hamburger Jonas Spriestersbach (Tiere, 2019) durchaus das Wasser reichen.

Film gesehen an den Visions du Réel 2026 in Nyon

Für seine «No Budget»-Produktion ist Spriestersbach nach Namibia gereist, auf den Spuren der deutschen Kolonialgeschichte. Ein heisses Eisen, das keine deutsche Sendeanstalt anfassen mochte und für das darum auch kaum öffentliche Förderung aufzutreiben war.

Nun würde man annehmen, dass die Nervosität der Redaktionen damit zusammenhängt, dass Deuschland seine Kolonialgeschichte noch nicht einmal ansatzweise aufgearbeitet hat, und den Genozid an den Herero und Namas nie offiziell anerkannt hat, mit der Begründung, dass die UN-Völkermordkonvention von 1948 nicht rückwirkend gelte (womit sie wohl auch für den Holocaust hinfällig wäre).

Der gewichtigere Grund für die redaktionelle Ablehnung lag aber gemäss Spriestersbach eher darin, dass er als Weisser doch nicht die Geschichte der Schwarzen aufarbeiten könne. Was im Verlauf seines Dokumentarfilms zu einem monumentalen Treppenwitz gerinnen wird.

© Jonas Spriestersbach

Spriestersbach startet seine Exkursion in der Namibischen Küstenstadt Lüderitz, deren Name und Gründung zurückgeht auf den Bremer Tabakhändler Adolf Lüderitz. Der landete 1883 in der Angra Pequena. In der Hoffnung auf Bodenschätze kaufte er den Namas ein Stück Land ab, übervorteilte sie dabei aber massiv, weil er undeklariert mit preussischen Meilen (7.5km) rechnete, die deutlich länger waren, als die britischen (1.6km), von denen die Verkäufer ausgingen.

Die Namas waren also faktisch fast ihr ganzes Land losgeworden. Und in den Jahren darauf sorgte das Deutsche Reich auch mit Truppen dafür, dass die Interessen seiner Landsleute durchgesetzt wurden. Dass es dann auch noch Heinrich Ernst Goering, der Vater des späteren Reichsmarschalls Hermann Göring, war, der als Abgesandter des Reiches die deutsche Kolonie Südwestafrika gründete, bekommt in den Schilderungen des Films eine besondere Schlagseite mit der Erwähnung von «Shark Island» vor Lüderitz, einer Insel, die als Konzentrationslager für die Aufständischen diente, von denen kaum einer die Insel lebend verliess.

© Jonas Spriestersbach

Die Nachkommen der Kolonialherren nennen sich heute «Namibier deutscher Sprache» und pflegen nicht nur ihre Villen und Gärten und Farmen, sondern auch das Brauchtum, wie ein Chor aus lauter älteren Herren mit einem inbrünstig vorgetragenen alten deutsch-namibischen Lied voller Kolonial- und Safari-Romantik beweist.

Da sind sie wieder, die wohlmeinenden, stolzen Protagonisten vor der Kamera, die sich keiner Schuld bewusst sein wollen. Und sie sind erst die Vorreiter, wie sich im Verlauf des Doks weisen wird.

Da Deutschland um jeden Preis Schuldeingeständnisse und eventuelle Reparationszahlungen vermeiden wollte und will, flossen und fliessen dafür Millionen in Entwicklungshilfeprogramme, auch über die GIZ (Deutsche Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit), das Äquivalent zur Schweizer DEZA.

© Jonas Spriestersbach

Spriestersbach hat auch eine Convention besucht, an der vor Ort Entwicklungshilfe-Projekte diskutiert und vorgestellt wurden. Und er hat sich an die Fersen eines deutschen Paares geheftet, das Jahre in die Entwicklung von «lebenden Museen» gesteckt hat.

Dazu sammeln sie zunächst Dokumente und Fotografien zum traditionellen Leben der verschiedenen Stämme und Völkergruppen der Region. Dann regen sie die Leute in diesen Regionen an, dieses Brauchtum, die Kleider, Lendenschürze, Hütten, Feuerbohrer, Tänze etc. zu rekonstruieren und als Touristenattraktionen in eben solchen Living Museums vorzuführen.

«Wir sollen eine Kultur zeigen, die wir nie gesehen haben», fasst es einer der frustrierten Männer zusammen, nachdem es einer Gruppe von Männern und Frauen gelungen ist, einen Ort zu roden, Hütten zu bauen und sich mit Handwerk und Traditionen vertraut zu machen die, so die Vorgabe der Initianten, aus der Zeit vor allen europäischen Einflüssen stammen sollen.

© Jonas Spriestersbach

Die Organisation lässt die Menschen in Eigenregie und ohne Bezahlung arbeiten, die GIZ-Gelder fliessen in die Projektarbeit und später in die versprochene touristische Promotion. Nur, dass in einem Fall die Hütten schon bald zerfallen werden, weil die versprochene Strasse zur Erschliessung des Geländes nie gebaut wird.

Es ist der Kontrast zwischen den oft unglaublich ignoranten, wohlmeinenden (und gleichzeitig verlogenen) Sätzen der beiden Projektverantwortlichen und dem, was die involvierten Männer und Frauen in ihrer Sprache dazu zu sagen haben, wenn keiner der Deutschen zuhört (ausser Spriestersbach mit seiner Kamera), welche zu den absurdesten Momenten dieses Films führt.

Meanwhile in Namibia ist zwei Stunden lang und randvoll mit unglaublichen Momenten von treuherzig geäussertem Rassismus, Ignoranz, Bildungsmangel und Selbstgerechtigkeit. Dass auch die paar Touristen, die in den funktionierenden Living Museums auftauchen, mehrheitlich ausgesprochen peinliche Auftritte haben, versteht sich fast von selbst und erinnert in diesen Momenten auch besonders heftig an das Werk von Ulrich Seidl.

Jonas Spriestersbach ist sich bewusst, dass er mit seiner Expositionsmethode auch das Vertrauen etlicher Menschen missbraucht, die sich vor seiner Kamera gutgläubig produzieren. Im Falle einer Mitarbeiterin in einer Werkstatt, welche Safari-Beute taxidermisch präpariert, hat er diese darauf aufmerksam gemacht, dass sie ihren Job verlieren dürfte, wenn ihr weisser Arbeitgeber den Film zufällig zu sehen bekäme und höre, wie sie und ihr Kollege über ihn reden. Die Frau habe bloss gemeint, das sei nötig, und er solle die Szene ruhig drin lassen.

Den Vorwurf einer deutschen Kollegin am Ende der Aufführung an den Visions du Réel 2026 in Nyon, dass er gerade mit dem Zeigen der ignoranten Touristen den meisten Zuschauerinnen und Zuschauern in der weissen Welt die Möglichkeit biete, sich ohne viel Aufwand abzugrenzen, den nahm Spriestersbach auch ernst. Auch wenn er sich bemüht habe, da Zwischentöne zu montieren, etwa eine jüngere deutsche Frau, welche sich bestürzt zeigte über den Show-Charakter der Living-Museum-Abläufe.

Wer kritisch dokumentarisch arbeitet, macht sich immer auch angreifbar – von allen Seiten notabene. Der ältere Herr mit wohl afrikanischen Wurzeln, der sich beim Filmemacher im Anschluss bedankte, erklärte vor allem die Darstellung der sogenannten «Entwicklungshilfeindustrie» der staatlichen Institutionen und vieler NGO als absolut zutreffend, habe er doch selbst jahrelang in solchen Organisationen gearbeitet.

Was wiederum Wasser auf die Mühlen all jener konservativ-reaktionären nationalistischen Gruppierungen sein dürfte, welche Jonas Spriestersbach ziemlich sicher nicht bedienen möchte. Ein Dilemma, mit dem der Filmemacher zum Glück zu leben gewillt ist.

«This is not an enjoyable film», warnte Spriestersbach das Publikum in Nyon vor der Uraufführung. Damit hat er Recht behalten. Aber ich möchte diese unglaublich dichte zweistündige Lektion zum kolonialen Erbe und seiner giftigen Fracht nicht missen.

Film gesehen an den Visions du Réel 2026 in Nyon
Im Mai zu sehen am Dokfest München


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